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„Manches verarbeitet man nie“

Finissage der Niedringhaus-Ausstellung „Manches verarbeitet man nie“

Zum Abschluss der Ausstellung „Leben zwischen Fronten“ mit Bildern von Anja Niedringhaus berichtete ihre lang­jährige Kollegin Ursula Meissner von der Arbeit in Kriegsgebieten.

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Während Ursula Meissner sprach, war im Hintergrund das Bild einer verschleierten afghanischen Frau zu sehen. Foto: Yanik Schick

Stadtallendorf. Etwa 900 Besucher, so schätzt der Förderverein Division Schnelle Kräfte (DSK), haben die Ausstellung der Bilder von Anja Niedringhaus gesehen. Die Kriegsfotografin wurde 2014 in Afghanistan erschossen. Eine, die sie und ihre Arbeit bestens kannte, ist Ursula Meissner.

Auch sie war in den vergangenen Jahrzehnten als Fotojournalistin in den größten Krisenregionen dieser Welt im Einsatz - in Afghanistan, Libyen, Ruanda. „Was Anja passiert ist, hätte mir genauso passieren können“, sagte Meissner bei einem Vortrag zum Ende der rund dreiwöchigen Ausstellung in der Stadthalle.

Was geht in einem Fotografen vor, wenn er notleidende Menschen oder Kinder mit Waffen ablichtet? Und wie kann er sich überhaupt überwinden, immer wieder aufs Neue die größten Brennpunkte der Erde aufzusuchen? Fragen, die beim Auseinandersetzen mit Niedringhaus‘ Bildern zwangsläufig entstanden.

Ursula Meissner gab einen Einblick in das Gefühlsleben der Person hinter der Kamera. „Manches verarbeitet man nie“, berichtete sie auf die Nachfrage eines Zuhörers, wie sie mit den Eindrücken des Krieges umgehe. „Der Freundeskreis wird kleiner, weil man sich verändert. Ich bin nicht mehr die nette Blondine, die ich früher einmal war.“

Soldaten wurden an eigene Erfahrungen

Dennoch habe sie nie so richtig davon loslassen können. Allein in Afghanistan war Meissner mehr als 20 Mal. „Man will immer wieder dorthin. Man will das Zeitgeschehen mitbekommen, einen breiteren Blick auf die Dinge haben.“

Für ihren Vortrag brachte die Fotojournalistin zahlreiche eigene Bilder mit - jeweils verbunden mit einer Geschichte, die sich dahinter verbarg. Zum Beispiel war ein Mann zu sehen, ohne Beine, dafür aber mit breitem Grinsen im Gesicht. Er grüßt mit dem Peace-Zeichen in die Kamera.

„Ein Rebell, der in Libyen gegen Gaddafi gekämpft hat“, erklärte Meissner. An der Front habe er seine Beine verloren, weil die Rebellen im Kampf gegen Regierungstruppen kaum Waffen besaßen. „Er sagte mir: Wenn er im Krankenhaus Prothesen bekommen hat, dann will er wieder kämpfen“, so die Fotografin.

Vor diesem Hintergrund wirkte es verstörend, den Mann mit freundlichem Gesichtsausdruck und dem von seiner Hand geformten Friedenssymbol zu sehen. Aber das sei der Krieg, betonte Meissner. „Im Krieg sind Begegnungen authentisch. Es gibt keine Inszenierungen.“ Wieder schlug sie den Bogen zu Anja Niedringhaus: Sie sei extrem nah an den Menschen gewesen - das Wichtigste, um Augenblicke und Emotionen einzufangen.

„Es gab eine unerwartet intensive Beschäftigung mit den Bildern“, bilanzierte Oberstleutnant Frank Hille zum Abschluss. Viele Soldaten seien durch die Ausstellung an eigene Einsätze erinnert worden, andere Besucher hätten ein Gespür dafür bekommen, was es bedeutet, sich in solchen Krisenregionen aufzuhalten.

von Yanik Schick

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