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Mancher scheitert schon am Türöffnen

Barrierefreiheit Mancher scheitert schon am Türöffnen

Stadtallendorf gilt im Vergleich mit anderen Städten und Gemeinden bei der Barrierefreiheit als gut aufgestellt. Doch auch Gutes lässt sich noch verbessern, wie ein besonderer Ortstermin zeigte.

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Bürgermeister Christian Somogyi und Fachbereichsleiter Klaus Hütten (im Hintergrund) fuhren in Elektrorollstühlen in die Stadthalle. Foto: Michael Rinde

Stadtallendorf. Sie gelangten sitzend in Stadtallendorfs „gute Stube“, die Stadthalle. Bürgermeister Christian Somogyi (SPD) und Fachbereichsleiter Klaus Hütten hatten sich in elektrische Rollstühle gesetzt, um die Situation behinderter Menschen besser nachempfinden zu können. Die Idee dazu kam von der Stadtallendorfer Gruppe Aphasie. Aphasie steht für den Verlust der Fähigkeit, Gesagtes zu verstehen, zu sprechen oder zu schreiben. Schlaganfälle oder Hirnverletzungen bei Unfällen sind die häufigsten Ursachen für Aphasie, aber auch Lähmungen, die Menschen in den Rollstuhl zwingen können.

Das Landestreffen der hessischen Aphasiker hatte die Stadtallendorfer Gruppe zu ihrer Aktion mit Bürgermeister und Fachbereichsleiter animiert. Beim Treffen hatten Behinderte mit Elektrorollstuhlen beispielsweise Probleme beim Öffnen der Stadthallentüren oder bei der Benutzung des Aufzuges. Über ihn können Rollstuhlfahrer das Erdgeschoss mit Toiletten und Tiefgaragen-Zugang erreichen.

Mit Türöffnen hatte zumindest Bürgermeister Somogyi zunächst Schwierigkeiten. Der Aufzug war dann allerdings weder für ihn noch Hütten ein wirkliches Problem. Mehrere Mitglieder der Stadtallendorfer Aphasie-Gruppe verfolgten den Versuch mit. Auch Willi Fischer vom Verein „fib“, selbst im Rollstuhl sitzend, beteiligte sich. Elektrorollstühle sind meist breiter als die Standardausführungen.

An anderer Stelle in der Stadthalle gab es dann schon eher Probleme. So stellte Klaus Hütten fest, dass ein Rollstuhlfahrer in der Behindertentoilette im Kellergeschoss Schwierigkeiten bekommen kann, wenn er auf Hilfe angewiesen ist. Denn die Toilette ist sehr eng. „Sie ist nach den damals gültigen Normen gebaut worden, die aktuellen Normen sehen bereitere Behindertentoiletten vor“, erläuterte Hütten.

Im Anschluss an die Praxistestes tauschten sich Gruppenmitglieder mit Bürgermeister und Fachbereichsleiter aus. Dabei kamen auch andere problematische Orte in der Stadt zur Sprache, etwa Teile des Bahnhofs oder auch Stellen im Heinz-Lang-Park. Sie sollen bei eigenen Begehungen unter die Lupe genommen werden.

Michael Götz, der die Stadtallendorfer Gruppe leitet und zugleich auch Stadtverordneter von Bündnis 90/Die Grünen ist,, war mit der Aktion ebenso zufrieden wie Bürgermeister Somogyi. Die Stadt habe zugesagt, alle Anregungen zu prüfen, sagte Götz im Anschluss an die Ansprache gegenüber der OP, zum Beispiel über zusätzliche Öffnungshilfen für die Stadthallentüre. „Kritik aus der Gruppe gab es etwa auch an der Verschmutzung der Toiletten im Bahnhof, was allerdings nicht Sache der Stadt ist“, gab Götz ein weiteres Beispiel für ein Problem.

Die länger geplante Initiative der Gruppe passt mit einem Antrag der SPD-Fraktion zusammen, der morgen im Stadtparlament beraten werden soll. So soll das Parlament die Einführung eines ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten entscheiden. Er könnte die Stadtverwaltung etwa bei Bauprojekten beraten. Die CDU-Fraktion will allerdings zunächst die möglichen Aufgaben eines solchen Beauftragten prüfen lassen.

Bürgermeister Somogyi begrüßt die Idee eines Behindertenbeauftragten ausdrücklich. „Es lässt sich bei Bauplanungen eben nicht alles über Normen und gesetzliche Vorgaben klären“, beantwortet Somogyi eine entsprechende Nachfrage der OP. Er sieht auch Kostenvorteile: Alles, was nicht nachgerüstet werden müsse, sei auch kostengünstiger. Das dürfte die Stadt gerade beim teilsanierten Gemeinschaftszentrum gemerkt haben. Dort hat sich herausgestellt, dass die Brandschutztüren für behinderte oder ältere Menschen kaum geöffnet werden können, weil sie schlicht zu schwer sind. Sie müssen wohl mit Türöffnern nachgerüstet werden, wie Somogyi bestätigt.

von Michael Rinde

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