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Leuchtendes Beispiel der Altenhilfe

Altern Leuchtendes Beispiel der Altenhilfe

Auf Initiative des Bürgervereins "Leben und alt werden in Mardorf und Umgebung" sprach der Mediziner und Sozialpsychiater Professor Dr. Dr. Klaus Dörner im Bürgerhaus in Mardorf.

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Zahlreiche Gäste verfolgten den Vortrag von Professor Dr. Dr. Klaus Dörner im Bürgerhaus.Foto: Andreas Schmidt

Mardorf. Und das Bürgerhaus war voll besetzt, denn Klaus Dörner gilt als Kapazität rund um Themen des Alterns. So bezeichnete Burkhard Wachtel, zweiter Vorsitzender des Vereins, Dörner als „federführenden Vordenker eines menschlicheren, sozialen Hilfesystems“. Denn er mache deutlich, dass ältere Menschen nur dann in ihrer häuslichen Umgebung bleiben könnten, wenn sie Hilfe durch bürgerliches Engagement erführen.

Und Vize-Landrat Dr. Karsten McGovern bescheinigte dem Gastredner „eine ganz radikale Position: Er hat einmal gesagt, wir brauchen eigentlich keine Heime mehr.“ Er sei gespannt, ob seine Position immer noch so radikal sei. Denn für ihn sei klar: „Die meisten Menschen wollen auch im Fall von Pflegebedürftigkeit zu Hause leben. Also müssen wir uns überlegen: Wie kann das gehen?“

Vor diesem Hintergrund lautete der Titel von Dörners Vortrag: „Leben und alt werden in meinem Zuhause.“ „Heißt es denn, dass man radikal ist, wenn man die Wünsche der Bevölkerung aufgreift, die nicht mehr ins Heim will?“, fragte Dörner. Denn fast alle wünschten sich, zu Hause alt zu werden und auch zu sterben. „Also ist es unsere verdammte Pflicht, uns darum zu kümmern - und zu schauen, dass das geht.“

Dörner sieht derzeit einen Epochenumbruch: Die Menschen würden immer älter, „wir wachsen in eine Gesellschaft hinein, die auch den größten Bedarf an Hilfe hat.“ Und vor diesem Hintergrund wüssten auch die „größten Hilfeprofis nicht mehr, wie es weitergeht.“ Die große Flotte von Profihelfern, die unter strengen Zeittaktung arbeiten muss, könne diese Aufgabe nicht alleine bewältigen, „selbst, wenn es finanzierbar wäre - wir brauchen die bürgerschaftliche Hilfe“, so Dörner.

Vor diesem Hintergrund bezeichnete der Professor die Arbeit des Bürgervereins als „leuchtendes Beispiel. Es ist erstaunlich, wie weit Sie in den vergangenen Jahren gekommen sind.“

Altenhilfe wandelt sich

Bis 1980 habe man die Altenhilfe institutionalisiert, mit möglichst großen Heimen. Doch seither sei die Akzeptanz der Heime gesunken, denn die technischen Hilfen seien mobiler geworden, und auch die ambulanten Dienste hätten zugenommen. Daher gelte nun „ambulant vor stationär“. „Man muss nicht mehr den Menschen zur Hilfe bringen, sondern kann die Hilfe zum Menschen bringen. Und das wollen immer mehr Menschen in Anspruch nehmen “, so der 79-Jährige.

Bei diesem Wunsch spiele die nachbarschaftliche und bürgerschaftliche Hilfe eine wesentliche Rolle. Allerdings müsse man die Helfenden auch mobilisieren. „Gerade im dritten Lebensalter hat man 24 Stunden am Tag Zeit, nur sich selbst Gutes zu tun - das hält kein Schwein aus, das ist medizinisch unmöglich“, so Dörner. Aber wenn man einen Teil dieser überschüssigen Zeit als soziale Zeit abgebe, dann „bleibe ich im Gleichgewicht. Denn man kann auch durch Unterlastung krank werden.“ Dadurch sei der Begriff „helfensbedürftig“ entstanden, gleichzeitig der Titel von Dörners neuem Buch. Um Mitstreiter zu gewinnen, müsse man die Kunst des Klinkenputzens beherrschen - allerdings nicht mit Druck auf die Tränendrüse „oder als Bittsteller.“ Vielmehr müsse man fragen, „was wir als Hilfsbedürftige für Sie als Nachbarn tun können. Denn Sie sind sozial ja nicht ausgelastet.“ Der Vorteil der „Hilfe von außen“: Diese Menschen hätten einen gewissen Abstand zum Hilfsbedürftigen - im Gegensatz zur Familie. So sei die Hilfe nicht von Emotionen geleitet. „Es muss Grenzen geben“, verdeutlicht Dörner, etwa durch den engeren Sozialraum des eigenen Viertels oder Straßenzugs. Dieser müsse sich aber zum „Wir-Raum“ entwickeln.

von Andreas Schmidt

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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