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Leben in einer entweihten Kapelle

Mardorf Leben in einer entweihten Kapelle

Im Erdgeschoss geben sich Senioren die Klinke in die Hand, Dach- und Obergeschoss stehen leer. Wo früher die „Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul“ wohnten, könnte aber bald wieder Leben herrschen.

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Von außen ist das ehemalige Schwesternhaus in Mardorf ein echtes Schmuckstück – bei den Räumen in den oberen Geschossen sieht es indes anders aus.Fotos: Florian Lerchbacher

Mardorf. Das herrliche Backsteinhaus im Herzen Mardorfs ist der soziale Anlaufpunkt des Dorfes. Seit der Gründung des Bürgervereins Anfang des Jahres 2010 hat sich im ehemaligen Schwesternhaus viel getan: Der Mittagstisch am Dienstag und Donnerstag erfreut sich immer größerer Beliebtheit, die Mitwirkenden der vom Verein ins Leben gerufenen Bürgerhilfe kümmern sich um hilfsbedürftige Mitmenschen, zudem gibt es neben der MoMent-Sportgruppe Beratungsangebote von Stadt, Betreuungsverein und einem Versicherungsältesten.

Aber während sich Bürger vor Jahren in ehrenamtlicher Arbeit dafür engagierten, die Räume des Erdgeschosses aufzuhübschen, sieht es um die oberen beiden, derzeit ungenutzten Geschosse bisher schlecht aus. Der Sanierungsbedarf ist hoch -vor Jahren hatte der Verein mit Unterstützung der Kirchengemeinde auf Suche nach einem Investor einen Workshop mit diversen Beteiligten initiiert und von Renovierungskosten von insgesamt über zwei Millionen Euro gesprochen.

Nun hat laut Bürgerverein ein „regional ansässiger Projektentwickler“ Interesse an den oberen beiden Geschossen bekundet. Die Kirchengemeinde als Eigentümer des Gebäudes stehe dessen Plänen und einem Verkauf des Schwesternhauses -beziehungsweise der oberen Etagen, in denen die Schwestern lebten und zum Beispiel ihre inzwischen entweihte Kapelle eingerichtet war - offen gegenüber, betont Burkhard Wachtel, der zweite Vorsitzende des Bürgervereins.

Ziel sei es, das Haus barrierefrei zu machen, energetisch zu sanieren und es ans Nahwärmenetz anzuschließen. In Dach- und Obergeschoss sollen sieben Eigentumswohnungen mit je zwei Zimmern, einem Bad und einer Kochnische entstehen. Damit auch diese barrierefrei erreichbar sind, ist der Einbau eines Aufzuges an der Außenseite des Gebäudes angedacht.

Als Zielgruppe gibt Hildegard Kräling, Beisitzerin und einer der Aktivposten des Bürgervereins, Menschen an, die „relativ mobil sind und selbstbestimmt leben wollen“. Es sei weder vorgesehen, ein Altenheim noch betreutes Wohnen einzurichten -wohl aber könnten beziehungsweise sollten die Käufer die Angebote des Bürgervereins im Erdgeschoss nutzen und sich ins soziale Leben integrieren. „Für Leute, die hier leben, sind die Wohnungen nichts - solange sie selbstbestimmt auch in ihrem ursprünglichen Haus wohnen können. Ich denke mehr an Menschen, die ihre Eltern herholen, wenn diese nicht mehr komplett alleine leben können. Die Eltern könnten dann im ehemaligen Schwesternhaus ganz in der Nähe ihrer Familie wohnen - noch dazu gibt es Menschen, die sich gegebenenfalls um sie kümmern könnten“, erläutert Kräling.

In den Keller soll laut Planungen ein Multifunktionsraum kommen, der für Sportkurse und andere Angebote geeignet ist. Der Anbau des Hauses könnte zur Pilgerherberge ausgebaut werden, da Mardorf am Elisabethpfad und am Jakobsweg liegt, wie Kräling betont. Die Außenflächen sind ebenso wie das Erdgeschoss für das Gemeinschaftsleben eingeplant -wobei der Bürgerverein wieder eine zentrale Rolle spielt: Er könnte sein Angebotsspektrum erweitern, sagt Wachtel, nennt Carsharing und ein tägliches Verpflegungsangebot als Optionen und betont: „Die Gemeinschaftsangebote sind für Bewohner und alle Interessierten gedacht.“ Sinnvoll wäre es dann auch, die Küche auszubauen, damit Senioren dort auch eigene Aktionen initiieren können.

Unumgänglich sei dann auch die Sanierung der Toiletten, vor allem müsste eine behindertengerechte Toilette eingebaut werden, ergänzt der zweite Vorsitzende. Kräling stellt heraus, dass der 120 Mitglieder zählende Bürgerverein nicht nur für die Umsetzung der Pläne sondern generell mehr Unterstützer benötige - sowohl solche, die bei Eigenleistungen mit anpackten, als auch solche, die finanzielle Mittel zur Verfügung stellten: „Planungen und Umbauten im Erdgeschoss, die wir nicht selber stemmen können, wollen auch bezahlt werden.“

„Wir können mit den Projekt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Wir würden unser soziales Zentrum für die ganze Stadt ausbauen und zudem ein wunderbares Haus erhalten“, fasst Wachtel zusammen. Die genaue Zukunft des ehemaligen Schwesternhauses sei allerdings noch nicht klar: „Wir stehen noch ganz am Anfang der Planungen.“ Für Herbst oder Winter sei allerdings ein Tag der offenen Tür geplant. Dann seien Bürgerverein und der „regionale Projektentwickler“ so weit und könnten ihr Konzept im Detail vorstellen.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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