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"Lautsprecher" lässt‘s ruhiger angehen

Schlussstrich "Lautsprecher" lässt‘s ruhiger angehen

Wenn am Montag um 19.30 Uhr im Bürgerhaus Mardorf die Stadtverordnetenversammlung tagt, wird in den Reihen der Kommunalpolitiker einer fehlen, der 35 Jahre lang zahlreiche Sitzungen prägte: Ewald Mann.

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Eine Angler-Zeitschrift in der Hand und sich im Garten auf seinen Holzstühlen (auf keinen Fall Plastik!) entspannen – so stellt sich Ewald Mann die kommenden Jahre vor.Foto: Florian Lerchbacher

Mardorf. Eins ist sicher: Der Unterhaltungswert von Stadtverordnetenversammlungen und Ausschusssitzungen wird sinken. Das soll keine Kritik an Amöneburgs Kommunalpolitikern sein, sondern heißt schlicht, dass niemand dem Mardorfer Ewald Mann bei Sprüchen, Scherzen und Bemerkungen das Wasser reichen kann (und will?). Niemand!

Gut, nicht jeder Kommentar des „Lautsprechers“ der FWG ist ein Erfolg und sorgt für Lacher. Und manch ein Einwurf nach mehrstündigen Sitzungen wurde mit einem gequälten Lächeln oder einem genervten Kopfschütteln quittiert. Doch eins ist sicher: Insgesamt muss man Ewald Mann einfach gerne haben, denn er ist ein rundum sympathischer und liebenswerter Charakter- und oftmals auch Querkopf mit einer großen Portion Humor, viel Charme und einem Haufen Wissen. Selbst Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg muss zugeben: „Mit der Zeit habe ich gelernt, dass manche Regeln für Ewald Mann einfach nicht gelten.“

Vorsicht ist jedoch geboten, wenn das Thema aufs Angeln kommt: Dies kann in ausufernden Fachvorträgen zum Lachsfischen in Irland, Kanada oder Norwegen enden mit Kommentaren wie „Pazifiklachse steigen nur einmal auf und gehen nach dem Laichgeschäft praktisch kaputt“ - ein Hinweis, den kaum ein Mensch versteht, den der Mardorfer jedoch mit einer Miene der Selbstverständlichkeit gibt, dass der Zuhörer tatsächlich glaubt zu wissen, von was sein Gegenüber redet.

Für genau diese Fachsimpelei hat Ewald Mann künftig wieder mehr Zeit, denn der Mardorfer zieht sich kurz vor seinem 75. Geburtstag - wie vor der vergangenen Kommunalwahl angekündigt - aus der Politik zurück. Am Donnerstag nahm er während der Magistratssitzung bereits die Entlassungsurkunde als Ehrenbeamter und Stadtrat aus den Händen von Richter-Plettenberg entgegen. Am Montag wird bereits Mardorfs Ortsvorsteher und FWG-Mitstreiter Peter Benner Manns Platz auf den Bänken des Magistrats einnehmen. Doch Thema wird der 74-Jährige auf jeden Fall noch einmal sein, denn die Stadtverordneten müssen darüber abstimmen, ob sie ihn zum Ehrenstadtrat ernennen.

Von 1977 bis 1998 war Mann als Stadtverordneter kommunalpolitisch tätig, von 2001 bis 2013 fungierte er als Stadtrat. Die Erklärung, wie er einst in die Politik kam, ist typisch für den Mardorfer, dem der Schalk stets im Nacken sitzt: „Mein Freund Manfred Stumpf zog einst in die Stadtverordnetenversammlung ein und ließ die Arbeit beim Angelverein Mardorf-Schweinsberg, den wir gegründet hatten, schleifen. Also wollte ich ihn von seinem neuen Engagement wieder abbringen und ging auch in die Sitzungen.“ Dort allerdings gefiel dem gelernten Maurer, Hochbautechniker und Fliesenleger nach eigenen Angaben nicht, wie die Christdemokraten die anderen Mitglieder der Versammlung dominierten: „Ich wollte ihnen Paroli bieten - also ließ ich mich aufstellen.“

Nach einer politischen Leistung, auf die er besonders stolz ist, grübelt der Mardorfer nahezu erfolglos: „Wir waren immer eine kleine Fraktion und in der Minderheit - allerdings mit eigenen Ansichten. Etwas Großes bewirken, konnten wir nicht“, behauptet er und berichtet, er habe zumindest verhindert, dass die Stadt einst eine Umweltbeauftragte fest einstellte: „Sie hatte vielerorts das Sagen. Das gefiel mir nicht. Ich wollte nicht, dass sie stark wird.“

Herausragend war Manns Engagement für die Dorferneuerung in Mardorf. Von 2002 bis 2009 war er zunächst als Mitglied, später als Sprecher im Arbeitskreis Dorferneuerung tätig. Darüber hinaus ist er seit 1995 Ortsgerichtsschöffe und war von 1970 bis 1976 Vorsitzender des Mardorfer Ortsverbandes der Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden. Im Jahr 1980 gründete er die Gewässergruppe Lahn-Ohm im Fischereiverband Kurhessen, der er lange vorstand. Seine Leidenschaft gehört schließlich dem Angeln. So wundert es kaum, dass er einst den ASV Mardorf-Schweinsberg gründete.

Aber auch bei der Gründung des Schützenvereins Mardorf hatte er die Finger im Spiel. Typisch Mann sind die Erinnerungen an die Zeit, als der Verein einen Panzer kaufen wollte: Eigentlich sei es das Ziel gewesen, den Auftritt der Schützen bei Umzügen durch das Fahrzeug spektakulärer zu gestalten. Der Mardorfer berichtet jedoch: „Wir brauchten aufgrund der Gebietsreform doch eine Verteidigungslinie gegen die Berger, daher wollten wir uns an der Rulfbrücke aufstellen. Weiter sollten sie nicht kommen.“

Ob dies witzig ist, mag jeder selbst entscheiden. Fest steht jedoch, dass der Träger des Landesehrenbriefes seine Sprüche künftig nicht mehr so öffentlichkeitswirksam wie in den vergangenen 35 Jahren klopfen wird. Ob er tatsächlich Ehrenstadtrat wird - was eigentlich so gut wie sicher ist - scheint ihm egal zu sein: „Naja, dann werde ich es halt. Was nützt es mir denn? Ein Stück Papier oder ein Blechding zum Umhängen bringt mir doch nichts.“ Ein „typischer Ewald Mann“ zum Abschied...

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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