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Latte fällt so lange zu Boden, bis sie bricht

Selbstversuch Sportabzeichen Latte fällt so lange zu Boden, bis sie bricht

Werfen – kein Problem. Springen – nie optimal, aber in Ordnung. Laufen – so eine Sache. Die Grundvoraussetzungen für das Ablegen des Sportabzeichens sind also gegeben. Nun heißt‘s: versuchen.

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Pech gehabt oder Zeit für eine Diät? Beim Fehlversuch über 1,40 Meter wird es auch der Stange zu viel: Der Einschlag von 88 Kilo Lebendgewicht lässt sie brechen.

Quelle: Michael Hoffsteter

Stadtallendorf. Rund 61000 Hessen legten im vergangenen Jahr das Sportabzeichen ab. Und wenn die Sportabzeichen-Tour schon vor der Haus- oder besser der Arbeitsplatztür Halt macht: Warum dann nicht einfach teilnehmen? Nun, die Antwort ist einfach: wegen der Ausdauer.

 

In vier Kategorien gilt es, bestimmte Anforderungen zu erfüllen, um das Sportabzeichen in Gold, Silber oder Bronze zu erreichen: Kraft und Koordination waren eigentlich noch nie ein Problem – vor allem, weil es in beiden Kategorien Disziplinen gibt, die mit Werfen zu tun haben. Schnelligkeit lässt sich auch irgendwie bewerkstelligen. Nur die Ausdauer ... 3000 Meter weit laufen? Das entspricht wie oft dem Weg von der Couch in die Küche und zurück in Folge? Für einen einigermaßen trainierten Menschen kein Ding. Für einen 38-jährigen Softballer, der maximal 36 Meter, also die Distanz bis zum zweiten Base, am Stück läuft, und auch sonst nichts für seine Kondition macht, ist das ein Haufen Holz.

3000-Meter-Lauf überleben

Aber, der Mensch wächst an seinen Herausforderungen. Und wenn‘s schnell geht, lässt sich sicherlich auch der innere Schweinehund abhängen. Also nix wie hin ins Herrenwaldstadion. Mit zwei Zielen: Das Sportabzeichen ablegen und den 3000-Meter-Lauf überleben.

Losgehen soll‘s mit einem Erfolgserlebnis. Also muss eine Wurfdisziplin her. Kurz den Schlagball auf 63 Meter gepfeffert, dann noch Stadtallendorfs Bürgermeister die richtige Technik gezeigt und den Kampfrichter darauf hingewiesen, dass sich Erwachsene eigentlich am Schleuderball versuchen müssen. Die notwendige Ausrüstung ist aber noch nicht da – also muss der Schlagball reichen. Unter dem Motto „Werfen kann er, der Jung‘“, gibt‘s das erste Mal Gold. Kategorie Koordination abgehakt.

Nicht schön, aber erfolgreich

Nebendran liegt die Weitsprunggrube. Drei Testläufe später ist klar: Nur im optimalen Fall reicht‘s für Gold – außerdem nervt der Sand, der in den Schuhen landet. Und außerdem: Kategorie Koordination hat doch schon ein Häkchen. Also weiter geht‘s: zum Kugelstoßen. Kategorie Kraft.

Sportabzeichen mit Florian Lerchbacher - Stadtallendorf Herrenwaldstadion, 24.Juni 2015 : Foto / Michael Hoffsteter

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Dreimal die Woche Fitnessstudio (stets fernab des Cardiobereichs natürlich) und rudimentäre Technikkenntnisse erweisen sich als hervorragende Grundlage. Der erste Versuch läuft zwar nicht optimal, aber das 7,25 Kilo schwere Sportgerät landet bei 9,15 Meter – was weit mehr ist als die für Gold geforderten 8 Meter. Motto diesmal: „Nicht schön, aber erfolgreich.“

Erste Versuche laufen fluffig

Und Kraft gespart, die man nun einfach mal beim Hochsprung einsetzen kann. Gehört zwar in den bereits erledigten Koordinationsbereich, ist aber eine schöne Sportart. Die ersten Versuche laufen fluffig, und zwischen Rücken und Latte ist noch jede Menge Platz. Sagen zumindest ein paar andere Sportler, die über die eigenen Versuche den Mantel des Schweigens hüllen, aber beim Anfeuern weltklasse sind. Nach ein paar Sprüngen liegen 1,40 Meter auf. Anlauf, Sprung ... und gerissen. Fühlte sich eigentlich gar nicht so schlimm an – doch einen weiteren Versuch wird es nicht geben, denn die Latte ist durchgebrochen. Ist es Zeit für eine Diät? Oder war es Pech? Und wo ist der Mantel des Schweigens, wenn man ihn mal braucht?

Die Nachricht, dass der OPRedakteur dem Hochsprung ein Ende gesetzt hat (es findet sich keine zweite Latte), verbreitet sich rasend schnell. Jedenfalls schneller als sich der 100-Meter-Lauf absolvieren lässt. Die Kampfrichter bestehen darauf, die gerundeten 13,9 Sekunden (reichen für Silber) in der Kategorie Schnelligkeit einzutragen. Die Anmerkung, dass 100 Meter für einen Sesselsportler eine Langstrecke sind, ignorieren sie ebenso wie angebotene Bestechungsgelder.

Der Schweinehund läuft mit

Bleibt also nichts anderes übrig, als die 3000 Meter anzugehen. Alternativangebot sind 800 Meter Schwimmen. Mit dem bevorzugten Stil „Boje“ (Technik: sich treiben lassen) lässt sich allerdings nicht einmal ein Blumentopf gewinnen.

Also rüber in den Heinz-Lang-Park auf die Laufstrecke. Wieder sind die Kampfrichter gnadenlos. Nein, eine Runde laufen und die Zeit dann auf die Gesamtstrecke hochrechnen, geht nicht. Und jemanden anderes für sich laufen lassen, ist auch nicht drin. Es bleibt also nichts übrig, als an den Start zu gehen. Den Schweinehund an der Seite. Oder besser: als zusätzlichen Ballast auf dem Rücken. Oder beides.

Er macht sich jedenfalls schwer und jammert schon nach 200 Metern, dass er die Schnauze voll und keinen Bock mehr habe. Und seine Stimmung wird nicht besser. Nach 800 Metern reißt der Kontakt zu den letzten Läufern ab und es wird einsam. Der Schweinehund fordert die Aufgabe immer vehementer.

Das einzige, was das Leben im Körper hält, sind die Zwischenzeiten. Auch nach 1500 Metern ist noch Luft nach unten drin. Zumindest mehr als in der Lunge, die nur noch ein jämmerliches Rasseln von sich gibt.

Lauf durch die Hölle

Die zweiten 1500 Meter sind ein Lauf durch die Hölle. Gut, dass der Schweinehund eine noch schlechtere Kondition und irgendwann keine Kraft mehr hat, zu meckern. Das Wunder geschieht, und das Ziel ist erreicht. 17:14 Minuten – eine Zeit, die für Silber reicht. Sensation! Das wäre fast eine Titelgeschichte wert!

Doch das Sportabzeichen gibt es trotzdem nicht. Der offizielle Wertungszettel ist spurlos verschwunden. In 16 Jahren als Journalist sind nicht ein einziges Mal Unterlagen verloren gegangen – und dann das. Alle Mühen umsonst? Natürlich nicht. Denn wie heißt es doch so schön? Dabeisein ist alles. Der olympische Gedanke muss nun zählen.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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