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Langgehegter Wunsch geht in Erfüllung

Neuer Imam Langgehegter Wunsch geht in Erfüllung

Moscheen seien in der Türkei nur zum Beten da, in Deutschland seien sie Treffpunkte und multikulturelle Veranstaltungsstätten. Das fasziniere ihn, erklärt Imam Ramazan Bozkurt.

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Ramazan Bozkurt freut sich, in Neustadt herzlich aufgenommen worden zu sein.Foto: Lerchbacher

Neustadt. Ramazan Bozkurt ist ein neugieriger Mensch, der gerne über den Tellerrand blickt. Beispiele gefällig? Streng muslimisch erzogen, studierte er einst Religion - aber gleichzeitig auch Betriebswirtschaftslehre. Danach war er in seiner Heimat Inebolu als Imam (Vorbeter) tätig - beschloss aber, auch das Christentum kennenlernen und im Ausland leben zu wollen. Die Berichte über Moscheen in Deutschland, die multikultureller Treffpunkt seien, hätten sein Interesse geweckt, erinnert er sich. Und so fasste er einst den Entschluss, die Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Inzwischen ist er bereits zum zweiten Mal hier.

Doch der Reihe nach: Der 46-Jährige stammt aus Inebolu, einer Stadt in der Provinz Kastamon an der türkischen Schwarzmeerküste. Die Familie - strenggläubig - schickte ihn als Elfjährigen auf ein Internat mit dem Schwerpunkt Religion. Sein Schulabschluss berechtigte Bozkurt damals, als Imam tätig zu sein. Der junge Mann beschloss jedoch, an der Uni Marmara in Istanbul ein Religionsstudium anzuhängen. „Ich wollte den Islam auch noch studieren“, erklärt er Oguz Yilmaz vom Vorstand der türkisch-islamischen Gemeinde Neustadt, der für das Pressegespräch als Übersetzer fungiert.

„Der Glaube bereitet viel Freude. Mir hat es immer Spaß gemacht, mit den Menschen über Religion zu reden“, sagt er und erklärt: Schon immer habe er daher den Wunsch gehabt, als Vermittler des Propheten Mohammed tätig zu sein, seine Botschaft zu übermitteln und das Wissen aus dem Koran weiterzugeben. Ein Religionswissenschaftler habe vor mehr als 2000 Jahren gesagt: „Lebe dein Leben mit dem Islam und schmücke dein Leben mit Gebeten“, berichtet Bozkurt und betont: „Diese Aussage hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.“

Nichtsdestotrotz absolvierte Bozkurt neben dem Religions- über Fernkurse noch ein BWL-Studium an der Uni Anadolu in Eskisehir: „Ich hatte die Möglichkeit, einen zweiten Abschluss zu machen - und die habe ich genutzt.“

Nach dem Studium war er ab dem Jahr 1993 in seiner Heimat Inebolu als Imam tätig. In dieser Zeit legte der Vorbeter, der Beamter des türkischen Staates ist, die notwendigen Prüfungen ab, um im Ausland arbeiten zu dürfen. So kam er 1998 für sechs nach Biberach an der Riss, wo er Kontakt zu vielen Menschen hatte und mit Schulen und Kirchengemeinden kooperierte. „Das Miteinander der Religionen funktioniert“, betont Bozkurt. Die verschiedensten Nationalitäten und Glaubensrichtungen hätten eine Gemeinsamkeit: Den Glauben an den einen Gott. „Es gibt verschiedene Religionen, aber einen gemeinsamen Weg“, fasst der 46-Jährige zusammen und erinnert sich sichtlich gerührt an eine wunderbare Zeit in Deutschland - mit der Geburts seines ältesten Sohnes Bahadir als einem Höhepunkt - und einen traurigen Abschied aus Biberach zurück: „Ich musste viele treue, gute Freunde zurücklassen.“

Schon damals habe er beschlossen, noch einmal nach Deutschland zurückzukehren: „Ich hatte die menschliche Wärme gespürt, die hier herrscht.“ Doch zunächst folgten zehn Jahre als Imam in Sarbana, einem Ortsteil seiner Heimat Inebolu, wo er in einem Haus mit Blick auf das Schwarze Meer wohnte. 2011 stellte er erneut den Antrag, nach Deutschland zu gehen - die Umsetzung entpuppte sich dann allerdings als nicht ganz so einfach: Im September 2013 kam sein zweiter Sohn, Onur Alp, zur Welt. Der Imam musste aber immer wieder nach Ankara reisen, um Deutschkurse zum Wiederauffrischen seiner Kenntnisse zu belegen. Also sprangen die Verwandten ein, unterstützten seine Frau und mussten letztendlich damit klarkommen, dass die Familie die Türkei wieder verließ. „Sie waren traurig, aber sie haben unsere Entscheidung akzeptiert.“

Nun also sind die Bozkurts in Neustadt - einer Stadt, die der Imam im Vergleich zu Biberach als „sehr ruhig“ bezeichnet. „Zunächst habe ich gedacht, dass es hier langweilig ist - aber die Neustädter haben mich eines Besseren belehrt. Sie sind sehr offen und freundlich auf uns zugegangen und haben uns willkommen geheißen.“

Als Ziele gibt der Imam aus, mehr als ein Vorbeter zu sein: Er will nicht nur Ansprechpartner in religiösen Fragen, sondern bei Problemen und Sorgen jedweder Natur sein. Zudem möchte er den Kontakt zu Neustadts Kirchengemeinden und den Schulen suchen

n Am Wochenende zeigte Bundestagspräsident Norbert Lammert Sympathie für das Islam-Gesetz, das jetzt in Österreich verabschiedet wurde, und sprach sich auch dafür aus, dass alle in Deutschland tätigen Imame auch der deutschen Sprache mächtig sein sollten. Mit dieser Aussage kann sich auch Ramazan Bozkurt identifizieren: Er habe allerdings nicht die Möglichkeit, Intensiv-Sprachkurse zu belegen. Würde er dies machen, müsste er seinen zeitaufwändigen Beruf vernachlässigen, erläutert er im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ansonsten wäre ich der erste, der den Kurs belegt.“ Er halte einen neuen Ansatz der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), dem Dachverband für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der angeschlossenen türkisch-islamischen Moscheegemeinden für sinnvoll. Diese habe zwei junge, in Deutschland geborene, türkischstämmige Männer nach Istanbul geschickt, um dort den Islam zu studieren, und dann wieder als Imame nach Deutschland geholt: „Das ist ein sehr guter Weg.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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