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Langensteins blaues Wunder

Öko-Landbau und Naturschutz Langensteins blaues Wunder

Wer von Kirchhain aus Richtung Langenstein fährt, erlebt links der Kreisstraße kurz vor Langenstein sein blaues Wunder: Ein zwei Hektar großes Feld blüht in einem satten Blau.

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Andreas Hanisch steht inmitten seines blühenden Phacelia-Feldes, das derzeit unzähligen Bienen und Hummeln Nahrung bietet. Fotos: Matthias Mayer

Langenstein. Der beeindruckende und ungewohnte Anblick lässt manchen Autofahrer anhalten. Wer sich dem Feld nähert, vernimmt aus diesem ein stimmhaftes Summen und Brummen. Abertausende Bienen und Hummeln, die nach der Rapsblüte in der Feldflur kaum noch Nahrung finden, feiern hier ein kollektives Festmahl (rundes Foto). Kein Wunder, denn die Pflanze, die hier so schön blüht, ist die Phacelia, die im Akkord täglich neuen Nektar produziert und deshalb im Volksmund auch Bienenweide genannt wird.

Das Feld gehört Andreas Hanisch, und normalerweise würde auf diesem Schlag der Weizen jetzt der Ernte entgegenreifen. Vor zwei Jahren hat der Langensteiner Nebenerwerbslandwirt seinen Betrieb auf Ökolandbau umgestellt, ist dem Verband Naturland beigetreten. An dessen Regeln muss er sich halten. So verbot sich der Einsatz von Kunstdünger, als er im vergangenen Herbst feststellte, dass der Boden auf diesem Feld etwas schwächelte.

Er gönnte dem Boden eine einjährige Regeneration und pflanzte die Phacelia als Zwischenfrucht an. Die Aussaat nahm er so vor, dass die Blüte sich nahtlos an die Blühphase des Rapses anschloss.

Andreas Hanisch gerät im Gespräch mit dieser Zeitung ins Schwärmen, wenn er von den Möglichkeiten des ökologischen Landbaus erzählt. Eine Handvoll Ackererde hat mehr Mikroorganismen, als es Menschen auf der Welt gibt. Die setzen Nährstoffe in den Boden, die sich in für Pflanzen verfügbare Mineralien umwandeln, sagt er und preist Zwischenfrüchte wie die Phacelia, die Stickstoff und Nährstoffe speichern und an die nachfolgende Frucht weitergeben, deren verrottende Wurzeln den Humusgehalt des Bodens und dessen Bodenstruktur ertragssteigernd verbessern. Und er berichtet von der bewusst flach gehaltenen Bodenbearbeitung mit Grubber und Schälpflug, die verhindert, dass die fruchtbare obere Bodenschicht in die tiefen Erdschichten gepflügt wird.

All diese Dinge erzählt er immer wieder, wenn Spaziergänger sein Phacelia-Feld fotografieren und Fragen stellen. „Die Zeit nehme ich mir einfach. Es ist mir wichtig, den Zusammenhang zwischen ökologischem Landbau und Naturschutz den Menschen näherzubringen - auch wenn ich nur ein kleines Licht bin“, sagt Andreas Hanisch.

Jeder kann etwas tun:Ein Quadratmeter reicht

Dieser Zusammenhang wird an dem Phacelia-Feld augenscheinlich. Eine Imkerin hat vier Bienenvölker zu dem Feld versetzt. Imker haben inzwischen das Problem, ihre Völker teils auch im Sommer füttern zu müssen, da die in der ausgeräumten Kulturlandschaft nicht ausreichend Nahrung finden. „Jeder kann etwas tun. Wer nur einen Quadratmeter seiner Gartenfläche für Blühpflanzen opfert, erreicht dramatisch viel für die Insekten, die wiederum Nahrungsquelle für die rückläufige Vogelpopulation sind“, erklärt der Landwirt den Zusammenhang zwischen ökologischem Landbau und Naturschutz.

Der zeigt sich auch bei der Grünland-Bewirtschaftung. Die konventionelle Landwirtschaft kennt inzwischen bis zu sieben Grasschnitte pro Jahr. Die Folge: Wildkräuter und Wildblumen haben keine Chance, bis zur Blüte heranzuwachsen. Der ökologische Landbau erlaubt einen späten ersten Grasschnitt sowie einen zweiten pro Jahr.

Andreas Hanisch möchte das nicht als Kritik an der Arbeit seiner konventionell arbeitenden Berufskollegen verstanden wissen. Es gäbe für Betriebsinhaber Sachzwänge, die eine Betriebsumstellung auf ökologischen Landbau sehr schwierig bis unmöglich machten, sagt der Langensteiner.

Indirekt räumt er ein, dass der ökologische Landbau auch sehr viel mit Verzicht und ein wenig Luxus zu tun hat. Die Fruchtfolge sei das A und O des ökologischen Landbaus. Nicht jeder Landwirt könne Jahr für Jahr auf Erlöse aus einem Teil seiner Ertragsflächen verzichten, wenn diese gerade mit Zwischenfrüchten besetzt sind, sagt Andreas Hanisch.

Wer die Phacelia sehen möchte, muss sich ranhalten, denn um das Blütenmeer ist es bald geschehen. Der Landwirt rechnet, dass das Feld noch eine Woche in Blüte steht. Dann wird die Pflanze in den Boden eingearbeitet, um Nährstoffe und Humus für die nächste Frucht zu produzieren. Andreas Hanisch wird auf dem Feld Einkorn aussäen, das zu den ältesten gezüchteten Getreidepflanzen gehört und dem Weizen etwas ähnlich ist. Nur - und hiermit sind wir beim Luxus - liegt der Ertrag neuzeitlicher Weizensorten pro Hektar über dem Zehnfachen des Einkorns. Andreas Hanisch wird das Urgetreide an die Brücker Mühle liefern, und von dort wird das Mehl an umliegende Bäckereien verkauft. „Das alles spielt sich im Umkreis von sechs, sieben Kilometern ab“, konstatiert der Erzeuger zufrieden.

Er freut sich schon auf den Besuch von Kindergärten und Schulen, die sich das Urgetreide auf seinem Feld anschauen wollen. Einen Augenschmaus wird‘s 2018 auch wieder geben. Dann wird Phacelia auf der Fläche jenseits der Kreisstraße großflächig angebaut und im Frühsommer blühen.

von Matthias Mayer

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