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Land weitet Luftuntersuchungen aus

Rüstungsaltlasten Land weitet Luftuntersuchungen aus

Ein erstes Messprogramm in Gebäuden im DAG-Gebiet in Stadtallendorf hat Ergebnisse gebracht. In mehreren Häusern werden zunächst Luftwäscher eingesetzt, weitere Schritte werden geprüft.

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Das Bild zeigt ein früheres Klärbecken der DAG, das bei einer Sanierung im Jahr 2003 ans Licht kam.

Quelle: Archivfoto

Stadtallendorf. In insgesamt 13 von ursprünglich geplanten 17 Gebäuden haben von der HIM GmbH beauftragte Experten nach Luftbelastungen gesucht. Es ging um den Nachweis von Toluolen, einem chemischen Vorprodukt des Sprengstoffs TNT (die OP berichtete ausführlich).

Alarmiert durch den Fall einer Hausbewohnerin hatten sich Regierungspräsidium und HIM auf ein Messprogramm verständigt. Bei der Bewohnerin hatten sich erhöhte Toluolwerte in Wohnräumen gefunden. Ihr Haus steht auf einer Rüstungsaltlast.

Das Ergebnis: Bei insgesamt neun der Gebäude wurden Toluol-Mengen oberhalb eines Toleranzwertes festgestellt, bei zweien davon ist dies jedoch schon längere Zeit bekannt und nicht überraschend. In vier Gebäuden, die sich wie die übrigen auf früheren Toluol-Lagerstätten des Sprengstoffwerkes der DAG befinden, gab es keinerlei Ergebnisse, sie sind frei von Luftbelastungen.

Diese Zahlen nannte Gabriele Fischer, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums (RP) Gießen auf Anfrage der OP. Die HIM GmbH und das Regierungspräsidium reagieren abgestuft. In einzelnen Häusern reichen Lüftungsempfehlungen für die Bewohner, in anderen sind Luftwäscher im Einsatz.

Keine akute Gesundheitsgefahr für Hausbewohner

Bei dem Gebäude, bei dem die Luftbelastung zuerst festgestellt wurde, geht man allerdings bereits einen Schritt weiter: Dort sei es zwar gelungen, durch Luftwäscher die Werte auf einen gewissen Level zu senken.

„Allerdings stagniert der Wert dort inzwischen und wir sind damit nicht zufrieden“, sagt Zrinko Rezic, Projektleiter der HIM GmbH für Stadtallendorf. Deshalb werde jetzt eine größere Lüftungsanlage fest eingebaut. Die Kosten dafür wie auch für die bisherigen Untersuchungen zahlt komplett das Land Hessen.

Alle Eigentümer haben seinerzeit eine Sanierungsvereinbarung mit dem Land geschlossen, die auch das abdeckt. „Bei allen Gebäuden, bei denen wir erhöhte Werte festgestellt haben, werden wir weiterhin sehr genau hinsehen, wie sich die Situation weiter entwickelt“, betont Rezic.

Das RP seinerseits unterstrich gegenüber der OP wie schon im Sommer, dass die Behörde keine akute Gesundheitsgefahr für Hausbewohner sieht. Um langfristige Folgen in „potenziellen Einzelfällen“ auszuschließen, seien die beschriebenen Sofortmaßnahmen ergriffen worden.

Es gibt noch eine weitere unmittelbare Konsequenz: Das Regierungspräsidium und die HIM haben ein zweites Messprogramm im DAG-Gebiet aufgelegt. Dieses Mal wird die Raumluft in 16 weiteren Gebäuden untersucht. Eigentümer haben bereits Post von der HIM erhalten, Termine werden derzeit abgestimmt.

Nachsanierung wird nicht ausgeschlossen

Auch das wollen Behörde wie auch ihr Sanierungsträger als Vorsichtsmaßnahme verstanden wissen. Es seien jetzt Gebäude ausgewählt worden, auf denen sich zum Beispiel noch Reste von Kellern aus Zeiten der Sprengstoffproduktion im Untergrund befänden, erläutert Rezic. Bis Ende des Jahres soll auch dieses zweite Messprogramm abgeschlossen sein.

Bei einem Teil der Gebäude, bei denen schon Ergebnisse vorliegen, gab es in der Vergangenheit bereits Altlastensanierungen im Umfeld. Sieht das Land nun Bedarf für neuerliche Sanierungsarbeiten auf betroffenen Grundstücken?

„Eine Nachsanierung einzelner Gebäude aufgrund einer Raumluftbelastung ist zu diskutieren“, heißt es seitens des RP. Wobei dies dann eine Weiterentwicklung früherer Sanierungsziele am „Rüstungsaltstandort Stadtallendorf darstelle.

Thema Raumluftbelastung ist nicht neu

Entschieden ist nichts, weitere Untersuchungen laufen, auch, um zu sehen, was die Luftwäscher-Einsätze vor Ort bringen. „Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden“, betont Projektleiter Rezic.

Dass die Luftbelastungen erst Jahre nach den früheren Erkundungen im DAG-Gebiet festgestellt wurden, ist der deutlich vorangeschrittenen Messtechnik und dem wissenschaftlichen Fortschritt geschuldet. Wie auch das RP betont, gibt es bei der Bewertung und Analytik von strengstofftypischen chemischen Verbindungen erhebliche Veränderungen. Frühere Untersuchungen liegen teilweise Jahrzehnte zurück.

Ganz neu ist das Thema Raumluftbelastung im DAG-Gebiet allerdings auch nicht. In einem Gebäude beispielsweise gelten deshalb seit Jahren Nutzungsbeschränkungen für Kellerräume. Dieses Gebäude wird das Land kaufen, eine Sanierung im bewohnten Zustand wäre dort teurer gekommen als die jetzige Lösung. Im Anschluss an den Umzug der Bewohner folgt ein Abriss, verbunden mit einer Bodensanierung.

ALTLASTENSANIERUNG
Eigentlich gilt das DAG-Gebiet als saniert, von Einzelprojekten einmal abgesehen. In sieben Planungsräumen wurden bewohnte Grundstücke und Industrieflächen ab 1996 saniert. Das Land Hessen kostete die Sanierung seinerzeit rund 160 Millionen Euro. Derzeit lässt der Bund auch Flächen auf dem Bundeswehrgelände sanieren, das im Wasag-Gebiet liegt.
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