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Kreis gibt "Vorzeigeunterkunft" auf

Flüchtlinge Kreis gibt "Vorzeigeunterkunft" auf

Für die seit 21 Jahren bestehende Flüchtlingsunterkunft in der Straße Zum Bahnhof in Wohra gibt es keine Zukunft. Angesichts von Entwicklungen bei den Flüchtlingszahlen hat der Kreis Mietverträge für fünf weitere Häuser gekündigt.

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Eine Frau betritt die Flüchtlingsunterkunft in der Straße Zum Bahnhof 13 in Wohra. Zum Jahresende läuft der Mietvertrag für das Haus aus.

Quelle: Nadine Weigel

Wohratal. "Extrem bitter“, nennt es Marian Zachow (CDU), Sozialdezernent und Vizelandrat, gegenüber der OP, dass der Kreis den Mietvertrag für die Flüchtlingsunterkunft in der Straße Zum Bahnhof in Wohra nicht verlängern könne. Zum Jahreswechsel ist Schluss. Der Grund nach Aussage Zachows: Die Zahl der Asylbewerber, die dem Kreis zugewiesen ist, ist rückläufig. Zugleich erwarten Zachow und seine Mitarbeiter, dass die Zahl der Flüchtlinge, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge anerkannt werden, in den nächsten Wochen deutlich steigt. Anerkannte Asylbewerber dürfen aber nicht in den von der öffentlichen Hand angemieteten Wohnungen bleiben. Und da der Kreis die Gelder für die sogenannte Zweitunterbringung vom Bund erhält, müssen Kapazitäten abgebaut werden. Das passiere gezwungenermaßen, indem auslaufende Mietverträge nicht verlängert werden könnten, erläutert Zachow. Sechs Unterkünfte im Kreisgebiet werden nach Aussage von Kreissprecher Dr. Markus Morr bis Jahresende aufgegeben, weitere Kündigungen seien darüber hinaus denkbar. Andere, teilweise erst vor Kurzem geschlossene Mietverträge für Gebäude und Wohnungen, führt der Kreis fort. Ansonsten drohten im Fall der Fälle Abfindungen an Vermieter, etwas, was der Kreis angesichts der Vorgaben an Kommunen nicht rechtfertigen könnte, wie der Vizelandrat erläutert.

„Ich hoffe, dass wir für die Menschen in der schließenden Unterkunft einen fließenden Übergang hinbekommen“, sagt Zachow. Das hieße, dass Bewohner nicht unmittelbar mit Ende des Mietvertrages mit den Betreibern das Haus verlassen müssten. Aktuell leben dort nach Kreisangaben 46 Menschen, darunter 21 Kinder. In der früheren Gaststätte leben weitere 41 Flüchtlinge, darunter 9 Kinder.

Ärger über ausgebliebene Information

Die Nachricht, dass der Kreis den Mietvertrag für die Unterkunft in der Straße Zum Bahnhof auslaufen lässt, erreichte die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer des Arbeitskreises Asyl über den Betreiber des Hauses. Inzwischen gab es ein erstes, kurzfristiges Krisentreffen der Arbeitskreis-Mitglieder, wie Harald Homberger der OP berichtete. Einiges sei bei dem jetzigen Schnellverfahren schiefgelaufen, man hätte möglicherweise eine gemeinsame Lösung mit allen Beteiligten finden können, reagiert Homberger auf die Neuigkeiten.

Der Arbeitskreis betreut mit Paten die in der Unterkunft lebenden Familien, organisiert Deutschkurse, Veranstaltungen und viele andere Hilfeleistungen. Bei Schaffung der Unterkunft entstand auch die Kleiderkammer, jetzt in der Hofreite untergebracht. Nach dem Angriff auf die Unterkunft Anfang 2014 verstärkte der Arbeitskreis sein Engagement nochmals, auch finanziell unterstützt von der Gemeinde. Homberger würdigt gegenüber dieser Zeitung auch den großen Einsatz der Betreiber des Hauses in all den zurückliegenden Jahren.

Wohratals Bürgermeister Peter Hartmann (parteilos) hielt engen Kontakt zu den Ehrenamtlichen. Er selbst sei zwischenzeitlich vom Kreis über die Entwicklung informiert worden. „Ich halte die Sachzwänge, die dazu geführt haben, für nachvollziehbar“, erklärte Hartmann in einer ersten Stellungnahme.

Die Gründe, warum der Kreis so und nicht anders handelt, können auch Homberger und seine Mitstreiter zumindest nachvollziehen. Aber die Frustration bleibt riesig. „Wir hätten uns gewünscht, dass der Kreis Unterkünfte aufgegeben hätte, die vielleicht nicht so gut sozial begleitet werden wie diese“, sagt Homberger. Manche „Krisengewinner“, wie er sie nennt, profitierten jetzt als Unterkunftsbetreiber von länger laufenden Mietverträgen.

Arbeitskreis-Mitglieder haben in den zurückliegenden Monaten auch Kontakt zur zweiten, noch jungen Unterkunft in der Biegenstraße gepflegt. Könnte sich der Arbeitskreis vorstellen, seine Aktivitäten darauf zu verlagern? Vorstellbar ist für Homberger auch das, aber klare Zusagen möchte er so kurz nach Bekanntwerden der Neuigkeit noch nicht machen. In jedem Falle werde die Arbeit mit den dort überwiegend allein lebenden Männern schwieriger für die Ehrenamtlichen.

von Michael Rinde

 
Standpunkt
Zwänge führen zu fatalem Signal
Verkehrte Welt: Vor einem Jahr suchte der Kreis als Verantwortlicher händeringend Wohnraum. Das kleine Wohra bekam sogar eine zweite große Unterkunft für Flüchtlinge. Dafür musste erst Überzeugungsarbeit geleistet werden. Jetzt schließt der Kreis die lange etablierte Vorzeigeunterkunft im gleichen Ort. Handlungsspielraum bleibt nicht, denn der Landkreis ist nur Sachwalter für Bundesgelder. Zwangsläufig geht es allein um Geld, nicht um Qualität und Engagement für Integration. Diese Entwicklung ist schlimm. Das führt zu einem fatalen Signal für motivierte Bürger in Wohratal. Die Betreiber der Unterkunft und Ehrenamtliche nehmen sich seit zwei Jahrzehnten der Menschen an, die nach ihrer Flucht dort zunächst angekommen sind. Der Arbeitskreis Asyl in Wohra leistet Vorbildliches. Sehr gerne haben überörtliche Politiker vieler Couleur das ja auch immer wieder hervorgehoben. Hoffentlich bleibt dieses Engagement der jetzt frustrierten Ehrenamtlichen in Wohra – in Zukunft an anderer Stelle vielleicht – bestehen. Denn es gibt genug Bedarf für ihre Arbeit. Anerkannte Flüchtlinge brauchen, nachdem sie die zugewiesenen Unterkünfte verlassen haben, weiter die Hilfe engagierter Menschen.
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