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Kratzen, beißen, Haare ausreißen

Zoff zwischen zwei Frauen Kratzen, beißen, Haare ausreißen

Wer ist das Opfer? Wer gehört auf die Anklagebank? So richtig ließen sich diese Fragen während einer Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht nicht klären.

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Kirchhan. Gegenstand der Anklage war eine körperliche Auseinandersetzung zwischen zwei Frauen, die sich am 17. März 2015 gegen 20.20 Uhr auf dem Parkplatz eines Stadtallendorfer Fitness-Studios in die Gewichte bekamen.

Das war aber der so ziemliche einzige objektive Sachverhalt, der auch am Ende der Beweisaufnahme noch Bestand hatte. Dafür bedienten die Aussagen der Angeklagten und ihres Opfers das gängige Klischee von einer Auseinandersetzung zwischen Frauen: Kratzen, beißen, Haare ausreißen.

Angeklagt war eine 34-jährige Stadtallendorferin, weil die ihre 35-jährige Widersacherin mit Pfefferspray attackiert, an den Haaren gezerrt und am rechten Auge gekratzt haben soll. Mögliches Tatmotiv: Eifersucht. Der Ehemann der Angeklagten hatte diese verlassen, um mit der 35-Jährigen eine neue Beziehung einzugehen.

Die Angeklagte sagte dem unter Vorsitz von Strafrichter Joachim Filmer tagenden Gericht, dass sie an dem fraglichen Abend zu dem Studio gelaufen sei, um sich nach den Öffnungszeiten zu erkundigen. Dabei sei sie von hinten von der neuen Partnerin ihres Mannes angegriffen worden.

Nebenbuhlerin lässt nocht los

Diese habe sie zuvor schon mit Telefon-Terror überzogen und bedroht. „Verpiss Dich aus Stadtallendorf. Du hast hier nichts zu suchen. Leg‘ Dich vor einen Zug“, soll das als Zeugin geladene Opfer zu ihr gesagt haben.

Nach Aussage der jungen Frau wurde sie von der Angreiferin zu Boden gerissen. Dort habe ihr diese ein Bündel Haare ausgerissen und ihr in den Kopf ­gebissen. Die Nebenbuhlerin habe nicht losgelassen - auch nicht, als sie diese zur Selbstverteidigung mit Pfefferspray besprüht habe. „Ich habe große Angst vor ihr und habe diese noch heute.

Die so Gescholtene lieferte dem Gericht im Zeugenstand prompt die Gegendarstellung. „Ich bin mit dem Hund raus und über den Parkplatz gelaufen. Sie kam aggressiv auf mich los und sprühte mir voll ins Gesicht.

Ich versuchte, von ihr wegzukommen, aber sie hat mich an den Haaren gezogen und beschimpft. Sie war stärker als ich. Ich habe mich nicht gewehrt, ich hatte nur Angst um meinen Hund“, sprudelte es aus der Zeugin hervor. Die gab zudem an, dass die Angeklagte wiederholt vor ihrer Wohnung aufgetaucht sei und gegen ihr Auto getreten habe.

Attest: Die Angeklagte hat es erwischt

Das von Joachim Filmer vorgelesene Attest zu den Verletzungen der Angeklagten sprach nicht gerade für eine wehrlose und handzahme Zeugin. Danach erlitt die Angeklagte bei dem Zwischenfall eine Bisswunde am Hinterkopf, ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Stauchung der Halswirbelsäule und den Verlust eines Haarbüschels. Und das war dann die Gegendarstellung von der Gegendarstellung.

Die Hoffnung, dass eine neutrale Zeugin Licht ins Dunkel des Geschehens bringen könnte, erfüllte sich nicht. Die 22-Jährige hatte den Vorfall im Dunklen aus 100 Metern Entfernung mehr akustisch als optisch wahrgenommen.

„Sie standen sich in provokanter Haltung gegenüber und beleidigten sich gegenseitig. Es sah so aus, als würde gleich etwas passieren, aber es geschah nichts, bis die Polizei kam“, sagte die Zeugin, die offenbar nur das Ende des Vorfalls verfolgt hatte.

Geschehnisse nicht mehr nachvollziehbar

„Nach meiner Auffassung reicht das nicht zu einer Verurteilung“, fasste Joachim Filmer zum Abschluss der Beweisaufnahme seine Eindrücke zusammen. Darin stimmten ihm die Anklage und die Verteidigung zu, die beide einen Freispruch auf Kosten der Staatskasse beantragten.

Der Rechtsanwalt des als Nebenklägerin auftretenden Opfers verlangte dagegen wegen des Pfefferspray-Einsatzes eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung.

Joachim Filmer sprach die Angeklagte auf Kosten der Staatskasse frei. „Was bei dem Treffen passiert ist, ist nicht mehr festzustellen“, erklärte der Richter mit Blick auf die widersprüchlichen Aussagen der Kontrahentinnen. Da die neutrale Zeugin den entscheidenden Anfang des Streits nicht mitbekommen habe, fehlten objektive Tatbestände für eine Verurteilung.

von Matthias Mayer

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