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Kranker Mann wollte im Feuer sterben

Gericht Kranker Mann wollte im Feuer sterben

Ein 54 Jahre alter Neustädter war, als er am 20. Juli 2015 in seiner Wohnung ein Feuer legte, schuldunfähig: Die erste Strafkammer des Landgerichts stellte fest, dass der Mann unter Verfolgungswahn leidet.

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Neustadt. „Dieser Mann hat es nicht verdient, hier zu sitzen. Zum Donnerwetter: Er ist krank“, schimpfte ein Zeuge während der Verhandlung gegen einen Neustädter, der aus Angst vor Verfolgern im Juli 2015 seine Wohnung in Brand setzen und im Feuer hatte sterben wollen. Doch Richter Gernot Christ konnte den 78-Jährigen - der sich dann auch für seinen Ausbruch entschuldigte - schnell wieder besänftigen: „Es geht hier nicht um eine Bestrafung. Das ist kein Straf-, sondern ein Sicherungsverfahren. Das heißt, wir müssen entscheiden, ob der Beschuldigte im Krankenhaus bleibt, oder nicht.“

Am Ende der Verhandlung stand fest: Der 54-Jährige bleibt in der Psychiatrie. Er hatte das Feuer zwar gelegt, war zur Tatzeit aufgrund einer schizophrenen Psychose aber schuldunfähig. Wie sich während der Beweisaufnahme herausstellte, ist die Vorgeschichte seiner Erkrankung etwas länger.

Ein Sachverständiger, der den Mann mehrfach befragt hatte, stellte heraus, dass sich das erste einschneidende Erlebnis in den 1990er-Jahren ereignet habe, als der Vater auf einer Baustelle ums Leben kam. Ende 2013 wurde dann ein Bekannter überfallen und körperlich schwer misshandelt. Von da an lebte der Neustädter in Furcht, die Täter, die mit ihm eigentlich nichts am Hut hatten, würden ihn verfolgen und wollten ihn angreifen.

Im März 2015 rammte er sich ein Messer in den Bauch

Dieser Verfolgungswahn trieb den Mann so weit, dass er Anfang 2014 eine Nachbarin mit einem Messer bedrohte und als Geisel nahm - mit dem Ziel, ins Gefängnis zu kommen, wo er sich sicher wähnte. Im März 2015 versuchte er dann das erste Mal, Selbstmord zu begehen, indem er sich ein Messer in den Bauch rammte.

Vier Monate später legte er dann das Feuer, um in den Flammen zu sterben -in einem Haus, in dem zahlreiche Angehörige und Freunde wohnen. Diese warnte er nach dem Legen des Brandes dann auch vor der Gefahr - und ist seinen Mitmenschen auch heute noch wichtig. „Ich kann nichts Böses über ihn sagen. Er ist ein guter Junge. Er war während der Tat völlig kopflos“, betonte eine Frau und sprach ihren Nachbarn aus dem Herzen. Nicht einmal der Mann, dessen Mutter der 54-Jährige bedroht hatte, zeigte auch nur den Anflug von Groll.

Es hätte auch zu einer Explosion kommen können

Solch wesensfremde Handlungen gebe es bei Menschen, die unter Wahnvorstellungen litten, häufig, sagte der Sachverständige. Er hatte alle relevanten Merkmale für die Erkrankung bei dem Beschuldigten festgestellt: Der Mann schätzt die Realität ein, weil er eine Gefahr sieht, die es nicht gibt.

Er hat subjektiv keine Zweifel an seinen Ansichten - und lässt seine Einschätzung auch nicht durch andere Meinungen korrigieren. Und das hatten zahlreiche Nachbarn und Verwandte versucht, die ihn immer wieder darauf hinwiesen, dass niemand ihn verfolge.

Zum Glück für alle Beteiligten hatte der Mann beim Legen des Feuers viel zu viel Benzin im Vergleich zur Größe des Raums gelegt. Das Luft-Benzin-Gemisch sei „zu fett“ gewesen, berichtete der Brand­ursachenermittler. Wäre mehr Luft an das Benzin gekommen, hätte es zu einem großen Feuer, vielleicht gar einer Explosion kommen können.

Der 54-Jährige bleibt nun in psychiatrischer Behandlung. Er muss Medikamente gegen seine Wahnvorstellungen nehmen - auch wenn er an deren Wirkung nicht glaubt. Die Erkrankung wird er wohl nicht mehr los. Allerdings besteht die Hoffnung, dass sie bei fruchtender Behandlung nicht mehr „handlungsleitend“ ist, wie der Sachverständige erläuterte.

von Florian Lerchbacher

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