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Kokain und die große Müdigkeit

"Wer ist so doof und vergisst das?" Kokain und die große Müdigkeit

Wer als Angeklagter vor Gericht auf eine vierte Bewährungschance hofft, tut gut daran, das Gericht von seiner unbedingten Zuverlässigkeit zu überzeugen. Dazu gehört ein gewisses Maß an Pünktlichkeit, das gestern ein Delinquent vermissen ließ.

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Mit Marihuana und Haschisch hat der gestern verurteilte Dealer gehandelt – aber nicht in den Mengen, wie sie hier von der Korbacher Kriminalpolizei sichergestellt wurden.

Quelle: Archivfoto

Marburg/Neustadt. 8.57 Uhr: Im Saal 152 des Marburger Amtsgerichts herrscht eine entspannte Betriebsamkeit. Thomas Rohner, Vorsitzender Richter des Schöffengerichts, registriert mit geübtem Blick die Anwesenheit der Verfahrensbeteiligten. Zwei Zeugen fehlen noch. Ein Schöffe. Und der Angeklagte. Noch ist etwas Zeit. 9.02 Uhr: Der zweite Schöffe kommt zur Tür rein. Die fehlenden Zeugen, gegen die als mutmaßliche Tatbeteiligte ermittelt wird, bleiben nicht ganz unerwartet aus. Der Angeklagte tut es auch.

9.15 Uhr: Die übliche Wartezeit ist verstrichen. 9.21 Uhr: Thomas Rohner bittet die Polizeistation in einem Nachbarkreis, eine Streife zum Elternhaus des Angeklagten zu entsenden. Dort ist der Mann gemeldet. Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung ziehen sich zurück, um zu erörtern, welches Ergebnis am Ende der Hauptverhandlung stehen könnte. 10 Uhr: Die Polizeistreife meldet Vollzug. Sie hat den Gesuchten unter der Dusche gefunden. Dessen Angehörige versichern dem Richter am Telefon, dass sie den Ausbleiber umgehend zum Gericht nach Marburg fahren werden. Mit Rücksicht auf die Arbeitsbelastung der Polizei verzichtet der Richter auf dessen polizeiliche Vorführung.

Laut Routenplaner ist die 38,9 Kilometer lange Strecke in 34 Minuten zurückzulegen. Der Angeklagte hätte mit etwas gutem Willen um 10.40 Uhr im Gerichtsaal sein können - ist es aber erst gut zwei Stunden später um 12.47 Uhr. Ohne ein Wort des Bedauerns nimmt er auf der Anklagebank Platz und erklärt, den für ihn so wichtigen Termin mit einem anderen Termin verwechselt zu haben.

Marihuana, Haschisch, Amphetamin, Ecstasy

Es geht auf 13 Uhr zu, als Staatsanwältin Kathrin Ortmüller endlich dazu kommt, den Anklagesatz vorzulesen. Sie wirft dem Angeklagten vor, viermal Betäubungsmittel in Frankfurt jeweils zur Finanzierung seiner Drogensucht zum Weiterverkauf erworben zu haben, und zwar:

- Fünf Kilo Amphetamin Anfang Oktober 2015. 

- 89,5 Gramm Marihuana am 15. Oktober 2015 in Begleitung eines gesondert verfolgten mutmaßlichen Mittäters.

- 100 Gramm Marihuana und 10 Pillen Ecstasy am 15. Januar.

- 94,9 Gramm Haschisch und 8,6 Gramm Amphetamin in Begleitung zweier gesondert verfolgter mutmaßlicher Mittäter.

Es folgt ein weiteres Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen, während der schwitzende Mann mit den tief liegenden Augen ein Gespräch mit seinem Bewährungshelfer sucht. „Das ist der Klopper heute. Wer ist so doof und vergisst das?“, sagt er und führt als Grund seine Müdigkeit an. Sein Leben bestehe nur noch aus Arbeiten und Schlafen. Am Wochenende habe er 24 Stunden durchgeschlafen. „Warum?“, will der Bewährungshelfer wissen. „Keine Ahnung“, sagt der Klient. „Warum kam es mit allen deinen Bewährungshelfern zum Kontaktabbruch?“ „Keine Ahnung“, wiederholt sich der Angeklagte.Das Rechtsgespräch habe in der entscheidenden Frage einer Strafaussetzung zur Bewährung keine Verständigung gebracht, sagte Thomas Rohner. Dafür räumte die Verteidigung die angeklagten Fälle zwei, drei und vier als zutreffend ein. Sein Mandant habe als Kokain-Abhängiger täglich drei Gramm konsumiert. Den dafür erforderlichen erheblichen Geldbedarf habe er sich durch den An- und Verkauf von Betäubungsmitteln finanziert. Der Angeklagte selbst erklärte, seit seinem 21. Lebensjahr Kokain zu konsumieren. Schon nach einem Monat sei er süchtig gewesen. Weitere Fragen zur Sache ließ der Anwalt nicht zu.

Zentrale Figur eines kleinen Drogenrings

Da Kathrin Ortmüller die vorläufige Verfahrenseinstellung des offenbar nur schwer nachweisbaren ersten Falls beantragte, konnten mit einer Ausnahme alle als Zeugen geladenen Polizeibeamten nach stundenlanger Warterei entlassen werden. Der verbliebene Beamte gab dem Gericht einen Überblick zu den polizeilichen Ermittlungen in dieser Sache. Die Polizei sei durch die Telefonüberwachung eines vielseitig aufgestellten Dealers auf den Angeklagten aufmerksam geworden. Dieser habe sich bei dem Dealer immer wieder gemeldet und sei deshalb bis zu seiner Festnahme am 20. Januar 2016 überwacht worden. Der Angeklagte saß bis zur vorläufigen Aussetzung des Haftbefehls am 28. Mai 2016 in Untersuchungshaft. Elf Vorstrafen und drei zur Bewährung ausgesetzte Reststrafen, für die die Bewährungsfristen noch laufen, brachte der Metallbauer mit in die Verhandlung. Besonders die Verurteilung aus dem Mai 2010, als er als zentrale Figur eines kleinen regionalen Drogenrings zur drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden war, wog schwer.

Die Verteidigung sah trotzdem die Chance für eine Bewährungsstrafe gegeben. Sein Mandant konsumiere laut Drogen­screening nicht mehr, arbeite, gehe zur Drogenberatung und habe sich geständig gezeigt. Kathrin Ortmüller sah für den dreifachen Bewährungsversager keine Gründe für eine Bewährung. Dieser sei wieder einschlägig straffällig geworden und habe die Auflage bei seiner Haft­ent­lassung im Mai, sich in stationäre Therapie zu begeben, missachtet. Sie beantragte wegen unerlaubten und gewerblichen Handelns mit Betäubungsmitteln in drei Fällen, darunter in zwei Fällen in nicht geringen Mengen, eine Gesamtfreiheitsstrafe in Höhe von einem Jahr und sechs Monaten ohne Bewährung. Außerdem beantragte sie die Einziehung von 4763 Euro Drogengeld, die beim Angeklagten gefunden wurden.

Das Gericht folgte mit einer geringen Abweichung den Anträgen der Staatsanwaltschaft und verurteilten den Angeklagten zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten ohne Bewährung. Das Gericht bewege sich am unteren Strafrahmen. Trotz des werthaltigen Geständnisses und der Tatsache, dass es um weiche Drogen gehe, reiche es nicht für eine neuerliche Bewährungsstrafe, sagte Thomas Rohner. „Die besonderen Umstände, die für eine Strafaussetzung zur Bewährung erforderlich sind, sehe ich nicht. Aber Sie können sich diese besonderen Umstände noch verdienen“, erklärte der Richter unter Hinweis auf das wahrscheinliche zweitinstanzliche Verfahren vor dem Landgericht.

von Matthias Mayer

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