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Körperverletzung im Amt vor Gericht

Polizist auf der Anklagebank Körperverletzung im Amt vor Gericht

Am 24. November 2011 verübten drei Litauereinen Raubüberfall aufeinen StadtallendorferJuwelier. Weil er auf der Fahndung nach Tätern mutmaßlich überreagierte, stand ein Polizeibeamter gestern schon zu zweiten Mal vor Gericht

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Der Inhaber dieses Juweliergeschäfts in der Niederkleiner Straße wurde am 24. Oktober 2011 Opfer eines brutalen Raubüberfalls. Im Zuge der Fahndung nahm die Polizei drei unschuldige Männer fest. Einer von diesen wurde von einem Beamten getreten.Archivfoto: Michael Rinde

Marburg / Stadtallendorf. Am 2. August 2013 hatte das unter Vorsitz von Edgar Krug tagende Kirchhainer Amtsgericht den Beamten wegen Körperverletzung im Amt in Tateinheit mit Freiheitsberaubung zu einer Geldstrafe in Höhe von 110 Tagessätzen à 80 Euro verurteilt. Liegt eine Geldstrafe über 90 Tagessätzen, wird diese als Vorstrafe im Bundeszentralregister geführt. Gegen das Kirchhainer Urteil war der Polizeibeamte in Berufung gegangen, die seit gestern vor der 8. Strafkammer des Marburger Landgerichts verhandelt wird.

Ärgerlich für den angezeigten Polizeibeamten: Das Geschehen, das ihn auf die Anklagebank brachte, war unnötig und hätte leicht verhindert werden können. Darauf hatte auch Edgar Krug in der Urteilsbegründung verwiesen. Denn schon um 14.30 Uhr - drei Stunden vor dem angeklagten Zwischenfall - hätten die Ermittler im Laden des ausgeraubten Juweliers Zugriff auf das Überwachungsvideo haben können. Dieses Video belegte eindeutig, dass die Beamten eine völlig falsche Spur verfolgten.

Zwölfjähriger legteeine falsche Spur

Auf diese hatte ein zwölfjähriger Junge die Beamten gesetzt. Der wollte einen Mitbewohner aus seinem Haus als flüchtenden Täter erkannt haben. Bei diesem Mann handelte es sich um einen polizeibekannten Intensivtäter. Da vier Mitglieder einer operativen Einheit der Polizeidirektion Marburg den drogenabhängigen Mann nicht zuhause antrafen, observierten die Beamten über Stunden Stadtallendorfer Drogen-Hotspots zwischen Posener Straße, Dresdener Straße, Chemnitzer Straße und Eichenhain.

Einer der vier über Handy-Konferenz miteinander verbundenen Polizeibeamten glaubte gegen 17.20 Uhr den Intensivtäter erkannt zu haben, als dieser in Begleitung zweier Männer ein Haus in der Posener Straße verließ. Das Trio ging Richtung Dresdener Straße und verschwand in einem Wäldchen aus dem Blickfeld des Beamten, der die Männer seinen jenseits des Wäldchens postierten Kollegen „übergab“.

Die beiden anderen Beamten, unter ihnen der Angeklagte, folgten den drei Männern, die wenig später in ihr Blickfeld gerieten. Nachdem einer dieser Männer in der Straße Eichenhain ein Haus betreten und dieses wenig später wieder verlassen hatte, entschieden sich die Beamten zum Zugriff.

Festnahme erfolgtenicht lehrbuchmäßig

Der verlief, wie der Angeklagte gestern vor der unter Vorsitz von Richter Hans-Werner Lange tagenden Kammer einräumte, nicht lehrbuchmäßig. Weil er die Hausnummer einer falschen Straße zugeordnet habe, seien zwei Kollegen zu spät am Festnahmeort eingetroffen. Sein Kollege habe den vermeintlichen Intensivtäter vom Fahrrad gerissen, er selbst dessen abseits stehenden Begleiter festgenommen. Der dritte Mann sei in der Dunkelheit verschwunden. Beide Personen seien mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf dem Boden abgelegt worden. Er habe sich dann noch einen Mann geschnappt, der zeitnah das fragliche Haus verlassen hatte. Dabei soll er, so das Kirchhainer Urteil, mit gezogener Waffe vorgegangen sein, was der Angeklagte gestern bestritt. Den vom Kirchhainer Gericht als Freiheitsberaubung bewerteten Vorgang begründete der Angeklagte damit, dass er in dem Mann eine mögliche Kontaktperson zu dem gesuchten Intensivtäter gesehen habe.

Alle drei festgenommenen und auf den Boden gelegten Personen hatten weder mit dem Gesuchten noch mit dem Raubüberfall etwas zu tun. Zu dem Trio gehörte ein heute 38-jähriger Neustädter, der - so die Feststellung des Kirchhainer Urteils - seinen Kopf hob, um sich nach dem Grund der Festnahme zu erkundigen. Daraufhin versetzte ihm der Angeklagte - so das Urteil - zwei Fußtritte gegen den Oberkörper und forderte den Fragesteller auf, „die Klappe zu halten“.

Der Angeklagte schilderte das Geschehen anders. Der auf dem Bauch liegende Mann habe sich auf die Seite gedreht und ruckartig seine Knie angezogen. Er habe sich in dieser Situation unwohl und unsicher gefühlt und deshalb einen „Fußstoß“ gegen den rechten Oberarm des Mannes gesetzt.

Das Opfer bestätigte das in Kirchhain festgestellte Tatgeschehen und erhob schwere Vorwürfe gegen die Marburger Kripobeamten. Diese hätten ihn auf der Stadtallendorfer Wache verhöhnt: „Spiel hier kein Püppchen. In Russland wärest du auch verprügelt worden“, sei ihm gesagt worden. Sein Hinweis auf die bei der Festnahme völlig zerrissene Jacke sei mit den Worten „du läufst doch immer so rum“ gekontert worden. Anfangs hätten die Beamten sich zudem geweigert, seine Strafanzeige gegen die Marburger Kripo anzunehmen.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag um 9 Uhr im Saal 104 des Landgerichts fortgesetzt.

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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