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Klare Worte für die Gastfreundschaft

Margot Käßmann Klare Worte für die Gastfreundschaft

Gastfreundschaft ist für die Theologin Margot Käßmann ein theologisches Grundthema. In ihrem Vortrag im Familienzentrum "Conact" bezog sie Position zum Umgang mit Flüchtlingen.

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Margot Käßmann sprach im Familienzentrum „Conact“ in Stadtallendorf.

Quelle: Thorsten Richter

Stadtallendorf. Er ist seit März in Deutschland, seit April in Stadtallendorf. Mohammad Jamil Naser stammt aus Syrien. Am Mittwochabend beeindruckte er mit wenigen Sätzen und einem kurzen Auszug aus seiner Fluchtgeschichte die Teilnehmer eines kleinen Empfangs aus Anlass des Besuchs von Margot Käßmann. Naser spricht schon gut Deutsch für die wenigen Wochen, die er in Deutschland lebt. Die Botschaft des 24-Jährigen: „Ich hoffe, dass ich Deutschland für alles auch etwas zurückgeben kann.“

Der Verein „Jumpers“ und das Familienzentrum „Conact“ haben den Kontakt zu dem Mann geknüpft, der in Syrien Wirtschaftswissenschaften studiert hat. Projektleiter Tobias Czarski betonte, wie herzlich das Verhältnis zu ihm geworden sei.

Im Anschluss an den Empfang stand der Gast des Abends allein im Mittelpunkt. Etwa 150 Besucher kamen. Es war das dritte Mal innerhalb von fünf Jahren, dass Margot Käßmann Stadtallendorf besuchte. Sie ist dort aufgewachsen. Gleich zu Beginn zeigte sie, wie nahe ihr diese Stadt noch ist. Sie antwortet auf eine Frage von Thorsten Riewesell, dem Vorsitzenden von „Jumpers“. Stadtallendorf habe sich verändert, besonders in der Niederkleiner und der Albert-Schweitzer-Straße.

Erinnerung an die Folgen der Vertreibung

In der früheren Herrenwaldkirche habe sie bei ihrer Konfirmation gekniet, sagte sie mit einer Stimme, der anzumerken war, dass sie bewegt ist. „Vergesst die Gastfreundschaft nicht“, lautete das Thema von Käßmanns Vortrag. Die Formulierung geht auf eine Passage aus dem Hebräerbrief zurück. Käßmann stellte angesichts der Flüchtlingssituation gleich einen lokalen Bezug her. Käßmanns Familie hat ihre Wurzeln in Hinterpommern. Im Nachlass ihrer Mutter fand sie den Brief einer Freundin. „Einmal noch eine Küche haben, in der ich kochen kann“, war darin zu lesen. Das habe die damalige Not verdeutlicht.

Eine generelle Botschaft der Theologin und herausragenden Vertreterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): „Wir müssen keine Angst vor Fremden haben.“ Klare Worte fand sie für die „Pegida“-Bewegung: „Sie stellen das christliche Abendland in Frage“. Und Margot Käßmann bereitet manches im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdiskussion in Deutschland große Sorge. Etwa, dass Menschen, die Flüchtlingen helfen, inzwischen von einzelnen als „Volksverräter“ tituliert werden.

Sie sieht die Gefahr wachsenden Rassismusses. Käßmann warnte vor Positionen, dass Länder plötzlich nur noch Christen aufnehmen wollten. Religion ist für sie bei der Frage der Aufnahme von Menschen auf der Flucht nicht die Grundlage. „Das ist das Recht“, so ihre Position. „Religion muss endlich zum Faktor Konfliktentschärfung werden“, verlangte sie stattdessen. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow war der zweite Redner an diesem Abend. Er beschränkte sich auf einen kurzen Abriss der Flüchtlingssituation im Landkreis - und erneuerte dabei seine Bitte, Wohnungen für Flüchtlinge bereitzustellen. Etwa 600 Plätze braucht der Kreis, der auf die Unterbringung in Wohnungen setzt, derzeit noch.

Verein sucht weiter Paten für Flüchtlinge

Etwa 200 Flüchtlinge leben derzeit in Stadtallendorf, rund 100 in Wohnungen in Neustadt, etwa 150 bis 180 in Kirchhain. Hinzu kommen Erstaufnahme und Notunterkunft. Zachow brachte auch einen nachdenklichen Gedanken auf: „Im Moment vergessen viele, dass wir durch Flüchtlinge auch bereichert werden.“ Während der Veranstaltung war am Rande auch immer wieder die Situation der 540 Flüchtlinge ein Thema, die in Zelten am Bundeswehr-Hallenbad leben - und für die das Land nach einer festen Unterkunft sucht.

„Jumpers“-Projektleiter Czarski nutzte das Forum auch für die Werbung für das neue Projekt „Helfair“. Der Verein engagiert sich für Flüchtlinge, die in Stadtallendorf und der Region leben und deren Asylanträge bereits anerkannt sind. Bei „Helfair“ geht es um Patenschaften mit Flüchtlingen. Etwa 15 sind schon zustande­gekommen. Rund 40 Flüchtlinge haben im Familienzentrum Interesse angemeldet. „Jumpers“ wird Paten und Schützlinge begleiten, unter anderem auch mit einem eigenen Begegnungscafe.

  • Kontakt: Wer sich für das „Jumpers“-Projekt „Helfair“ interessiert, kann sich an Helene Wolff, E-Mail helene.wolff@jumpers-netz.de, Telefon 0157/56348131 wenden.
Zur Person
Die 57-jährige Professorin Margot Käßmann, geborene Schulze, ist Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Sie war unter anderem bis zu ihrem Rücktritt im Jahr 2010 EKD-Ratsvorsitzende. Käßmann wuchs in der Stadt Stadtallendorf auf und erlangte in Marburg ihr Abitur.

von Michael Rinde

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