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Wird Sankt Florian wachgeküsst?

Südlink-Alternativ-Trasse durch den Landkreis Wird Sankt Florian wachgeküsst?

Manchmal kommen gewichtige Nachrichten ganz beiläufig daher. So geschehen während der jüngsten Sitzung des Betziesdorfer Ortsbeirats.

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Eine große Stromtrasse – hier bei Erksdorf – durchquert den Ostkreis. Nun könnte im Zuge der Südlink-Planung eine weitere große Stromtrasse hinzukommen, die nach jetzigen Planungen unter der Erde verlegt werden würde.

Quelle: Matthias Mayer

Betziesdorf. Ortsvorsteher Dieter Tourte kündigte unter dem Tagesordnungspunkt neun zu fortgeschrittener Stunde „Verschiedenes“ an. Dann berichtete er mit entspannter Stimme, dass eine vom Freistaat Thüringen vorgeschlagene Alternativtrasse für die Südlink genannte Stromautobahn von Nord- nach Süddeutschland durch den Landkreis Marburg-Biedenkopf, Kirchhain und natürlich auch mitten durch Betziesdorf führe.

Die Entgeisterung des Gremiums hielt sich in Grenzen. Das Wort vom Sankt Florian machte leise die Runde. Gleichwohl wurde das Thema ernst genommen, zumal in der Runde publik wurde, dass die Stadt Kirchhain aufgeforderte wurde, für die zuständige Bundesnetzagentur ihre komplette Bauleitplanung offenzulegen und mögliche Hindernisse für die Stromtrasse zu benennen. Beiden Anforderungen sei die Stadt inzwischen nachgekommen.

Kirchhains Erster Stadtrat Konrad Hankel, der Bürgermeister Olaf Hausmann während dessen Urlaubs vertritt, bestätigte gegenüber der OP die in Betziesdorf genannten Sachverhalte. Seit drei bis vier Wochen befasse sich mit dem Thema. Die Alternativtrasse führe tatsächlich durch den Landkreis und mitten durch Kirchhain, was in der Stadt niemandem wirklich gefalle, so Hankel.

Laut Plan-Skizze zur Alternativtrasse müsste diese nur die äußerste Ecke Neustadts touchieren. Die kerzengeraden Linien in Nord-Süd-Richtung stünden nur für den Trassen-Korridor. Die tatsächliche Linienführung werde den topografischen und ökonomischen Gegebenheiten angepasst, erläuterte Konrad Hankel die zum Teil erheblichen Abweichungen. Der Erste Stadtrat teilte mit, dass sich die Bürgermeister-Dienstversammlung demnächst im Kreishaus mit der Alternativtrasse befassen werde.

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf bestätigte gestern auf OP-Anfrage, dass die Alternativtrasse des Freistaats Thüringen durch das Kreisgebiet führe. „Nach unserem Kenntnisstand ist dieser Alternativvorschlag noch nicht Gegenstand einer konkreten Netzplanung“, hieß es weiter.

Für konkrete Schritte sei es noch zu früh

Die spannende Frage nach den von der Trasse möglicherweise betroffenen Kommunen des Kreises blieb noch unbeantwortet. „Eine konkrete, trennscharfe Nennung einzelner Kommunen ist noch nicht möglich, da die vorgeschlagene, mögliche Alternativtrasse wiederum aus verschiedenen alternativen Möglichkeiten besteht“, ließ das Kreishaus wissen. Will heißen, dass es alternative Trassen innerhalb der Alternativtrassen gibt, was beispielsweise dazu führen kann, dass die Trasse südlich von Kirchhain über Cölbe und Marburg oder über Amöneburg und Ebsdorfergrund in Richtung Süden führen.

Zum Status der Alternativtrasse erklärte der Landkreis: „Derzeit wird durch die Bundesnetzagentur geprüft, ob die möglichen Alternativvorschläge realisierbar sind. Dazu werden unter anderem die Bauleitplanungen der Kommunen überprüft. Insofern hat die Überprüfung der Alternativvorschläge auf eine mögliche Eignung gerade erst begonnen. Alle weiteren Aussagen hierzu sind nicht belastbar und wären reine Spekulation.“

Für konkrete Schritte sei es jetzt noch zu früh, erklärte die Kreisregierung. Der Landkreis werde die weitere Entwicklung aufmerksam beobachten und dann über weitere Schritte entscheiden. Zudem werde der Landkreis Marburg-Biedenkopf als Träger öffentlicher Belange eine entsprechende Stellungnahme abgeben. Diese sei derzeit noch in Bearbeitung.

Unter Südlink versteht man zwei leistungsstarke Stromtrassen, die Strom aus Norddeutschland nach Süddeutschland transportieren sollen. Die Trassen führen von Wilster nordwestlich von Hamburg nach Grafenrheinfeld bei Steinfurth sowie von Brunsbüttel in Schleswig-Holstein nach Großgartach nördlich von Stuttgart.

Ein Vorhaben mit großem Protestpotenzial

Das Vorhaben hat von Beginn an ein enormes Protest-Potenzial gezeigt. Die Anlieger der Trassen machten mobil gegen die Hochspannungsgleichstromübertragungsleitung (HGÜ), die in der Zeit nach der Kernenergie mit Strom aus dem Norden Deutschlands dafür sorgen soll, dass im Süden nicht das Licht ausgeht. Der Anblick der hohen Masten und mehrere Krankheitsbilder, die von den Strahlungen der Freilandleitungen ausgehen könnten, führten die Trassengegner ins Feld, die schnell zu einer Massenbewegung wurden.

In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Nordhessen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg gab es massive Proteste. Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner verlangte sogar, die Trasse durch Südhessen und Baden-Württemberg um Bayern herum zu verlegen, um die bayerische Bevölkerung nicht zu belasten.

Unter dem enormen Protestdruck knickte der Bundestag ein und beschloss im Dezember 2015, dass künftig Erdverkabelungen Vorrang vor Freileitungen haben sollen.

Obwohl das Problem nun unter der Erde versteckt wird, haben die Proteste kaum nachgelassen. Und sie finden unmittelbar vor der Haustür unseres Kreises statt: In den Landkreisen Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder.

Noch herrscht im Landkreis Marburg-Biedenkopf Grabesruhe. Aber es ist nicht auszuschließen, dass die Existenz der Alternativtrasse hiezulande Sankt Florian wachküssen wird.

von Matthias Mayer

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