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Plätzchen und faule Äpfel waren einmal

Nikolaus im Emsdorf Plätzchen und faule Äpfel waren einmal

Im Bischofsgewand ist der Nikolaus auch heute noch unterwegs. Klaus Benkert aus Emsdorf schlüpft seit zehn Jahren in diese Rolle und ist noch immer sehr berührt, wenn Kinder für ihn Lieder singen.

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Der Nikolaus mit dem gefüllten Stifel.

Quelle: Katja Peters

Emsdorf. „Nikolaus, komm in unser Haus, pack die großen Taschen aus. Lustig, lustig, trallalala! Heut ist Nikolausabend da, heut ist Nikolausabend da.“ Hildegard Gruß summt die Melodie aus Kindertagen. Denn dieses Lied hat sie immer gesungen, wenn der Nikolaus in den Kindergarten oder in die Schule kam.

Heute singt die 86-Jährige mit ihren Enkeln und Urenkeln, die sie im Altenpflegeheim in Stadtallendorf besuchen. „Manchmal war es der Pfarrer, manchmal der Lehrer“, erinnert sich die gebürtige Niederkleinerin. „Ich weiß noch ganz genau, dass ich dem Nikolaus immer in die Augen geguckt habe und ihn dann erkannt habe. Aber man durfte es nicht laut sagen“, lacht sie. Nachdem sie ihr Lied gesungen hatte, gab es eine Tüte mit Plätzchen. Knecht Ruprecht, der Gefährte vom Nikolaus, war auch immer mit dabei. Dem hatte die strenge Lehrerin oft ein paar Geschichten der Kinder erzählt. „Wer nicht brav war, der bekam einen faulen Apfel anstatt Plätzchen“, sagt Hildegard Gruß. Aber sie hat nie einen faulen Apfel bekommen.

Klaus und Nikolaus

Heute ist Knecht Ruprecht oft gar nicht mehr mit dabei. Aber Nikolaus‘ Gewand ist noch immer das Gleiche. Klaus Benkert (großes Foto) aus Emsdorf zieht es einmal im Jahr an, wenn er die Jungen und Mädchen im Kindergarten im Kirchhainer Ortsteil besucht. So wie heute auch. Die bodenlange weiße Albe und die rote bestickte Kasel wirft der 58-Jährige sich über, bevor er sich den Bart anklebt und die Mitra aufsetzt.
Vor zehn Jahren ist er so das erste Mal um den Kindergarten gegangen und hat mit seiner großen Glocke geklingelt. „Da war ich ganz schön aufgeregt, weil ich ja nicht wusste, was mich erwartet“, erinnert er sich.
Es herrscht eine besondere Stimmung im Haus

Nachbarin Susanne Fritsch hatte ihn damals gefragt, ob er nicht den heiligen Mann im Kindergarten spielen könnte. Lange musste Klaus Benkert nicht überlegen. Schon während seiner Zeit in der Bundeswehr schlüpfte er oft in die Rolle. „Mein Name Klaus und Nikolaus passt ja irgendwie auch gut zusammen“, sagt er lachend.

Heute ist er nicht mehr aufgeregt, die Kinder aber umso mehr. Sie begrüßen den Mann im Bischofsgewand mit großen, leuchtenden Augen. „Es herrscht eine ganz besondere Stimmung im Haus“, weiß Erzieherin Christa Jüngst, die ihre Sonnengruppe auf diesen besonderen Tag vorbereitet hat. Die Kinder haben im Vorfeld erfahren, woher der Nikolaus eigentlich stammt und was er für ein Mensch war. Viele wissen gar nicht, dass er einer der bekanntesten Heiligen ist und im 4. Jahrhundert als Bischof von Myra in der kleinasiatischen Region Lykien, der heutigen Türkei, wirkte. Sein griechischer Name Nikólaos bedeutet „Sieg des Volkes“ und war bereits in vorchristlicher Zeit gebräuchlich.

Wenn die Glocke draußen vor dem Kindergarten in Emsdorf läutet, dann laufen alle Jungen und Mädchen an die Fenster und lassen ihn über die Terrasse ins Haus. Sie begleiten ihren Besuch in den Turnraum, der festlich geschmückt ist und wo die Kerzen eine anheimelnde Stimmung verbreiten. Der Gast nimmt Platz auf einem „Thron“, und die Kinder begrüßen ihn mit einem Lied. „Sei gegrüßt, lieber Nikolaus. Wieder gehst du von Haus zu Haus. Alle Kinder lieben dich, warten schon und freuen sich, teilst du deine Gaben aus. Dankeschön, lieber Nikolaus!“ Dann werden zusammen die schweren Säcke ins Haus getragen, in denen für jedes Kind eine Socke mit ein paar Süßigkeiten, Mandarinen und Nüssen steckt. Socken? Warum keine geputzten Schuhe? Diese Tradition geht offenbar verloren, oder wird nur noch zu Hause gepflegt, stellt dann auch Kindergartenleiterin Theresia Paul fest: „Es wird immer mehr amerikanisiert.“ Dort sieht der Nikolaus aus wie der Weihnachtsmann, und deswegen gibt es nur selten Schokoladennikoläuse im Bischofsgewand.

Erster Besuch war wirklich ergreifend

In Emsdorf werden aber auch die Traditionen gepflegt. Denn der Nikolaus fragt die Kinder jedes Jahr, ob sie brav, höflich und nett waren. „Sie sollen sich selbst reflektieren und motiviert, anstatt gemaßregelt werden. „Das ist uns ganz wichtig“, betont Erzieherin Christa Jüngst.

Auch, dass manche ihm ganz direkt in die Augen gucken, um zu erkennen, wer der Nikolaus wirklich ist, hat sich bis heute nicht geändert. Gestern haben die Emsdorfer Kinder fleißig Bilder gemalt, die sie ihrem Besuch heute überreichen.
Ihre Gedichte haben sie auch noch einmal geübt, damit auch ja nichts schiefgehen kann. „Bei meinem ersten Besuch war es für mich wirklich sehr ergreifend, wie toll einige Kinder ihre Gedichte und Singspiele aufgesagt haben“, erinnert sich Klaus Benkert. Er sei danach total aufgewühlt und emotional berührt gewesen. „Ein tolles Erlebnis“, sagt der Nikolaus auf Zeit, das er heute wieder erlebt. Und er hofft, dass ihn kein OP-Leser verrät: „Die Kinder sollen doch nicht wissen, wer sich unter dem Bischofsgewand versteckt.“

von Katja Peters

 
Jonas (6): „Mama hat Plastikstiefel gekauft. Die habe ich ausgeschnitten und zusammengeklebt. Den Mond, die Sterne und die Pinguine habe ich ausgemalt.“
Luise (6): „Ich habe für den Nikolaus auch einen Wunschzettel geschrieben, weil ich mir so sehr einen Schulranzen wünsche. Vielleicht steht er ja heute vor der Haustür.“
Helena (6): „Mama und ich backen auch Kuchen für den Nikolaus. Manchmal stellt er die Geschenke sogar auf die Terrasse. Ich wünsche mir von ihm ein Playmobilhaus.“
Lea-Sophie (6): „Ich weiß, wenn man lieb ist, dann füllt der Nikolaus die Schuhe mit Schokolade. Ich habe sogar schon einmal ein Geschenk bekommen. Das war toll.“
Lotta (6): „Meine Gummistiefel putze ich immer mit einem Schwamm. Da passt viel Schokolade rein. Ich ziehe sie nicht so oft an, deswegen sind sie auch nicht so schmutzig.“
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