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Die Kurve zeigt steil nach unten

Deutlich weniger Flüchtlinge im Landkreis Die Kurve zeigt steil nach unten

Der Flüchtlingsstrom in den Landkreis Marburg-Biedenkopf ist in diesem Jahr deutlich verebbt. Das berichtete der Erste Kreisbeigeordnete Marian ­Zachow (CDU) vor dem Kirchhainer Sozialausschuss.

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Die Kirchhainer Flüchtlingshilfe bemüht sich intensiv um die Integration der rund 300 in der Stadt lebenden Flüchtlinge. Zu den festen Institutionen gehört das Begegnungscafé im Bürgerhaus, bei dem Bürger und Migranten zusammenkommen.

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015, kamen 1641 Flüchtlinge in den Landkreis. 2016 sank diese Zahl auf 1237. Bis zum Stichtag 30. Juni kamen in diesem Jahr ­lediglich 333 Flüchtlinge ins Kreisgebiet. In diesen von Marian Zachow erstmals genannten Fallzahlen handelt es sich um die sogenannte Regelzuweisung von Flüchtlingen, die eine Erstaufnahmeeinrichtung schon durchlaufen haben.

Dazu kommen derzeit etwa 140 Flüchtlinge in der kreisweit einzig verbliebenen Erstaufnahme-Einrichtung (EAE) Neustadt. Deren Kapazität von 1200 Plätzen verdeutlicht, dass es auch hier einen deutlichen Rückgang gegeben hat.

  • Wo sind die Flüchtlinge ­untergebracht?

Der Landkreis reicht die ihm zugewiesenen Flüchtlinge an seine Städte und Gemeinden weiter, wobei sich die Verteilung auch nach dem in den Kommunen verfügbaren Wohnraum richtet. So kamen zwischen 2015 und der Jahresmitte 2017 nur 20 Flüchtlinge­ nach Fronhausen; in Amöneburg waren es 27 (siehe Grafik).

Gemessen an der Einwohnerzahl beherbergt Wohratal die mit Abstand meisten Flüchtlinge. Die mit 2300 Einwohnern kleinste Gemeinde des Landkreises nahm 191 Flüchtlinge auf - auch weil es dort zwei feste Flüchtlingseinrichtungen gibt. Schaut man allein auf die Zahlen, liegen Marburg (485), Gladenbach (294) Stadtallendorf (279), Biedenkopf (267) und Dautphetal (262) in diesem Ranking vorn.

  • Wie wohnen die Flüchtlinge?

Nach dem vom Landkreis zusammen mit den Kommunen entwickelten Modell Marburg-Biedenkopf gilt der Leitsatz „40x5 ist besser als 200“. Will heißen: Dezentrale Unterbringung hat Vorrang vor Massenunterkünften. 80 Prozent der Flüchtlinge leben in Unterkünften unter 20 Personen, 13 Prozent in Häusern zwischen 20 und 50 Personen und 7 Prozent in Einrichtungen, die für 80 bis 100 Personen ausreichend sind. Die dazu angemieteten Gebäude stammen in der Regel aus privater Hand.

  • Was kostet der Lebensunterhalt für die im Landkreis untergebrachten Flüchtlinge?

Für die Beantwortung dieser Frage hatte Marian ­Zachow ein ­Rechenbeispiel mitgebracht. Sechs Personen sind in einem Wohnhaus mit 110 Quadratmetern Wohnfläche untergebracht. Bei einer ortsüblichen Miete von 5,50 Euro pro Quadratmeter kommt eine ­Monatsmiete von 550 Euro heraus. Zu der Miete sind monatliche Kosten für Energie, Versorgung, ­Versicherung, Hausrat, Personal und Integration zuzurechnen.

Unterm Strich entstehen für die sechs Personen monatliche Gesamtkosten in Höhe 1710 Euro - 9,10 Euro pro Person und Tag. Zum Vergleich: Ein Bezieher des Regelsatzes von Hartz IV hat pro Tag für sich 15 Euro zur Verfügung. So weit die harten Fakten zu einem Thema, das im Herbst 2015 die Nation auf den Kopf stellte­ und das auch im Landkreis für mächtige Turbulenzen sorgte.­

Ein Thema, das in Kirchhain von Anfang an positiv besetzt ist, wie die Ausschussvorsitzende Helga Sitt (Grüne) bemerkte. Es war die Kirchhainer Bürgerschaft, die sich ab 2013 der im wahrsten Wortsinne sprachlosen Flüchtlingen annahmen, die sogleich versuchten, in der Apotheke, beim Arzt oder gegenüber Behörden ihr Anliegen vorzutragen.

Daraus entstand auch unter der Führung von Helga Sitt die Kirchhainer Flüchtlingshilfe unter dem Dach der Kirche, die in der Stadt, im Jukuz, der Awo und in zahlreichen anderen Vereinen Unterstützung fand. Die Flüchtlingshilfe gehört längst zu den größten und beständigsten Netzwerken kreisweit.„Solche Einladungen sind heute selten“, konstatierte Marian Zachow.

Umso mehr freue er sich über die Einladung aus Kirchhain, zumal die Zusammenarbeit mit der Stadt in der Flüchtlingsfrage mustergültig sei. Und die Kirchhainer Bürgerschaft sei Lokomotive der ehrenamtlichen Bewegung im Dienste der Flüchtlinge. Insgesamt sei es mit hoher Akzeptanz gelungen, Flüchtlinge­ im Landkreis unterzubringen - viele davon auf dem Dorf.

„Es kommen noch Flüchtlinge zu uns - auch wenn die Zahlen rückläufig sind“, erklärte der Sozialdezernent, der fast bedauernd feststellte, dass im ersten Halbjahr nur sechs Flüchtlinge nach Kirchhain gekommen seien. Die Situation führe dazu, dass die ersten auslaufenden Mietverträge für Häuser und Wohnungen nicht verlängert würden. Dies müsse leider unabhängig von der Qualität der Unterkünfte geschehen, wolle der Landkreis nicht Mieten für den Leerstand bezahlen.

Vom Landkreis gab es gestern auf OP-Anfrage keine Auskunft, welche Wohnungen und Häuser davon betroffen seien. Der Landkreis gebe grundsätzlich keine Auskunft über Vertragsverhältnisse mit Bürgern, hieß es gestern aus der Pressestelle. Aus dem Ausschuss wurde beklagt, dass Flüchtlinge noch immer nur geringe Chancen auf dem freien Wohnungsmarkt hätten.

Entsprechende Gespräche seien oft schon nach der Namensnennung beendet. Auch die Integration in den ersten Arbeitsmarkt gestalte sich als schwierig. Marian Zachow sah den Landkreis auf dem richtigen Weg. Der Kreis habe ein Netzwerk um das Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge aufgebaut, das Probleme in Perspektiven umwandeln solle. Die Treppe führe über die Stufen Sprache, Bildung, Berufsorientierung, Arbeit zur Integration.

Probleme auf diesem Gebiet schilderten zwei Stadtverordnete. Uli Balzer (Grüne) berichtete von einem aus Afrika stammenden Elektriker, den er angestellt habe. Der wolle nicht akzeptieren, dass seine Ausbildung nicht den in Deutschland geltenden Anforderungen entsprechen. Zudem seien seine Sprachkenntnisse schwach.

Ähnlich äußerte sich Herbert Landmesser (SPD), der als Awo-Vorsitzender stark in die Flüchtlingsarbeit eingebunden ist. Sein Versuch, einer jungen Frau als Türöffner in deren Traumberuf zu verhelfen, sei an der ­Sprache gescheitert und an deren Weigerung gescheitert, aus religiösen Gründen nicht alle berufsbedingten Arbeiten auszuführen.

von Matthias Mayer

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