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Kneipengast tritt auf Bewusstlosen ein

Freiheitsstrafe Kneipengast tritt auf Bewusstlosen ein

Es liegt in der Natur der Sache, dass Gericht und Verteidigung bei Strafprozessen unterschiedlicher Meinung sind. Selten liegen die Positionen so weit auseinander wie jetzt vor dem Kirchhainer Amtsgericht.

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Am MIttwoche gab es ein Urteil am Amtsgericht Kirchhain.

Quelle: Archivbild

Kirchhain. Vor Strafrichter Joachim Filmer mussten sich zwei bislang unbescholtene Brüder verantworten, 57 und 42 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft warf dem Älteren eine gefährliche Körperverletzung und eine Körperverletzung vor. Der ­Jüngere wurde wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung angeklagt. Schauplatz des Geschehens zu nächtlicher Stunde am 26. Februar dieses Jahres war ­eine Kirchhainer Kneipe.

Nach einer umfangreichen Beweisaufnahme sah das Gericht folgenden Sachverhalt als erwiesen an: Der ältere Angeklagte hat seit 15 Uhr gezecht, Mixgetränke getrunken. Zu später Stunde steht ihm der Sinn nach einem Umtrunk in der fraglichen Kneipe. Er bestellt ein Diesel. Wenig später kippt er das Glas versehentlich um. Ein vor ihm am Tresen sitzender Gast kommentiert das Geschehen mit einem flapsigen Spruch.

Zielperson: "Der Lange an der Theke"

Der 57-Jährige fühlt sich provoziert und versetzt seinem 29-jährigen Gegenüber einen Schlag. Der lässt das nicht auf sich sitzen. Es kommt zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf der Ältere zu Boden geht. Der Jüngere steht über dem Mann und wird von seinem Begleiter zurückgehalten, noch ehe er zum Schlag ausholen kann. Der 60-jährige Antialkoholiker ist der einzige stocknüchterne Beteiligte. Der Angeklagte steht auf, bezahlt sein Diesel und verlässt auf Bitte der Wirtin das Lokal. Damit hätte die Geschichte glimpflich enden können.

Wenig später stürmt der 57-Jährige in Begleitung seines Bruders ins Lokal. Seinen Bruder hatte er zuvor über die Zielperson ins Bild gesetzt: „Der Lange an der Theke.“ Der Jüngere fackelt nicht lange und schlägt dem „Langen“ insGesicht. Dabei geht dessen Brille zu Bruch. Das Gestell wird in die Nase des Getroffenen gedrückt. Es kommt zu einem kurzen Faustkampf. Der endet, als beide Kontrahenten ihre Brille suchen. Fotos zeigen, dass der 29-Jährige mindestens drei Verletzungen in Gesicht und am Kopf davontrug.

Mit einem Schlag vom Hocker

Derweil tobt sich der 57-Jährige ausgerechnet an seinem „Beschützer“ aus. Er fegt den 60-jährigen Cola-Trinker mit einem Schlag oder einem Tritt in die Leber-Gegend vom Bar­hocker. Dann schlägt und tritt er dem am Boden Liegenden auf Kopf, Bauch und Rücken ein und lässt davon auch nicht ab, als das Opfer zweimal bewusstlos wird.

Der 60-Jährige trug multiple Verletzungen davon: Schädel-Hirn-Trauma, eine Gehirnerschütterung, ein Nasenbeinbruch und mehrere Hämatome. Ein Tritt in die Herzgegend hätte für den Stent-Träger nach eigener
Aussage tödlich enden können.

Das Gericht stützte seine Feststellungen auf drei Zeugenaussagen und die Teilgeständnisse der Angeklagten. Die Wirtin hatte die Tritte auf das Opfer direkt vor ihren Augen gesehen, der 29-Jährige nahm den Angriff auf seinen Bekannten lediglich aus den Augenwinkeln wahr.

Für alle drei Zeugen sprach, dass sie nur aussagten, woran sie sich erinnerten. Besonders der 29-Jährige, der mit seiner Bemerkung die Sache ins Rollen gebracht hatte, hielt sich zurück, äußerte sich nur auf Nachfrage zu dem ihm entstandenen Schaden. Die Verteidigung wertete dies als „Rumgeeiere“. „Ich glaube dem Zeugen gar nichts. Er will von dem ablenken, was er getan hat. Er ist Täter“, sagte der Verteidiger.
Der Rechtsanwalt kritisierte die Strafanträge der Staatsanwaltschaft, die beantragt hatte, den 57-Jährigen zu einer 18-monatigen Freiheitsstrafe und den 42-Jährigen zu einer 6-monatigen Freiheitsstrafe zu verurteilen – beide Strafen zur Aussetzung auf Bewährung. Bewährungsauflagen: 2 000 beziehungsweise 1 000 Euro, zu zahlen an eine gemeinnützige Einrichtung.

"Das geht überhaupt nicht"

Die Verteidigung redete die Tat des Hauptangeklagte in die Nähe einer einfachen Körper­verletzung und beantragte ­eine Bewährungsstrafe von vier, höchstens sechs Monaten. Da machte Joachim Filmer nicht mit. Er verurteilte den Hauptangeklagten wegen gefährlicher und einfacher Körperverletzung zu einer Gesamtstrafe in Höhe von 14 Monaten und 2 Wochen auf Bewährung plus 1 000 Euro Schmerzensgeld, zu zahlen an den Geschädigten.

Den 42-Jährigen verurteilte er wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 50 Euro. Der Richter würdigte die Glaubwürdigkeit des 29-jährigen Zeugen, der keinerlei Belastungseifer gezeigt habe und sich in einer Notwehrsituation gewehrt habe. Die Aggressionen seien von den Brüdern ausgegangen. Die Tat des 57-Jährigen bezeichnete er als beginnenden
Amoklauf. „Auf einen Bewusstlosen eintreten, das geht überhaupt nicht“, sagte der Richter.

von Matthias Mayer

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