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Angeklagter wünscht eigenem Kind den Tod

Haarscharf am Knast vorbei Angeklagter wünscht eigenem Kind den Tod

Eine Doppeltür schirmt den Saal 116 akustisch gegenüber dem Gerichtsflur ab. Die Verfahrensbeteiligten eines Prozesses bekamen im Saal trotzdem den Tumult vor der Tür mit. Und sie hörten das Weinen einer Frau.

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Mitten auf der vielbefahrenen Niederkleiner Straße sprang der Angeklagte auf dem Auto seiner ­ehemaligen Lebensgefährtin herum.

Quelle: Tobias Hirsch

Kirchhain/Stadtallendorf. Der Tumult ging von einem Angeklagten aus, der sich im nachfolgenden Verfahren wegen Körperverletzung, Nötigung, Sachbeschädigung und Beleidigung vor dem unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektorin Andrea Hülshorst tagenden Kirchhainer Amtsgericht zu verantworten hatte.

Die Strafrichterin wird später das mutmaßliche Opfer, die frühere Lebensgefährtin des Angeklagten, nach dem Vorfall befragen. „Er hat mich als Hure und Schlampe bezeichnet und unseren Sohn als Hurensohn“, sagte die 34-jährige Stadtallendorferin im Zeugenstand. Und dann habe er seinem Kind den Tod gewünscht: „Er soll auf ein Gleis gelegt werden und sterben.“ Verletzender kann verbale Gewalt nicht sein.

Das Gericht und Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier investierten viel Zeit in das Verfahren mit vielen Zeugen und drei Verhandlungstagen. Das reichte dem 47-jährigen Angeklagten aus Stadtallendorf letztlich zum Vorteil. Am ersten Verhandlungstag hatte der Hartz IV-Empfänger sämtliche Anklagepunkte der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen. „Ich hab gar nichts gemacht. Einmal wollte ich mit ihr reden vor einem Friseursalon. Mit Gewalt ist nix gewesen“, gab der Stadtallendorfer zu Protokoll.

Dabei blieb der aggressiv wirkende Angeklagte und ließ sich auch von Andrea Hülshorsts Vorhalt, dass es unabhängige Tatzeugen gab, nicht beeindrucken. An den folgenden Verhandlungstagen zeigte er ein anderes Gesicht, erging sich nicht mehr in Selbstmitleid und zeigte sich ansatzweise einsichtig und in die Zukunft gewandt. Allein das bewahrte ihn vor einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung, wie die Vorsitzende später in der Urteilsbegründung feststellte.

Für Gericht und Staatsanwaltschaft stand nach der Beweisaufnahme fest, dass sich drei Tatkomplexe so ereignet haben:

12. November: Die ehemalige Partnerin des Angeklagten betritt einen Stadtallendorfer Friseursalon, um eine Freundin zu besuchen. Schon bei der Annäherung an den Laden bemerkt sie, dass sie von ihrem Verflossenen verfolgt wird. Er folgt ihr in den Laden, zerrt sie aus diesem heraus, hält sie mit den Händen am Hals fest, drückt sie ­gegen das Schaufenster und versucht sie zu küssen. Mitarbeiterinnen des Salons eilen herbei und trennen das Paar. Die vom Angeklagten geforderte Aus­sprache lehnt die 34-Jährige ab.

Zwischen dem 2. Dezember 2016 und dem 10. März 2017 hat der Angeklagte viermal Reifen am Auto seiner ehemaligen Lebensgefährtin zerstochen und einmal das Wort „Bitch“ in den Lack geritzt. Den letzten Vorfall im März verfolgte das Gericht nicht weiter, weil dieser letztlich für das zu erwartende Strafmaß unerheblich ist. Das Auto hatte der Angeklagte im September 2016 seiner damaligen Partnerin geschenkt, es aber vorsorglich auf den Namen derer Mutter zugelassen, weil die 34-Jährige damals von Hartz IV lebte.

10. März 2017: Der Tiefpunkt des einseitigen Rosenkriegs. Die 34-Jährige bemerkt bei einer Fahrt durch Stadtallendorf im Rückspiegel, dass sie von ihrem Ex am Steuer eines BMW verfolgt wird. Auf dem Beifahrersitz befindet sich ein unbekannter Mann. Der Fahrer überholt die Frau in der Brentanostraße und bremst sie aus. Er steigt aus und zerrt an einem Außenspiegel. Der verängstigten Frau gelingt es, über einen hohen Bordstein auf der Niederkleiner Straße zu entkommen. Der Angeklagte folgt in dem BMW und bremst das Auto der 34-Jährigen mitten im Berufsverkehr auf der Niederkleiner Straße aus. Der Mann steigt aus, tritt einen Spiegel ab, tritt gegen das Fahrzeug, tobt auf der Motorhaube herum und schlägt mit einem Gegenstand auf eine Scheibe des nun schrottreifen Autos ein.

Zeugen verfolgen das Geschehen fassungslos. Ein Zeuge tritt an das verriegelte Auto, in dem die Fahrerin größte Ängste ausgestanden hat. Der Angeklagte und sein Begleiter verschwinden.„Er ist kein schlechter Mensch. Wenn ich mir und unserer Familie anders hätte helfen können, wäre ich nicht zur Polizei gegangen, sagte die Zeugin vor Gericht. Er habe die Trennung nicht verkraftet, seine Wut immer wieder rausgeschrien, sie, ihre beiden Kinder und ihre Eltern in Angst und Schrecken versetzt. Nächtliches Schreien vor der Wohnung, Beleidigungen und Drohungen hätten zum Alltag gehört. Und einmal habe es abends eine Messerattacke gegen die Scheibe ihres Autos gegeben, in dem sie gerade losfahren wollte.

Am letzten Verhandlungstag berichtete der Hausarzt des Angeklagten von erheblichen psychischen Störungen seines Patienten. Er wirke ängstlich, leide unter Schlafstörungen und Depressionen, fühle sich von seiner Umgebung nicht verstanden. Er habe ihn in psychiatrische Behandlung überwiesen. Dort sei er nicht hingegangen. „Wie soll es mit ihnen weitergehen?“, wollte Andrea Hülshorst von dem Angeklagten wissen. Er wolle sich wieder Arbeit suchen und sich in der Türkei verheiraten. Sein Schwager werde das für ihn organisieren. „Dann will ich ein neues Leben anfangen“, sagte der Mann, der zwei Ausbildungsgänge abgebrochen hat.

In die Hauptverhandlung brachte er zwei Vorbelastungen mit: Einen noch nicht bezahlten Strafbefehl wegen Beleidigung aus dem April 2015 und eine zweijährige Freiheitsstrafe aus dem Jahr 2010 wegen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in 47 Fällen, darunter viermal mit der juristisch bedeutsamen Größenordnung der „nicht geringen Mengen“.Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier beantragte für den Angeklagten wegen Körperverletzung, Nötigung, Sachbeschädigung und Beleidigung unter Einbeziehung des noch nicht bezahlten Strafbefehls eine Geldstrafe in Höhe von 280 Tagessätzen à 15 Euro sowie den Entzug des Führerscheins für mindestens ein Jahr.

„Sie haben die Taten so begangen, wie angeklagt“, sagte Kerstin Brinkmeier unter Hinweis auf die glaubhaften Zeugenaussagen während der Hauptverhandlung. Allein für die Wildwest-Methoden in der Brentano­straße und auf der Niederkleiner Straße beantragte sie Einzelstrafen in Höhe von 100 und 160 Tagessätzen.

„Sie haben gegen Türen getreten und gegen Scheiben geschlagen. Nicht um die Zeugin zu schlagen, sondern um mit ihr über die Trennung zu reden. Sie wollten nicht wahrhaben, dass es vorbei ist“, erklärte die Oberstaatsanwältin, die auch wegen der vom angeklagten über WhatsApp angekündigten und von Zeugen beobachteten Reifenschlitzereien keine Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten hegte. Für diesen sprächen allein die psychische Verfassung und dessen besseres Verhalten an den Verhandlungstagen zwei und drei.

Andrea Hülshorst folgte im Urteil dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft. „Sie haben in den vergangenen Wochen noch die Teilkurve genommen. Wie sie auf die Trennung von ihrer Lebensgefährtin reagiert haben ist strafbar - mit massiven psychischen Auswirkungen auf die ganze Familie, die sich heute hinter Kameras verschanze. Besonders verwerflich sei die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Kindern, „die für die Situation gar nichts können. Suchen sie sich Arbeit und geben sie Ruhe. Dann können sie in Frieden weiterleben“, ermahnte die Richterin.

War‘s das? Wohl nicht ganz. Kerstin Brinkmeier berichtete am Rande der Verhandlung, dass eine weitere Anzeige gegen den Angeklagten vorliege. Am Tag nach dem ersten Verhandlungstag soll dieser mit dem Auto auf der Schnellstraße bei Kirchhain seine frühere Lebensgefährtin abgedrängt und diese zu einem Schleuder-Manöver genötigt haben. Sie sei kurz davor gewesen, wegen dieses gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr Haftbefehl zu beantragen, bekannte sie. Der Angeklagte konterte. Seine Ex sei mit einem Baseball-Schläger vor dem Geschäft seiner Schwester erschienen und habe ihn getreten. Die herbeigerufene Polizei habe nichts ­gemacht. Ende offen.

von Matthias Mayer

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