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Fachkräfte scheitern an der Sprache

Flüchtlingshilfe Fachkräfte scheitern an der Sprache

Die langen Tischreihen für das vorweihnachtliche Begegnungscafé sind liebevoll gedeckt und dekoriert. Vor allem die Kinder  greifen beherzt nach Plätzchen und Schokolade. Wenn sie nicht gerade nebenan basteln und spielen.

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Flüchtlingsfamilien waren in großer Anzahl zum Kirchhainer Begegnungscafé gekommen. Junge Kirchhainer Familien mit Kindern machten sich allerdings rar. 

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Der Arbeitskreis Flüchtlingshilfe, die Stadt und das die Kinder betreuende Jukuz hatten zu diesem traditionellen Jahresabschluss dieses Begegnungsorts von Bürgern und Flüchtlingen ins Bürgerhaus eingeladen, der diesmal ohne Bühnenprogramm auskommen muss. Der Grund: Die Bühnenbretter haben einen neuen, pechschwarzen Anstrich bekommen, der noch nicht durchgehärtet ist.

Das tat der guten Stimmung im Saal keinen Abbruch. Man kennt sich, man grüßt sich und man plauscht miteinander. Und mittendrin Helga Sitt, das  Gesicht der Flüchtlingshilfe in Kirchhain, die von 65 ehrenamtlichen Bürgerinnen und Bürgern getragen wird.

Arbeitsplätze und Wohnungen fehlen

Helga Sitt schildert im Gespräch mit dieser Zeitung die Situation der Flüchtlinge in der Stadt. Deren Anzahl sei mit rund 300 konstant und nach der Ausreise der Migranten von den Balkanstraßen sei die Fluktuation relativ übersichtlich. Viele Familien lebten seit zwei bis drei Jahren in der Stadt. Syrien, Afghanistan, Armenien und Pakistan stellen die größten Gruppen unter den Kirchhainer Flüchtlingen. „Wir erreichen alle Flüchtlinge in der Stadt. Allerdings gibt es einige Familien, die so gut in ihre Nachbarschaft integriert sind, dass sie unsere Hilfe nicht mehr brauchen“, erzählt Helga Sitt.

Was fehlt für Flüchtlinge in Kirchhain? Helga Sitt antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Niederschwellige Arbeitsplätze und Wohnungen für Flüchtlinge fehlen noch.“

Zugleich macht sie Defizite in den Reihen der Flüchtlinge aus. „Wir haben gut ausgebildete Fachkräfte, die gern in ihrem Beruf arbeiten würden. Aber es mangelt ihnen an Sprachkenntnissen. Einige Männer bekommen den Hintern nicht hoch“, stellt Helga Sitt fest. Die Folge: „Die Frauen lernen Deutsch und die Männer ziehen sich zurück“, konstatiert Helga Sitt, die die Männer im neuen Jahr vom Sofa holen will. Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit soll es ein Angebot zum Spracherwerb für Männer geben.

„Die Bürokratie ist einfach eine Katastrophe“

In diesem Sinne tätig sind bereits die Sprachpaten des Arbeitskreises. Dieser ermöglicht mit seinen Helfern auch die Hausaufgabenbetreuung und die Nachhilfe-Stunden. Und er stellt die Familienpaten, die Flüchtlingsfamilien beispielsweise bei Behördengängen oder Arztbesuchen begleiten. Für die Stadtverordnete ist der Bedarf an Familienpaten noch nicht gedeckt. „Noch fünf bis zehn Familienpaten könnten wir gebrauchen, denn einige Familien sind derzeit unversorgt“, sagt sie. Die Bürokratie sei einfach eine Katastrophe. Ohne Unterstützung der Paten seien die ­bürokratischen Vorgaben kaum zu bewältigen.

Grundsätzlich sieht sie Kirchhain in Sachen Flüchtlingsbetreuung gut aufgestellt. Der aus einer bürgerschaftlichen Bewegung entstandene Arbeitskreis habe in Zusammenarbeit mit der Stadt in Sachen Flüchtlinge eine Vorreiterrolle gespielt. „Andere haben das kopiert, sich bei uns Rat geholt“, erzählt sie.

Was gibt der Vorreiterin unter den Vorreitern den Ansporn für die Arbeit mit den Flüchtlingen? „Es macht mich glücklich und zufrieden, wenn jemand mit einem Problem zu mir kommt und ich kann ihm helfen. Das ist für mich ein Stück Lebensqualität“, verrät Helga Sitt. Ihre Wünsche für das vorweihnachtliche Begegnungs­café 2018? Helga Sitt: „Es sollten mehr Kirchhainer Familien mit ihren Kindern kommen. Und ich wünsche mir, dass einige junge Männer bis dahin Arbeit gefunden haben.

von Matthias Mayer

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