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Ein Hoch auf den Rechtsstaat

Wechsel an der Spitze des Landgerichts Ein Hoch auf den Rechtsstaat

Am 83. Tag ihrer Amtszeit als Direktorin des Kirchhainer Amtsgerichts wurde Andrea Hülshorst mit einem Festakt in ihr Amt eingeführt. Zugleich verabschiedete sich Edgar Krug aus dem Gericht, an dessen Spitze er acht Jahre lang gestanden hatte.

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Von links: Edgar Krug, Dr. Frank Oehm und Andrea Hülshorst.

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Unzählige Male­ hat Edgar Krug im Saal 116 des Kirchhainer Amtsgerichts im Namen des Volkes Recht gesprochen. Manchen Delinquenten ließ er trotz großer Zweifel vom Haken, weil die angeklagte Tat dem Angeklagten nicht mit der für eine Verurteilung unbedingt erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden konnte.

Nicht zuletzt in diesen Momenten feierte der längst im Hinterland verwurzelte gebürtige Dillenburger still und leise den Rechtsstaat, dieses hohe Gut, das er stets weit über persönliches Empfinden stellte.

Agieren ohne Effekthascherei

In diesem Hort der Rechtsstaatlichkeit versammelte sich nun die Elite der Justiz des Landgerichtsbezirks Marburg, um Andrea Hülshorst und Edgar Krug gebührend zu feiern. Es fielen Worte des Dankes, der Anerkennung, des Lobes und der Erwartung, gesprochen von Dr. Frank Oehm, Präsident des Landgerichts, Dr. Mirko Schulte, Direktor des Amtsgerichts Biedenkopf, Dr. Frank Fricke vom Richterrat des Amtsgerichts Kirchhain, Holger Wolf vom Personalrat des Amtsgerichts Kirchhain und Dr. Alexander Koberg, Vorsitzender des Anwaltvereins.

Neben den Laudatoren waren Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich, vormals Präsident des Marburger Landgerichts, zahlreiche Richter-Kollegen, der Leiter der Polizeistation Stadtallendorf, Heinz Frank, und das Kollegium des Amtsgerichts gekommen, aus dessen Kreis die Familienrichterin Jutta Dreisbach die Begrüßung übernommen hatte und die Angehörigen der Hauptpersonen willkommen hieß.

Dr. Mirko Schulte hielt für die Amtsgerichte des Bezirks eine­ bemerkenswerte Rede, in deren Zentrum er den Rechtsstaat rückte. „Der Rechtsstaat steckt in jedem noch so kleinem Fall. Und er steckt auch in Andrea Hülshorst und Edgar Krug als entschiedene Verteidiger der Rechtsstaatlichkeit“, sagte er und bescheinigte seinen Kollegen, die Werte von Direktorinnen und Direktoren verinnerlicht zu haben: Pflichtbewusstsein, Leidenschaft, Neutralität, die Fähigkeiten, nicht nachtragend zu sein und ohne Effekthascherei zu agieren.

"Wir sind auf rauer See unterwegs"

Unter dem Eindruck einer Polenreise mit der deutsch-polnischen Juristenvereinigung merkte er an, dass in Deutschland kein Richter auf Lebenszeit einfach so entlassen oder in den Ruhestand versetzt werden könne. Im EU-Nachbarland Polen sei das inzwischen anders, ganz zu schweigen vom Umgang mit der Justiz in der Türkei.

Schließlich gewährte Mirko Schulte Einblicke in die eigene Gerichtsbarkeit: „90 Prozent der Bürgerkontakte mit der Justiz entfallen auf die Amtsgerichte. Die gesetzlichen Anforderungen sind größer geworden. Wir haben Geld und Stellen, aber keine Leute, die zu uns kommen wollen.

Wir sind auf rauer See unterwegs, kämpfen mit den Scherwinden“, konstatierte der Amtsgerichtsdirektor, der dem Kirchhainer Gericht bescheinigte, „in einem hochseetauglichem Kahn mit einer Top-Mannschaft“ unterwegs zu sein.

In sein Lob bezog Mirko Schulte die Kapitänsbrücke mit ein. Edgar Krug sei im Hinterland längst eine Instanz, ein geachteter Richter, der keine dünnen Bretter bohre, Argumente hören wolle, auch wenn der Fall noch so aussichtslos erscheine. Und er sei ein guter Kamerad.

Spontanität undKommunikationsfreude

Auf dem Briefkopf des Kirchhainer Gerichts stehe nun „Amtsgericht Kirchhain - Die Direktorin“. Andrea Hülshorst sei die erste Frau an der Spitze des Gerichts. Spontanität, Kommunikationsfreude und ein hervorragendes Namensgedächtnis seien prägende Kennzeichen seiner Kollegin. „Und wenn sie im Haus war, hat man das immer mitbekommen“, scherzte der Amtsgerichtsdirektor.

Im Gegensatz zur Großstadt sei ein Wechsel des Amtsgerichtsdirektors auf dem Lande ein bedeutsames Ereignis“, hatte Dr. Frank Oehm zuvor gesagt. „Die Dinge, die die Menschen bewegen, werden hier vor Ort geregelt. Es wird Gerechtigkeit im Alltag geübt. Der Direktor verkörpert das, was das Gericht für den Bürger ausmacht. Der Amtsgerichtsdirektor ist ­eine geachtete Honoratioren-Person.“

Edgar Krug habe das Amtsgericht in hervorragender Weise geleitet. „Man hat in Marburg von ihnen nichts gehört und nichts gesehen. Sie haben einfach geräuschlos ihre Arbeit gemacht. Ein größeres Kompliment kann man Ihnen nicht machen, sagte Dr. Frank Oehm an die Adresse des Richters, der in seinem Berufsleben an neun Gerichten Erfahrungen sammelte.

Besondere Beziehung zu Saal 116

Andrea Hülshorst hat sogar eine Station mehr aufzuweisen. „Sie ist eine gestandene Amtsgerichtsdirektorin“, sagte Dr. Frank Oehm unter Hinweis auf ihre Direktorinnenstelle am Amtsgericht Frankenberg, das nur über 3,5 Richterstellen hat. Das bedeute: Betreuung der Menschen in einer großen Flüche mit wenig Personal, häufige Bereitschaftsdienste an Wochenenden und Feiertagen. „Da muss man Mitarbeiter für ihre Aufgabe begeistern können. Dass Sie das schaffen, haben sie bewiesen“, erklärte der Präsident.

Edgar Krug hat im Saal 116 wohl tausenden Angeklagten das letzte Wort erteilt. Sein letztes Wort an dieser Stelle nutzte der Neu-Pensionär, um Dank zu sagen - den Laudatoren, den Kollegen im Bezirk, der Polizei und seiner Mannschaft für eine hervorragende Zusammenarbeit und den teamorientierten Umgang, den der Geschäftsleiter Stephan Stähr geprägt habe. Nicht zuletzt dankte er seiner Frau Rosi für die Unterstützung.

Andrea Hülshorst bezeichnete sich als „Stadtallendorferin, die von einem Kirchhainer gerettet wurde“. Auch sie hat eine besondere Beziehung zum Saal 116. Als Neuntklässlerin der Stiftsschule besuchte sie dort eine Gerichtsverhandlung in Kirchhain. Ihr erster Kontakt zu Jura. Selbstverständlich hatte sie den Namen des Vorsitzenden parat.

von Matthias Mayer

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