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„Die beiden hinter dir sind meine Leute“

Missbrauchsprozess „Die beiden hinter dir sind meine Leute“

Zwei Zeugenvernehmungen, die Besichtigung eines Tatorts und der Bericht einer Gutachterin – der dritte Verhandlungstag im Prozess um schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes war gestern prall gefüllt.

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Der Prozess um den schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes wird am kommenden Mittwoch im Marburger Landgericht fortgesetzt.

Quelle: Thorsten Richter

Kichhain. Die als Jugendschutzkammer unter Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf tagende 3. Große Strafkammer des Marburger Landgerichts hörte zunächst die Polizeibeamtin im Zeugenstand, die das mutmaßliche Opfer im Januar 2014 zweimal vernommen hatte. Das Mädchen war im Tatzeitraum 2006 bis 2009 zwischen 13 und 16 Jahre alt. Laut Anklageschrift wurde sie von einem heute 53-jährigen Nachbarn in Kirchhain mindestens viermal missbraucht.

Die Kriminalbeamtin sah in der Mutter der jungen Frau die treibende Kraft für die Anzeige gegen den Mann. Die Tochter habe ihr gegenüber erklärt, dass sie von sich aus nie mit jemandem über die Missbrauchsfälle gesprochen hätte. Die Beamtin beschrieb die heute 22-Jährige als zurückhaltend und freundlich und bescheinigte ihr, langsam und mit Bedacht ausgesagt zu haben. Während der mehrstündigen Vernehmung habe sie auch die später gemeinsam aufgesuchten Orte des Missbrauchs benannt. Die Zeugin listete ein Dutzend Tatorte auf, darunter verschiedene Räume im Elternhaus der Frau, die Vogelstation am Erlensee, die Ohm und das Kirchhainer Wasserwerk.

Die Beamtin hatte auch den Bruder des mutmaßlichen Opfers vernommen, der als Elfjähriger durch ein Kellerfenster seine Schwester und den Angeklagten beim Oralsex beobachtet und damit später den Missbrauch ans Licht gebracht hatte. Der Bruder sei total enttäuscht über das Verhalten seiner Schwester und des Angeklagten gewesen und habe nach der Vernehmung geweint. Der Grund: Mit dem Erscheinen des Angeklagten in seiner Familie habe sich seine Schwester grundlegend verändert. Das früher gute Verhältnis zu seiner Schwester sei nachhaltig gestört worden, gab die Zeugin die Aussage des jungen Mannes wieder.

Übereinstimmende Aussagen

Der Angeklagte behauptet in diesem Verfahren, keinerlei sexuellen Kontakt zu dem Mädchen aus der Nachbarschaft gehabt zu haben. Dagegen räumte er ein, damals eine einvernehmliche sexuelle Beziehung zu einem nahezu gleich alten Mädchen gehabt zu haben. Diese Jugendliche war in einem anderen und inzwischen eingestellten Verfahren gegen den Angeklagten ebenfalls von der Beamtin vernommen worden. Ob es eine Parallele in den Aussagen beider Mädchen gebe, wollte Richter Dr. Thomas wissen. Die Zeugin benannte deren zwei. Beide Mädchen sagten aus, dass der Angeklagte ihnen gedroht hatte, ihnen zwei Zuhälter auf den Hals zu hetzen, sollten sie ihm nicht zu Willen sein. Und beide benannten die gleiche Form der vom Angeklagten bevorzugten Form der sexuellen Befriedigung.

Die ehemalige Geliebte des Angeklagten erzählte als Zeugin, dass sie ab einem gewissen Punkt wegen Problemen in ihrem häuslichen Umfeld die Nähe des Angeklagten gesucht habe. Am Anfang stand auch bei ihr das Nachtangeln, das sie als „langweilig“ und im Bezug auf das Töten und Ausnehmen der Fische als „widerlich“ empfand.

Der Geschlechtsverkehr mit dem Mann sei anfangs einvernehmlich erfolgt. Später habe sie dies nicht mehr gewollt, sich aber nicht getraut, das zu sagen. Ausführlich schilderte die heute 24 Jahre alte Frau die Überwachungspraxis, der sie durch den Angeklagten ausgesetzt worden sei. Einmal habe sie ihren Großvater bei einer Tour durch Frankreich begleitet. Wegen des Wetters sei sie im Auto nur leicht bekleidet gewesen. Dann habe sie einen Anruf des Angeklagten erhalten, der sie aufgefordert habe, sich nicht so freizügig anzuziehen. Auf die Frage, woher er wisse, welche Kleidung sie trage, habe dieser gesagt: „Dreh dich mal um. Die beiden hinter dir sind meine Leute.  Die verfolgen  dich seit Kirchhain.“

Auch im zweiten Fall waren „seine Leute“ angeblich aktiv. Nachdem die Zeugin mit ihrem Freund geschlafen hatte, wurde sie anderntags nach ihrer Aussage vom Angeklagten zur Schnecke gemacht ob des nächtlichen Beisammenseins. „Seine Leute“ hätten das Geschehen „mit Wärmebildkameras festgehalten“, habe der Angeklagte zu ihr gesagt, erklärte die Zeugin, bei deren Aussage der Angeklagte den Gerichtssaal verlassen musste.

Kammer verlegt Verhandlung nach Kirchhain

Auf einen Beweisantrag von Pflichtverteidiger Ralf Luthe verlagerte die Kammer zu einem Ortstermin nach Kirchhain. Am Elternhaus des mutmaßlichen Opfers wollte der Angeklagte beweisen, dass der Bruder durch das Kellerfenster das beschriebene Geschehen überhaupt nicht hätte sehen können. Die Angehörigen des Gerichts stiegen auf eine Leiter und überzeugten sich eindeutig vom Gegenteil.
Schließlich stellte Diplom-Psychologin Sonja Parr das wichtige aussagepsychologische Gutachten vor. Darin ging es um die zentrale Frage der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers und der Belastungszeugin. Am Ende ihrer langen und jeden Laien überfordernden Ausführungen schauten selbst die erfahrenen Berufsrichter etwas ratlos drein. Die Zeugin habe in wichtigen Teilen eine stringente Aussage-Genese gezeigt, in anderen Teilen nicht. So habe sie die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs beim Nachtangeln bei der Polizei mit sechs bis acht Fällen, ihr gegenüber aber mit 80 bis 90 Fällen benannt. Die Klientin neige zur Autosuggestion, zum Imaginieren. Vorstellungsbilder könnten in ihre Aussagen eingezogen sein. Deshalb seien unabsichtliche Verfälschungen von Aussagen nicht auszuschließen, sagte die Gutachterin.

Verzerrte Darstellung in Einzelfällen

Dr. Thomas Wolf fragte nach, ob diese Bewertung den Kern des Prozesses, dass es an verschiedenen Orten auf verschiedene Weisen über einen längeren Zeitraum nicht einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen dem Angeklagten und dem mutmaßlichen Opfer gegeben hat, infrage gestellt wird?
Die Gutachterin verneinte dies und erklärte auf Nachfrage von Ralf Luthe, dass die junge Frau die ganzen Missbrauchsgeschichten nicht erfunden, vermutlich aber einzelne Fälle verzerrt dargestellt habe.

von Matthias Mayer

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