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Kirchhain ehrt seine Helden

Erinnerung Kirchhain ehrt seine Helden

Wilhelm Noll und Fritz Cron wurden 1954 Weltmeister in der Motorrad Seitenwagenklasse. 60 Jahre später wurden sie durch die Stadt nochmals geehrt und trugen sich in das Goldene Buch ein.

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Fritz Cron (links) und Wilhelm Noll trugen sich unter den Augen von Bürgermeister Jochen Kirchner ins Goldene Buch ein. Das kleine Foto zeigt das Duo in der WM-Saison. Fotos: Klaus Böttcher/ Archiv

Kirchhain. Während einer kleinen Feierstunde im Bürgersaal des historischen Rathauses mit wenigen geladenen Gästen und den Magistratsmitgliedern wurde die Zeit um 60 Jahre zurückgedreht. Den Part übernahm der Stadtverordnetenvorsteher Willibald Preis als Zeitzeuge.

Damals habe Kirchhain eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausgeübt - wegen des Sports, wegen der Geschäfte und wegen der Gaststätten. Er erinnerte an die Kraftfahrzeugwerkstatt Noll. „An den Wänden hingen Lorbeerkränze und in den Vitrinen standen Pokale und viele Auszeichnungen“, erinnert er sich an die Zeit, als er noch zur Schule ging.

Der 4. Juli 1954 war für Deutschland ein historischer Tag, als die Fußballnationalmannschaft in Bern Weltmeister wurde. Der 12. September war für die Kirchhainer fast noch bedeutender, denn an dem Tag wurden Wilhelm Noll und Fritz Cron im italienischen Monza Weltmeister. „Dass da zwei Männer etwas Besonderes leisten, war schon bekannt, und die Weltmeisterschaft kam nach den Resultaten aus den Vorläufen nicht ganz überraschend“, erinnert sich Preis.

Doch dann sei der Jubel in Kirchhain riesig groß gewesen, als die beiden Weltmeister zu Hause ankamen. „Es war ein Freitag, und trotzdem sollen etwa 10000 Menschen zum Empfang gekommen sein.“ Preis zitierte andere Zeitzeugen, mit denen er gerade gesprochen habe. „Für uns Kirchhainer war die Weltmeisterschaft der beiden bedeutender als die Weltmeisterschaft der Fußballer“, oder eine andere Stimme: „Die Männer waren Vorbilder für uns, die haben uns Auftrieb gegeben.“

Willibald Preis rundete seinen Rückblick mit dem Geschwindigkeitsweltrekord ab, den Wilhelm Noll am 4. Oktober auf der Autobahn zwischen München und Ingolstadt aufstellte. „Noll erreichte da 285 Kilometer pro Stunde, als die VW-Käfer noch mit wehenden Kotflügeln unterwegs waren.“

Weltmeister-Mahl:Spaghetti mit Sauce

„Wir sind stolz auf die beiden Kirchhainer“, betonte Bürgermeister Jochen Kirchner und begrüßte herzlich den 88-jährigen Wilhelm Noll mit seiner Frau Gertrud und den ein Jahr älteren Fritz Cron mit seiner Frau Ann. Dann trugen sich die beiden Weltmeister in das Goldene Buch der Stadt ein, das es seit 2010 gibt.

Der ehemalige Kfz-Meister und Fahrlehrer Wilhelm Noll bedankte sich und erinnerte dann humorig an die damalige Zeit. Sein Freund, der Elektrotechniker Fritz Cron, nickte eifrig, als Noll vom ersten Rennen 1947 auf dem Nürburgring erzählte. Lebhaft berichtete er von der 600er BMW, die er ohne Räder und ohne Vergaser gegen eine funktionsfähige 350er DKW beim Landratsamt eintauschte. Die Ersatzteile und der Beiwagen wurden im Tausch gegen Holz, Reifen oder Butter besorgt. Schrauben durften die Freunde nur nach Feierabend und am Wochenende in der elterlichen Werkstatt. Seine Mutter bewertete die Rennsport-Ambitionen äußerst kritisch: „Einmal, und dann kommt das Ding raus.“

Das Ding blieb, die Erfolge kamen. 1952 hätten sie aufhören wollen, weil sie in der Klasse alles erreicht hatten. Beide bildeten sich beruflich weiter, bis BMW ihnen einen Vertrag anbot. „Dann gab es Geld, für den ersten Platz bekam ich 750 Mark, der Beifahrer etwas weniger“, erinnert sich Noll. Außerdem habe es Tagegeld gegeben, man war versichert und die Monteure der BMW-Rennabteilung kümmerten sich um die Maschine.

Dann schildert er das Rennen in Monza. „Wir mussten Erster oder Zweiter werden, denn es fehlten noch Punkte.“ Die Kirchhainer Zuhörer lauschten gespannt, als Noll von Pannen rundherum und technischen Einzelheiten verständlich erzählte. „Nach dem Sieg gab es keine Nationalhymne, weil wir den Krieg verloren hatten. Abends gab es ein Festessen mit Spaghetti und Sauce.“ Noll erzählt dann von der grandiosen Heimkehr mit einem Festzug zum Rathaus in München, einem Empfang in Frankfurt, der Polizeibegleitung nach Kirchhain ab der Kreisgrenze und dem triumphalen Empfang in der Heimatstadt. Im gleichen Jahr erhielten sie das silberne Lorbeerblatt aus der Hand des Bundespräsidenten Theodor Heuss. 1956 fuhr das Gespann Noll/Cron die letzte Saison und hörte nach einem Unfall auf.

von Klaus Böttcher

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