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Kirchburg? Amönehain? Oder nur Schnapsidee?

Denkanstoss Kirchburg? Amönehain? Oder nur Schnapsidee?

Neustadts Bürgermeister forderte schon mehrfach eine Gebietsreform. Sein Amöneburger Amtskollege hat nun ähnliche Gedanken - und schnell gemerkt, dass er in ein Wespennest gestochen hat.

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OP-Fotograf Thorsten Richter hat sich den Spaß erlaubt, Ausschnitte der beiden Städte Amöneburg (links) und Kirchhain auf den Berg zu montieren.

Quelle: Fotos und Montage: Thorsten Richter

Amöneburg/Kirchhain. Als „interessante Idee“ bezeichnete Amöneburgs Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg den Vorschlag eines Bürgers, die Stadt mit dem benachbarten Kirchhain zusammenzulegen, wenn sich dessen Oberhaupt Jochen Kirchner im kommenden Jahr zurückgezogen hat.

Die Städte suchten immer wieder Kooperationsmöglichkeiten, zum Beispiel gebe es die Idee, die Kassengeschäfte gemeinsam abzuwickeln. Es seien an vielen Stellen „parallele Strukturen“ vorhanden, die sich unter Umständen zusammenführen ließen. Zudem orientierten sich die Bürger bei Angeboten der Nahversorgung oder der Infrastruktur oftmals in Richtung des „vor der Nase liegenden Mittelzentrums“, sagt der Rathauschef und ergänzt: „Und nicht in Richtung Marburg oder Homberg.“ Insgesamt habe die Stadt jedoch zu wenig mit dem großen Nachbarn zu tun: „Wir müssten mehr und konsequenter kooperieren - das kann nur sinnvoll sein.“ Dass bei einem Zusammenschluss eine Kommune mit 17 Stadtteilen entstehen würde, erscheint ihm auch nicht als Problem: „Das ist nur eine Frage der Organisation.“

Jahrhunderte zurückliegender Konflikt

Weniger realistisch klingt indes seine Annahme, dass sich so auch „uralte Feindschaften endgültig beenden“ ließen. Ein alteingesessener Kirchhainer sagte einst: „Die Amöneburger wollen wir nicht, die haben uns mal angezündet“ - und bezog sich auf einen Jahrhunderte zurückliegenden Konflikt zwischen Bergern und Kirchhainern.

Auf Amöneburger Stadtgebiet gibt es zudem noch Bürger, die sich noch immer damit schwertun, inzwischen zur Stadt auf dem Berg zu gehören: Der 76 Jahre alte Ewald Mann wehrt sich zum Beispiel immer noch gegen die Bezeichnung „Amöneburger“ - er sei Mardorfer. Des Weiteren erinnert er sich noch zu gut an die Gebietsreform 1974, als Amöneburg zu Kirchhain hinzugefügt werden sollte: „Die roten Kirchhainer wollten die schwarzen Amöneburger aber nicht und wehrten sich mit Händen und Füßen.“ Inzwischen seien die politischen Farben zwar nicht mehr so wichtig, eine Zusammenlegung komme dennoch nicht in Frage, „weil das Gebiet zu groß wäre“.

„Das soll er sich mal lieber abschminken“

Aber Ewald Mann wäre nicht Ewald Mann, wenn er mit seinem für manche Menschen gewöhnungsbedürftigen Humor nicht noch einen Seitenhieb austeilen würde: „Die Kirchhainer waren zehn Jahre lang nicht in der Lage, einen Kreisel vernünftig zu gestalten. Und so groß ist meine Abneigung gegen Amöneburg auch wieder nicht, dass ich um die Stadt herum ausgerechnet nach Kirchhain fahren würde.“

„Das soll er sich mal lieber abschminken“, kommentiert Mann den Ansatz Richter-Plettenbergs abschließend. Ähnlich sehen das 2 der 296 „Facebook-Freunde“ der Stadt, die sich in dem sozialen Netzwerk zu der Idee äußern: „Könnt ihr gleich ad acta legen... nächstes Thema bitte“, schreibt der eine, während sich der andere den Finanzen widmet: Aus den von Richter-Plettenberg kolportierten „äußerst stabilen Strukturen“ und dem „ausgeglichenen Haushalt“, die laut Bürgermeister eine „Mitgift“ wären, würden dann „sehr schnell unstabile Strukturen mit negativem Haushalt“.

Kirchhains Bürgermeister nimmt es mit Humor

Kirchhains Bürgermeister Jochen Kirchner nimmt die Idee mit Humor. Als einst die beiden Manfreds (Barth und Vollmer) in Rauschenberg und Stadtallendorf den Hut nahmen, habe er die drei Städte zusammenlegen wollen: „Ich dachte, das wäre ein schöner Posten für mich“, sagt er und betont: „Das war ein Witz unter Kollegen.“

Ein „Kirchburg“ oder „Amönehain“ oder wie auch immer ein solches Konstrukt heißen könnte, will er nicht ernsthaft kommentieren: „Das ist eine Entscheidung, die deutlich über meine Befugnisse hinausgeht“, sagt er und betont, dass eine solche Fusion in den verbleibenden anderthalb Jahren ohnehin nicht machbar wäre: „Das ist ein Prozess, der mindestens drei, wenn nicht gar fünf Jahre dauert.“

So könnte das gemeinsame Wappen aussehen. Montage: Tobias Hirsch

Quelle:

Vor allem glaubt er auch nicht, dass die finanziellen Vorteile so groß wären: Beim Personal hätten die Kommunen „keinen Speck - mehr Bürger bedeuteten mehr Volumen, das es abzuarbeiten gelte. „Das einzige Einsparpotenzial sehe ich darin, dass eine Bürgermeisterstelle wegfallen würde.“

Kirchner: "Kein Allheilmittel"

Synergieeffekte würden vielleicht entstehen, wenn die Kommunen hochspezialisiertes Personal in Bereichen wie der EDV vorhalten wollten: „Das können einzelne Kommunen gar nicht. Aber es wäre auch nicht durch eine Zusammenlegung von Kirchhain und Amöneburg möglich - da müssten schon mehr mitmachen.“ Kirchner wirft zudem die Frage auf, ob Kooperationen wirklich immer Sinn machten: „Sie sind nicht das Allheilmittel.“

Wie dem auch sei: Manchmal entsteht beim Bürger der Eindruck, dass das Land Hessen - das eine weitere Gebietsreform ablehnt - es am liebsten sehen würde, wenn sich Kommunen freiwillig zusammentun. „Es darf keine Denkverbote geben“, sagt Richter-Plettenberg -der vor der vergangenen Bürgermeisterwahl im OP-Talk eine Fusion mit Kirchhain aus wirtschaftlichen Gründen noch kategorisch abgelehnt hatte. Das sei nicht gelogen, aber den Umständen geschuldet gewesen, entgegnet er: „Ich kann mich ja nicht als Bürgermeister bewerben und dann sagen, dass ich die Gemeinde abschaffen will.“ Inzwischen drückt er sich zu der Idee, die er im Internet als „Schnapsidee“ zur Debatte stellte, vorsichtiger aus: „Ich habe keine abgeschlossene Meinung.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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