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Kinder, die in der Welt des Todes lebten

Wanderausstellung Kinder, die in der Welt des Todes lebten

Am 21. Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eröffnete im Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) in Stadtallendorf die Wanderausstellung „Vergesst uns nicht - Die Kinder von Auschwitz“.

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Alwin Meyer führte die Besucher nach seinem Vortrag zur Eröffnung durch die Ausstellung im Stadtallendorfer Dokumentations- und Informationszentrum.

Quelle: Sophie Kaufmann

Stadtallendorf. „Damals hörte meine Kindheit auf (…)“, mit diesem Zitat begann Alwin Meyer, Buchautor und Autor der Ausstellung „Vergesst uns nicht - Die Kinder von Auschwitz“, seinen Vortrag zur Gedenkfeier und gleichzeitigen Eröffnung seiner Ausstellung im Stadtallendorfer DIZ.

Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Geschichte der am 27. Januar 1945 in Auschwitz geretteten Kinder aufzuarbeiten. 1972 fing er damit an. 80 Auschwitz-Kinder hat er seitdem gefunden und sie auf allen Kontinenten besucht. „Bei meinem ersten Gespräch wäre ich vor Scham am liebsten im Boden versunken“, erzählt er von seinen Gefühlen.

„Mein Ziel ist es, den Kindern ein Gesicht zu geben und zu zeigen, dass sie Realität sind“, sagt Meyer. Die meisten der Überlebenden hätten ihm gegenüber erstmals überhaupt über ihr Schicksal gesprochen. Und so berichtete er am Freitag von Menschen, die sich 72 Jahre nach ihrer Befreiung noch immer die Frage nach ihrer Familie stellen, von Überlebenden, die heute noch von ihren Erinnerungen geplagt werden.

„Oft konnten die Lager-Kinder keine Bilder retten“, erklärt Meyer, warum sich die Geschichte der Kinder von Auschwitz so schwer bildlich darstellen lässt. „Die Zeit des Spielens war vorbei“, zitiert Meyer aus Erinnerungen der Kinder an die Deportation nach Auschwitz, bei der sie „wie Vieh zum Schlachten geführt wurden“. Von da an lebten die Kinder in einer „Welt des Todes“. „Sie wussten nicht, wann er kommt, aber sie wussten, dass er kommt. Irgendwann konnte niemand mehr weinen“, erzählte Meyer davon, wie Kinder ihre Eltern verloren, Versuche an ihnen gemacht wurden und sie nur noch eine Nummer waren.

Die Stadtallendorfer Besucher hören gespannt zu. Aus manchem Gesicht sprach Bestürzung, andere Besucher schüttelten betroffen den Kopf. „Die Nachkommen trifft keine Schuld. Mir ist wichtig, dass heute und in Zukunft so etwas nicht noch einmal passiert“, verdeutlicht Meyer.

650 Kinder befreit

Rund 650 Kinder wurden im Januar 1945 befreit - die meisten unter 13 Jahren. Viele wurden von polnischen Familien adoptiert. Von da an waren sie zwar frei, doch Auschwitz blieb. „Viele Kinder spielten Lager nach, sie waren sehr reizbar und vor allem misstrauisch“, erzählt Meyer aus seinen Gesprächen mit den Adoptiveltern. Noch heute plagen die damaligen Kinder Albträume oder Vorwürfe, warum sie überlebt haben und nicht andere Familienmitglieder. „Und falls sie den Mut aufbringen, Zug zu fahren, dann fährt der andere Zug immer mit“, schließt Meyer seinen Vortrag.

Bürgermeister Christian Somogyi freute sich über die zahlreichen Besucher. Er rief dazu auf, gemeinsam Augen, Ohren und besonders die Herzen für die Kinder von Auschwitz zu öffnen. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow sprach von einem Erinnern, das sich auf reale Biographien stütze und nicht nur auf Erzählungen von Geschichtslehrern. Auch Dr. Monika Hölscher, Leiterin des Gedenkstättenreferats der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, war es wichtig, dass diese einmalige Dokumentation aus Erinnerungen von Überlebenden stattfindet.

21 Einzelschicksale und vier allgemeinere Tafeln über Schwangerschaften, Geburten oder Zwillinge im Konzentrationslager sind in der Wanderausstellung dargestellt. „Es gibt eine größere Ausstellung mit 56 Teilen in Berlin, die hätte hier nur räumlich keinen Platz gefunden“, erklärte Fritz Brinkmann-Frisch vom DIZ, das Gastgeber der kleineren Wanderausstellung in Stadtallendorf ist.

von Sophie Kaufmann

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