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Kinder bauten sich im Todeslager ihre Brettspiele

Ausstellung Kinder bauten sich im Todeslager ihre Brettspiele

Rund 1,5 Millionen Kinder wurden in deutschen Vernichtungslagern von Nazis ermordet. Eine Wanderausstellung zeigt, wie Kinder mit dem täglichen Grauen umgingen.

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Besucher betrachteten nach der bewegenden Eröffnung einige der Tafeln der Wanderausstellung von Yad Vashem. Fotos: Michael Rinde

Stadtallendorf. Was Schüler der Georg-Büchner-Schule und der Gladenbacher Europa-Schule am Dienstagabend in beeindruckender Weise im Aufbaugebäude vortrugen, verschlug teilweise den Atem. Überlebende des Holocausts berichteten von Kindheitserinnerungen, von der Deportation nach Auschwitz-Birkenau, von der eigentlich unbeschreibbaren Ermordung Gleichaltriger in der Ukraine oder von einer Flucht über verschiedene Frankfurter Dachstühle. Alle Textpassagen stammten aus bekannten Erinnerungen.

Ausstellung ist Leihgabe von Yad Vashem

Die Eröffnung der Wanderausstellung „Kein Kinderspiel. Kinder im Holocaust - Kreativität und Spiel“ war eingebunden in eine Gedenkstunde. Beeindruckendes war dort zu hören, nicht nur von den selbst bewegten Schülern. Auch die Musik des Duos Santiagos ging unter die Haut. Katharina Fendel (Flöte) und Johannes Treml (Gitarre) spielten jüdische Kinderlieder. Das Dokumentations- und Informationszentrum/Stadtmuseum zeigt die Ausstellung bis zum 27. März. Sie ist eine Leihgabe der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel.

Auf 16 Bildtafeln, integriert in die Dauerausstellung zeigt sich Kinderleben während der Verfolgung. Ein beeindruckendes Ausstellungsstück ist eine Art Monopoly-Spiel aus dem Jahr 1943, mit dem sich Kinder in einem Vernichtungslager die Zeit vertrieben haben.

Kinder waren als potenzielle Zeugen besonders gefährdet

Die Ausstellung vermittelt Einblicke und die Erinnerungen Überlebender an den grausamen Verlust ihrer Kindheit. Dass deportierte Kinder in Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau überlebten, war eine Ausnahme, es war von den Organisatoren des Massenmordes auch nicht gewollt. Nicht zuletzt waren sie potenzielle Zeugen jener Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Jene wenigen Überlebenden sahen ihre Eltern teilweise nie wieder.

Bürgermeister Christian Somogyi und Landrätin Kirsten Fründt sprachen während der Eröffnung. Fritz Brinkmann-Fritsch, Leiter des DIZ, verlas das Grußwort von Dr. Monika Hölscher, Leiterin des Gedenkstättenreferates der Landeszentrale für politische Bildung. Hölscher konnte wegen einer Erkrankung nicht teilnehmen.

Auch Stadtallendorfer Zeitzeugin war in Berlin

Aus Sicht von Landrätin Fründt ist das Thema der Ausstellung „ausgesprochen mutig“. Doch es zeige sich, dass sich Kinder selbst in solchen Lagen Nischen suchten. Überliefert sind unter anderem Kinderzeichnungen aus Vernichtungslagern, sie waren Zeichen für den Umgang der Kleinsten mit dem Grauen in ihrer Umgebung. Bürgermeister Somogyi sprach von einem „Zeugnis des Umgangs mit realer Todesgefahr“. Am Montag hatte Somogyi an einer zentralen Gedenkveranstaltung in Berlin teilgenommen, zusammen mit Eva Pusztai, Stadtallendorfer Ehrenbürgerin und Auschwitz-Überlebende. Sie kam in jungen Jahren von Auschwitz nach Allendorf.

Monika Hölscher stellte Bezüge zur Gegenwart her, verwies auf Kinder, die in afrikanischen Staaten zur Zwangsarbeit gezwungen oder auch als Soldaten missbraucht werden, historisch verwies sie auf weitere zerstörte Kinderseelen: etwa die von Angehörigen von Widerstandskämpfern, von Kindern, die in Lebensborn-Heimen der Nazis zur Welt kamen und die nicht wussten, wer ihre wahren Eltern waren. Die Seelen überlebender Kinder wurden zerstört.

von Michael Rinde

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