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Keine Chance auf eine weitere Streife

Polizei Keine Chance auf eine weitere Streife

Es hagelt Kritik. Immer wieder kommt die Forderung nach einer weiteren Streife für die Polizeistation Stadtallendorf auf. Wünschenswert wäre sie, gibt Polizeidirektor Manfred Kaletsch zu - aber nicht finanzierbar.

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Peter Kreuter (von rechts), Manfred Kaletsch und Jörg Reinemer gaben Auskunft zur Belastung der Polizei, zum Sicherheitsgefühl, zu Krankheitstagen und vielem mehr.Foto: Florian Lerchbacher

Stadtallendorf. Aus unterschiedlichen Gründen wurde in den vergangenen Monaten mehrfach die Forderung nach Verstärkung für die Polizeistation Stadtallendorf laut. Verschiedene Ostkreis-Bürgermeisteräußerten sie, um in Zeiten (einstmals) steigender Flüchtlingszahlen das Sicherheitsempfinden der Menschen durch höhere Polizei-Präsenz zu stärken. Die Beamten ihrerseits monierten mehrfach während verschiedener Gerichtsverhandlungen, dass sie sich mehr Unterstützung bei Einsätzen wünschen würden. Und auch Richter zeigten sich bei Zeugenvernehmungen entsetzt, allen voran Amtsgerichtsdirektor Cai-Adrian Boesken, der in einer Verhandlung gesagt hatte, dass zwei Streifen für eine Region wie Stadtallendorf zu wenig seien. Es gibt zwar noch eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtungs-Streife - diese ist aber zumeist nur zwischen 12 und 24 Uhr im Einsatz.

Hoffnung auf Besserung besteht allerdings nicht, wie Polizei-Vizepräsident Peter Kreuter und Manfred Kaletsch, der Leiter der Polizeidirektion Marburg-Biedenkopf, betonen. „Natürlich ist mehr immer besser. Aber für eine zusätzliche Streife, die 24 Stunden lang im Einsatz ist, müssten wir aufgrund des Schichtdienstes zwölf Stellen schaffen. Das wären immense Personalkosten“, sagt Kaletsch -der Verständnis für die Kritiker hat, gleichzeitig aber auch betont, dass angesichts der Kriminalstatistiken zwei Streifen für den Ostkreis ausreichten. Die vom Amtsgerichtsdirektor angeprangerte Situation sei ein Extremfall gewesen, in dem die Beamten entscheiden müssten, ob sie eingreifen oder lieber auf Unterstützung aus Marburg warten. Es gelte, immer „auf die Mittelbelastung“ zu schauen und nicht „Spitzen“ überzubewerten.

Beim Kritikpunkt, dass die Fläche des Ostkreises groß sei und zwischen möglichen Einsatzorten lange Fahrtstrecken liegen, verweist Kreuter auf andere Einsatzgebiete: Rund um Büdingen, wo ebenfalls eine EAE angesiedelt ist, müssten die Streifen beispielsweise noch längere Strecken zurücklegen: „So schlecht sind wir im Vergleich nicht aufgestellt.“

Auf eine weitere Streife müssen die Ostkreisler also nicht hoffen. Nein, sie müssen indes sogar bangen, die EAE-Streife zu verlieren. Die Flüchtlingszahlen gingen massiv zurück. War die Einrichtung in Neustadt zu Spitzenzeiten mit 1100 Menschen belegt, so sind es derzeit nur um die 300 Flüchtlinge. Entsprechend sind nach OP-Informationen die Einsätze der Beamten in der EAE von „nahezu täglich“ auf „gelegentlich“ zurückgegangen. Noch dazu ist die Einrichtung in Stadtallendorf auf Reserve gestellt, während die in Kirchhain nie belegt wurde. Noch habe niemand an der EAE-Streife „gerührt“, so Kreuter: „Aber wir halten die Luft an, denn andere haben auch Bedarfe.“ Zum Beispiel hätten „operative Einheiten“ in der dunklen Jahreszeit mehr zu tun, weil unter anderem die Zahl der Diebstähle ansteige.

„Es gibt keinen Vorgesetzten, der nicht gerne mehr Personal hätte“, stellt Kreuter heraus. Er könne aber den Blick nicht nur auf Stadtallendorf richten, sondern müsse das Gesamtbild im Auge behalten. Die Bekämpfung des internationalen Terrorismus‘ und der Cyberkriminalität binde mehr Kapazitäten als früher, noch dazu gebe es größeren Handlungsbedarf beim Staatsschutz - was sich auf die Besetzung von Polizeistationen auswirke. „Außerdem gab es neben neuen Aufgaben und Herausforderungen Vorgaben für Einsparungen, die wir als Direktion umsetzen mussten“, betont Kaletsch. Deswegen habe Stadtallendorf eine halbe Stelle verloren. Eigentlich hätte es aufgrund der Ergebnisse einer „Belastungsberechnung“ sogar eine ganze Stelle sein sollen: „Aber das hätten wir in dieser Zeit den Menschen im Ostkreis nicht vermitteln können“, ergänzt er. So mussten Biedenkopf und Marburg jeweils eine volle Stelle opfern, während die Führungsgruppe ebenfalls auf eine halbe Stelle verzichtete.

Dass nun noch eine weitere Stelle wegfiel und Stadtallendorf nun bei 46,5 Stellen liege, sei indes nicht als Verlust zu bezeichnen, erläutert Kaletsch: Die Eigentumskriminalität (Diebstähle und Einbrüche - mit Ausnahme von Laden- und Fahrraddiebstählen) werde nun in einem Pilotprojekt zentral von Marburg aus bearbeitet: „Es fiel also eine Stelle, aber gleichzeitig auch Arbeit weg. Das war fachlich und sachlich sinnvoll.“

Harald Zwick, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, moniert in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass zwei Polizisten Ende August in den Ruhestand traten - ihre Stellen aber erst im Februar 2017 wieder besetzt werden. Das liege daran, dass es bei der Polizei nur zwei Umsetzungs- beziehungsweise Versetzungstermine gebe, erläutert Jörg Reinemer, der Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Aufgrund des hohen Aufwandes seien Wechsel nur zum 1. Februar und 1. August möglich. „Das ist ein riesen Puzzlespiel, weil Hunderte Kollegen wechseln. Wenn wir das monatlich machen würden, bräuchten wir zehn Verwaltungsmitarbeiter mehr“, erklärt Kaletsch. Es sei eben ein unglücklicher Zufall, dass die Kollegen unmittelbar nach dem Wechseltermin in den Ruhestand gingen und somit zwei Stellen fünf Monate lang unbesetzt sind.

In diesem Zusammenhang verweist Polizeigewerkschaftler Zwick auf den mittelhessischen Schnitt an Krankheitstagen pro Jahr: „36,4 sind ein Alarmzeichen für die Überbelastung der Beamten.“ In Stadtallendorf gebe es beispielsweise zwei Langzeiterkrankte, die nicht ersetzt würden. „Die Besetzung erfolgt erst, wenn der Kollege in Ruhestand gegangen ist“, kommentiert Reinemer. Die Krankheitsrate des Schichtdienstes in Stadtallendorf liege bei 29 Tagen. „Kollegen können für ein paar Wochen aushelfen, aber nicht langfristig“, sagt Kreuter: „Wir haben eben nicht - wie in der freien Wirtschaft - Reserven. Wir können ja keine ausgebildeten Polizisten auf Vorrat stellen.“ Langzeiterkrankte würden kleine Stationen daher oftmals heftig treffen.

Zwick befürchtet, dass ein Dominoeffekt entsteht, weil die Beamten die Fehlzeiten der Kollegen auffangen müssen und dann selber „aus den Latschen kippen“. Kreuter glaubt nicht an einen solchen Effekt. Es gebe immer wieder Monate, in denen es eng sei, die Lage entspanne sich dann aber meist auch wieder. Nichtsdestotrotz laufe die Ursachenforschung. Noch dazu gebe es das Programm „behördliches Gesundheitsmanagement“, um dessen Verbreitung er sich in seinem Zuständigkeitsbereich kümmern wolle.

Und auch dafür, dass viele Polizisten von einer Mehrbelastung sprechen, haben Kaletsch und Kreuter Erklärungen. Zum einen verweisen sie auf die zwischen 2008 und 2015 um 20 Prozent zurückgegangenen Straftaten. Erst im vergangenen Jahr sei es wieder zu einer Steigerung gekommen. „Die Belastung ist also nur subjektiv höher. Wo wir mal waren, spielt keine Rolle mehr“, sagt Kaletsch. Zum anderen führe ein „unrunder Arbeitsrhythmus“ zu gefühlt mehr Stress: Weil die Beamten außerhalb ihres gewohnten Turnus „Ergänzungsdienste“ in anderen Dienstgruppen machen müssten, um ihre Stundenzahl zu erreichen, steige der Stresspegel.

Die Hoffnungen der Führungskräfte liegen nun auf den Jahren 2019 und 2020: „Es wäre mein Wunsch, die verlorenen Stellen wieder auszugleichen“, betont Kaletsch. Denn dann soll die Ausbildung von 1155 Polizisten beendet sein, die das Land Hessen in naher Zukunft zusätzlich einstellen will. Es könne natürlich aufgrund „von Personalberechnungen, die innerhalb des Polizeipräsidiums in Mittelhessen durchgeführt werden, zu Verschiebungen kommen“, sagt Reinemer, schränkt aber ein: „Davon kann natürlich auch die Polizeistation Stadtallendorf betroffen sein.“

Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft stellt in diesem Zusammenhang allerdings heraus, dass die geplanten neuen nur Kompensation für alte Stellen seien, die in den vergangenen Jahren gestrichen wurden. Noch dazu zeigt Zwick sich weniger zuversichtlich, dass das Land alle 1155 Stellen auch wirklich besetzen könne: „Uns gehen die Auszubildenden aus!“

von Florian Lerchbacher

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