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Fremdes Wasser bringt die Besserung

Wasserverunreinigung Fremdes Wasser bringt die Besserung

Fast einen Monat lang mussten die Schweinsberger ihr Wasser abkochen - eine belastende Zeit für die Bürger, aber auch für die Stadtwerke als zuständiger Versorger.

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Eigentlich sind Stadtallendorfs Stadtwerke für die Wasserversorgung in Schweinsberg zuständig. Derzeit kommt das Wasser vom Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke.
Themenfoto: Florian Lerchbacher

Schweinsberg. „Natürlich war das schlecht für das Image - aber so etwas passiert Wasserversorgern immer mal wieder“, kommentiert Giselher Pontow die vier Wochen im August und September, in denen die Schweinsberger ihr Wasser wegen einer Verunreinigung hatten abkochen müssen. Eine lange Zeit - das ist dem Leiter des Eigenbetriebs Stadtwerke bewusst. Doch schneller sei es eben nicht gegangen: Die Mitarbeiter um Wassermeister Rolf Weber waren täglich im Einsatz und versuchten vieles, um das Problem zu lösen.

Eine turnusmäßige Probe, die gemäß der Wasserverordnung alle drei Monate genommen wird, hatte am 28. August die Verunreinigung angezeigt: Bei der Koloniezahl - der als Indikator für eine mögliche mikrobielle Kontamination dient - war ein Wert von mehr als 300 aufgetreten. Maximal 100 sind erlaubt. Doch weitaus schlechter sah es bei den coliformen Bakterien aus: Diese dürfen eigentlich gar nicht im Wasser vorkommen, die Messung ergab jedoch einen Wert von mehr als 200.

Die Verunreinigung wurde aber nur an einer von vier Stellen festgestellt, an der ein unabhängiges Büro für Umwelthygiene Proben nahm. „Das spricht dagegen, dass die Verunreinigung schon früher vorlag“, sagt Wassermeister Rolf Weber. Die Verunreinigung sei an einem Hahn in der Pumpstation aufgetreten, der ungünstig angebracht gewesen sei: „Wir haben ihn ausgetauscht und die Lage verbessert.“

Stadtwerke verzichten auf Chlorung

In der Zentrale der Stadtwerke wurden sofort die in einem Sicherheitsplan festgelegten Schritte eingeleitet: Ganz oben auf der Prioritätenliste steht das Erlassen des Abkochgebots und das Informieren der Bevölkerung, das unter anderem die Jugendfeuerwehr übernahm, die Flugblätter verteilte. „Wir haben für den Notfall immer alles vorbereitet. Es gibt beispielsweise Vorformulierungen, falls etwas passiert ist“, betont Pontow. Dann würden noch diejenigen gesondert informiert, für die das Wasser im Alltag besonders wichtig ist - in Schweinsberg beispielsweise Zahnarzt, Obstkelterei, Kindergarten und Zahnarzt.

In der Folge stehen nahezu täglich Beprobungen auf der Agenda. „Wir spülten das Ortsnetz über längere Zeit und desinfizierten die Pumpstation, den Brunnen und den Riesler, an dem Sauerstoff zugeführt wird. Dort tauschten wir auch das komplette Filtermaterial aus“, fasst Weber die folgenden Tage zusammen.

Auf das Chloren des Wassers verzichteten die Stadtwerke. „Das Trinkwassernetz hat einen Biofilm, eine Art mikrobiologischer Schicht, die wichtig ist für den Schutz des Wassers. Zu viel Desinfektion zerstört diese Mikrobiologie und Wasser und Rohr müssen erst wieder zusammenfinden“, erläutert der Wassermeister. Daher sei der Entschluss gefallen, dass Spülen das Beste für die Anlagen sei: „Vor allem den Brunnen, den wir in Verdacht hatten.“ Sprich: Um möglichst viel frisches Wasser in den Vorrat zu bekommen, saugten die Stadtwerke viel Wasser ab.

E.coli-Bakterien tauchten auf

Das Problem ließ sich allerdings nicht sofort lösen. „Eine Verunreinigung ist meist wie eine Infektion: Sie verteilt sich im Rohrnetz“, erläutert Weber. Er ließ spülen und spülen - doch immer wieder tauchten in einzelnen Proben Bakterien auf. Kurios dabei: Die Fundorte variierten von Tag zu Tag - und auch die Bakterien waren stets unterschiedliche. Insgesamt acht coliforme Versionen traten auf: Citrobacter amalonaticus und freundii, Enterobacter aerogenes und sakazakii, Klebsiella pneumoniae, Pantoea agglomerans, Enterobacter kloacae und Cedecea lapagei. „Diese kommen sowohl in der Umwelt vor als auch in Fäkalien“, erklärt Weber.

Citrobacter tauchen in fast allen Lebensräumen auf, sind Teil der Darmflora im Magen-Darm-Trakt des Menschen und in der Regel nicht krankheitserregend. Ebenfalls zum Magen-Darm-Trakt gehört Klebsiella pneumoniae, ein Bakterium, das in anderen Körperregionen Infektionen der Harnwege oder Atemwege auslösen kann. ­Enterobacter, unter die auch die Cedecea fallen, gehören zur Darmflora, können in seltenen Fällen Harnwegs-, Hirnhaut- oder Atemwegsentzündungen auslösen. Pantoea agglomerans wurde im Erdboden, im Wasser und auch in Wunden nachgewiesen.

Lediglich einmal tauchte eine der berüchtigten E.coli-Bakterien, Auslöser von Durchfall und Darmentzündungen, in einer Probe auf. „Es hätte es viel einfacher gemacht, wenn‘s immer die gleiche Bakterie gewesen wäre“, wirft Pontow ein.

Nach drei Wochen zogen die Stadtwerke die Notbremse. Der Versuch, über das Ausschlussverfahren die Quelle der Verunreinigung zu finden, war fehlgeschlagen. „Irgendwann gehen einem auch die Ideen aus. Wir haben so viel gespült - das war wie beim Aderlass. Die Quelle konnte eigentlich nur der Brunnen sein. Zudem hatte die Bevölkerung lange genug die Belastung des Abkochens hinnehmen müssen“, sagt Weber. Entsprechend sei die Entscheidung gefallen, Wasser vom Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke über Niederklein aus Stadtallendorf zu beziehen. Die Gefahr, dass sich die Verunreinigung auf die Nachbarorte ausbreitet, bestand aber nicht, wie der Wassermeister herausstellt - dies sei durch einen sogenannten „freien Auslauf“ sichergestellt. Ein Vorteil des Wassers vom ZMW: Da auch dieser mit einer Verunreinigung zu kämpfen hat, enthält das Wasser derzeit 0,07 Milligramm Chlor pro Liter. Eine Menge, die laut Weber so gering ist, dass er sich keine Sorgen um die Bioschicht in den Leitungen macht.

Kein Preisnachlass für Wasser

In der Folge tauchte bei Beprobungen in Schweinsberg nur noch ein einziges Bakterium auf und nach einer Woche konnten die Stadtwerke das Abkochgebot wieder zurücknehmen. Dazu war es notwendig, dass alle Proben drei Tage in Folge belastungsfrei sind. Das Gesundheitsamt habe zwar gesagt, auch zwei Tage würden reichen: „Aber wir wollten zur Sicherheit bei drei bleiben“, betont Pontow.

Wo genau die Verunreinigung herkommt, steht nicht fest - das Einzugsgebiet des Schweinsberger Brunnens reicht schließlich bis nach Dannenrod. Die Stadtwerke gehen davon aus, dass die im Vergleich zu früher - aus dem Klimawandel resultierenden - weitaus höheren Niederschlagsmengen ausschlaggebend sind. Irgendwo auf dem Weg durch die Erde erwischt das Wasser in einer Zerklüftung scheinbar eine Stelle, an der es coliforme Bakterien mitnimmt. Aus diesem Grund wollen die Stadtwerke in Schweinsberg auch erst wieder auf Eigenversorgung umstellen, wenn eine neue UV-Anlage eingebaut ist. Zukünftig soll das Wasser über einen Leuchtkörper, der ultraviolette Strahlung abgibt, laufen. Diese Bestrahlung soll dann alle Keime abtöten - ganz so wie in Wolferode, wo ebenfalls die Stadtwerke für die Wasserversorgung zuständig sind.

Es wird allerdings noch einige Wochen dauern, bis die Stadtallendorfer so weit sind. Bis dahin gibt es weiter Wasser über den ZMW. Hoffnung auf einen Preisnachlass für die vier Wochen, in denen die Schweinsberger ihr Wasser abkochen mussten, dürfen sich die Bürger laut Pontow aber nicht machen: „Natürlich sind wir in der Produktverantwortung - aber wir verkaufen quasi nur die Inanspruchnahme“, sagt der Leiter der Stadtwerke. Gebührenrechtlich sei es allerdings nicht möglich, Geld zu erstatten: „Wie sollen wir auch ermitteln, wie viel Wasser der Einzelne in dieser Zeit verbraucht hat?“

Insgesamt hätten die Schweinsberger in den vier Wochen gut und verständnisvoll reagiert, wie Pontow erfreut hervorhebt: „Es gab eigentlich keinen einzigen, der sich wirklich aufgeregt hat. Die Menschen hatten viel Verständnis für die Situation - sei es, weil sie gut informiert wurden von uns, oder aber aus der Erkenntnis, dass solche Probleme auch bei größeren Wasserversorgern auftreten.“

von Florian Lerchbacher

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