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Katastrophe lauert hinter Verkleidung

Schwere Baumängel am Bürgerhaus Katastrophe lauert hinter Verkleidung

Die Entscheidung zur Sanierung des Kirchhainer Bürgerhauses hat möglicherweise eine Katastrophe verhindert. Das geht aus einem entsprechenden Sachstandsbericht des Bürgermeister hervor.

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Fachleute arbeiteten gestern am gewichtigsten Problemfall, der Decke über dem großen Saal. Diese muss aus statischen und brandschutzrechtlichen Gründen grundlegend ertüchtigt werden. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Jochen Kirchner (parteilos) informierte am Montagabend vor dem in Emsdorf tagenden Bau- und Planungsausschuss über die Hintergründe der Kostensteigerung um 350000 Euro für das ursprünglich mit 1,1 Millionen Euro veranschlagte Projekt (die OP berichtete).

Sein Lichtbildervortrag wurde zu einem Kabinett des bauphysikalischen Schreckens, der sich den Bauleuten nach der Demontage der hölzernen Verkleidung der Saaldecke und der Wandverkleidungen offenbarte:

n Das Schlimmste: Unter der abgehängten Decke fand sich neben einem Stromkabel ein kleiner Holzbalken, der an zwei Seiten angekokelt war. Jederzeit hätte es im Bürgerhaus zu einem Feuer kommen können.

n Betonspannteile hingen zwischen den Trägern durch. n Zahlreiche Stellen waren vom Lochfraß befallen. n Einige Stahlträger waren nicht gegen Feuereinwirkung geschützt und wären im Brandfall geschmolzen und abgestürzt. n Das immer wieder geflickte Flachdass wurde durch ein absurdes Leitungssxstem entwässert: Auf dem Dach zwei 100er Rohre, an der Gebäudeseite 75er Rohre und unter der Erde 50er Rohre. n Der Kies des Flachdaches wurde in großen Mengen in das Entwässerungssystem gespült und verstopfte dieses teilweise. n Alle im Bühnentrakt vebauten Materialien sind leicht entflammbar und heute nicht mehr genehmigungsfähig. n Unter dem Turmzimmer fand sich ein Gullideckel. Ein Bürgerhaus-Neubauwäre deutlich teurer Kirchner führte die zum Teil abenteuerlichen Bauschäden auf den Umstand zurück, dass das Gebäude ab 1971 in drei Etappen gebaut worden sei. Heute befinde sich der künftig von der Stadt genutzte Gebäudeteil im Zustand eines Rohbaues - von den hochwertigen Fußbodenbelägen im kleinem Sall (Marmor) und im großen Saal (Terrazzo) abgesehen. Der Bürgermeister stellte aus seiner Sicht drei Dinge klar: n Die Stadt hat keine Chance, den Bau zu stopen. n Der Landeszuschuss in Höhe von 750000 Euro wird durch das spätere Bauende (Januar 2014 statt Mitte September) nicht gefährdet. Das Geld des Landes wird bis zum Stichtag Mitte September komplett verbaut und abgerechnet sein. n Die Sanierung der Bürgerhauses bleibt auch nach der Kostensteigerung mit rund 1,5 Millionen Euro deutlich billiger als ein mit 6 Millionen Euro veranschlagter Neubau. Zur Gegenfinanzierung (die OP berichtete) werde dies Stadt 80000 Euro aus dem Bahnhofsprojekt (Gehwege zum neuem Busbahnhof werden befestigt, der Endausbau erfolgt erst 2014) und 50000 Euro aus der Kindergartensanierung in Kleinseelheim verwenden. Mit den verbleibenden Mitteln könnten alle Arbeiten im Inneren des gebäudes abgeschlossen werden. Der bau eies zweiten Eingangs ud eines Windfangs müssen auf das kommende Jahr verschoben werden, sagte Kirchner.Für die um 100000 Euro gestiegenen Planungs- und Beratungskosten übernahm der Bürgermeister ohne Umschweife die politische Verantwortung. Die Kostenkalukulation beziehe sich auf den ersten bauentwuf der auverwaltung, der eine Aufgabe des Foyers und eine Verlegung des Haupteingangs auf die Rückseite des Gebäudes vorgesehen habe. Diese Planung sei schließlich nicht durchsetzbar gewesen, womit auch die strikte Trennung der beiden künftigen Gebäudeteile unmöglich geworden sei, was schließlich zu einer extram komplizierten Vertragsgestaltung geführt habe. Stuttgart 21 undFlughafen Berlin

Eine solche Panne ist für jede Opposition eine Einladung zum Schlachtefest. Und so trug Klaus Weber (SPD) gleich zu Beginn der Aussprache richtig fett auf, als er die Begriffe Stuttgart 21 und Berliner Flughafen in die Debatte einbrachte. Das ließ einen Rückfall in alte Kirchhainer Zeiten befürchten, doch dazu kam es nicht. Die Aussprache verlief weitgehend in sachlichen bahnen, was auch ein Verdienst der stringenten Sitzungsleitung von Hartmut Pfeiffer war, der in seinem Heimatort den erkrankten Ausschuss-Vorsitzenden Karl-Heinz Geil vertrat.

Weber wollte letztlich wissen, wie realistisch die jetzt im Raum stehende Summe von 350000 Euro sei und warum das bei älteren Gebäuden immer bestehende Sanierungsrisiko nicht in die Kostenkalkulation eingearbeitet worden sei. Auch SPD.Fraktionschef Olaf Hausmann mahnte an, dass es für die Sanierung eines 40 Jahre alten Gebäudes wegen der vielen Unwägbarkeiten und der geänderten Baunormen einen Kostenpuffer hätte geben müssen.

Jochen Kirchner versicherte, dass es diesen Puffer gegeben haben. Insbesondere bei der Sanierung des Hauses Borngasse 29 (Jukuz) habe es viele Unwägbarkeiten und Überraschungen während der Bauphase gegeben. Gleichwohl sei das Projekt im Budget- und im Zeitrahmen geblieben. Gleiches gelte für die energetische Sanierung der Dorfgemeinschaftshäuser von Himmelsberg und Schönbach. Zu Klaus Webers Sorge, dass die 350000 Euro Mehrkosten möglicherweise nicht ausreichen könnten, legte sich der Bürgermeister fest: „Die 350000 Euro sind fix. Kein Euro mehr.

CDU-Fraktionsvorsitzender Uwe Pöppler sah eine Mitschuld für die Mehrkosten beim Parlament. Keiner aus den Reihen der Stadtverordneten habe damals nach möglichen Mehrkosten gefragt, als die Veränderung der ursprünglichen Planung beschlossen worden sei, nahm Pöppler Druck von der Verwaltung und vom Magistrat.

Ortsvorsteher wünscht barrierefreies Büro

Der SPD-Stadtverordnete und Kleinseelheimer Ortsvorsteher Professor Rainer Waldhardt beklagte sich darüber, dass der Kleinseelheimer Ortsbeirat nicht vorab durch den Magistrat über die Verschiebung von Investitionen am Kindergartengebäude informiert worden sei. Zugleich bat er darum, den zweiten Eingang des Gebäudes mit einem Kostenaufwand von 8000 Euro möglichst doch noch in diesem Jahr zu verwirklichen, da nur durch diesen ein barrierefreier Zugang zum Ortsvorsteherbüro möglich sei. Derzeit müsse er seine Ortsvorsteher-Sprechstunden im Bürgerhaus halten, sagte Waldhardt.

Kirchner entschuldigte die ausgebliebene Vorabinformation mit dem kurzen Zeitfenster. Er habe keine ungeprüfte Zahlen in die Welt setzen wollen. Zum Thema Barrierefreiheit erklärte Michael Theis von der städtischen Bauverwaltung, dass es am Kindergarten eine funktionstüchtige und vom TÜV geprüfte Hebebühne gebe.

von Matthias Mayer

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