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Kammer fehlt der endgültige Beweis

Vergewaltigungsvorwurf Kammer fehlt der endgültige Beweis

Nach fünf Verhandlungstagen der ersten Strafkammer endete das insgesamt vier Jahre dauernde Verfahren gegen einen 27-Jährigen. Er wurde am Ende nur in einem Punkt der Anklage schuldig gesprochen.

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Vor dem Landgericht Marburg endete am Freitag ein Verfahren, das vor mehr als vier Jahren mit einer ersten Anklageerhebung begonnen hatte. Archivfoto: Richter

Quelle: Thorsten Richter

Stadtallendorf. Vom Vorwurf der zweifachen Vergewaltigung sprach die Kammer den früheren Stadtallendorfer frei. Damit folgte sie den Anträgen von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung. Dem 27-Jährigen war vorgeworfen worden, seine damalige Freundin im Herbst 2010 zweimal zum Sex gezwungen zu haben. Außerdem hatte die Strafkammer über den Vorwurf der versuchten Nötigung am Bahnhof in Marburg im Jahr 2011 zu entscheiden. In diesem Punkt sprach ihn die Kammer schuldig und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 15 Euro, also 600 Euro. Zehn dieser Tagessätze gelten wegen der langen Verfahrensdauer von vier Jahren als abgegolten, wie der Vorsitzende Richter Gernot Christ bei der Urteilsverkündung am Freitag erläuterte.

An insgesamt fünf Terminen hatte die Kammer den Fall verhandelt, den Angeklagten wie auch das mutmaßliche Opfer und zahlreiche Zeugen und Sachverständige gehört (die OP berichtete). Am Ende, das räumte auch Staatsanwältin Annemarie Petri in ihrem tiefgehenden und ausführlichen Plädoyer ein, war der Beweis der Vergewaltigungen nicht in einer für eine Verurteilung ausreichenden Weise zu erbringen. Es gebe keinen Zweifel daran, dass das Opfer zu jenem Zeitpunkt nicht mehr gewollt habe, sagte Petri unter anderem.

Doch am Ende stand in Summe Aussage gegen Aussage. Der Angeklagte, der am Freitag während der Verhandlung schwieg, hatte die Vorwürfe von Beginn an bestritten. Richter Christ sprach später in der Urteilsbegründung von einer „Aussage-Aussage-Konstellation“. Es habe nicht festgestellt werden können, wie sich die heute 26 Jahre alte Frau geäußert und ob sie sich gewehrt hat. Zu dieser Einschätzung der Kammer hat die eigene Aussage der Frau beigetragen, die inzwischen verheiratet ist, einen Beruf erlernt hat und derzeit ihr zweites Kind erwartet. Bei ihrer Aussage konnte sie sich vier Jahre nach der Tat nicht erinnern, vermischte möglicherweise Geschehnisse. Das konstatierte auch Rechtsanwältin Ulrike Ristau in ihrem Schlussvortrag. „Die Aussage meiner Mandantin reichte nicht aus, leider“, sagte Ristau. Die Marburger Rechtsanwältin hob hervor, dass es für ihre Mandantin wichtig sei, zu einem Abschluss zu kommen. „Eine lange Verfahrensdauer wie jetzt ist für die Opfer die Hölle“, wurde Ristau grundsätzlich. Ausdrücklich betonte Richter Christ, dass die Kammer keinerlei Zweifel an der generellen Glaubwürdigkeit der Frau hatte. „Sie ist weit entfernt von Lüge, Rachsucht oder Phantasieprodukten“, hob Christ hervor.

Vor Plädoyers und Urteil hatten zwei Sachverständige ihre Gutachten vorgestellt. Die betroffene Frau war von Mareike Schüler-Springorum untersucht worden, im Zentrum stand dabei die Frage der Glaubwürdigkeit. Bereits im Jahr 2013 hatte sie die Frau untersucht und sie auch diversen Tests unterzogen. Schüler-Springorum beschrieb die inzwischen eingetretene Situation der Frau als „ganz glücklich“. Mit den Ereignissen der Vergangenheit, über die sie offen gesprochen habe, verbinde sie Traurigkeit und bei den in Rede stehenden Delikten Scham. Die Frau habe die Neigung, sich anzupassen, sei eine abhängige Persönlichkeit, die dazu neige, Dinge von anderen zu übernehmen. Es sei vorstellbar, dass sich Ereignisse in ihrer Erinnerung vermischt hätten. Schüler-Spring-orum sprach von einem „normalen Gedächtnisverhalten“. Aber: „Ob es zu diesem Wehren bei den Taten gekommen ist, kann ich nicht mehr beurteilen“, sagte die Sachverständige. Auch die Persönlichkeit des Angeklagten wurde untersucht. Dr. Dieter Jöckel kam zu klaren Aussagen nach einem Gespräch, das er mit dem 27-Jährigen im Beisein von dessen Ehefrau führte. Außerdem fußten seine Aussagen auf den Ereignissen der vorangegangenen Verhandlungstage. Jöckel bezeichnete ihn insgesamt als „völlig unreif, kindlich und jungenhaft“, was für eine dominierende Persönlichkeit untypisch sei.

In Summe bescheinigte der Sachverständige dem Mann eine gravierendere Persönlichkeitsstörung. Er verwendete den Begriff der „histerionischen Persönlichkeitsstörung“, die unter anderem von der Neigung zu egozentrischem Verhalten und Theatralik geprägt ist.

Auffällig hatte sich der Angeklagte auch an einigen Stellen während der vorangegangenen Verhandlungstage gegeben.

Verteidiger Sascha Marx hatte für den 27-Jährigen einen Freispruch in allen Punkten verlangt. Doch dem wollte die Kammer nicht folgen, Staatsanwältin Petri hatte zuvor eine Einstellung des Verfahrens wegen versuchter Nötigung abgelehnt. Sie hatte deswegen sogar 60 Tagessätze zu je 30 Euro beantragt. Doch die Strafkammer sah, auch aufgrund der Gutachterergebnisse, mildernde Umstände.

von Michael Rinde

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