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KZ-Überlebende hält Erinnerung wach

Stadtallendorf KZ-Überlebende hält Erinnerung wach

Die Gedenkstätte Münchmühle besteht seit 25 Jahren. Das Mahnmal erinnert an das Schicksal der Insassen des gleichnamigen Arbeitslagers.

Stadtallendorf. Zwischen mehr als zwei Meter hohen Betonsäulen und Stacheldraht, auf dem Fundament der damaligen Waschbaracke des Arbeitslagers erinnerten drei Redner am Montag an ein besonderes Jubiläum. Vor 25 Jahren schufen der Landkreis und die Stadt Stadtallendorf die Gedenkstätte Münchmühle.

Für Eva Pusztai, vom 16. August 1944 bis Ende März 1945 eine der rund 1000 jüdischen Ungarinnen, die im Arbeitslager Münchmühle untergebracht waren, war es das 16. Wiedersehen mit Stadtallendorf. Sie ist eine Ausnahmeerscheinung. Die Frau, die einst schwor, niemals wieder ein deutsches Wort zu sprechen oder zu schreiben, bezeichnet sich inzwischen seit Jahrzehnten als Stadtallendorferin. Und dieses Bekenntnis erneuerte sie am Montag abermals. Für Pusztai und die 999 weiteren KZ-Häftlinge aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau begann nach ihren eigenen Worten an jenem 16. August 1944 trotz Zwangsarbeit und Lagerdasein „das Leben nach Auschwitz“.

Mit klarer, deutlicher Stimme ließ Pusztai am Montag ein Bild von ihrer Ankunft im damals kleinen Allendorf mit seinen Sprengstoff- und Munitionswerken für die rund 100 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung entstehen. „Der Oberingenieur des Werkes hat sich die Haare gerauft, als er uns sah. Er hatte starke Arbeitskräfte erwartet. Wir aber waren abgemagert und ausgezehrt“, sagte Pusztai. Sie selbst wog bei Kriegsende 40 Kilogramm. In den Monaten vorher hatte sie im Werk der DAG fertige Granaten gestapelt, jede von ihnen wog 50 Kilogramm. „Es war Sklavenarbeit“, fasste sie das zusammen, was sie erlebte.

Vor dem Bau gab es Diskussionen

Landrat Robert Fischbach und Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi sprachen vor Eva Pusztai und würdigten ihren abermaligen Besuch in Stadtallendorf in besonderer Form. Fischbach erinnerte daran, dass der damalige Landrat Kurt Kliem eine treibende Kraft hinter dem Bau der Gedenkstätte war - und dass dieser Bau in der Bevölkerung zunächst kontrovers diskutiert worden ist. Hans Kraft, ein ehemaliger Mitarbeiter der Kreisverwaltung, hatte die Gedenkstätte gestaltet. Schüler aus Stadtallendorf und Kirchhain hatten seinerzeit mit ihren Arbeiten zur NS-Geschichte in Stadtallendorf Anfang der 1980er-Jahre den Anstoß für den Bau der Gedenkstätte gegeben.

„Ich glaube, dass das Bewältigen der Vergangenheit bestimmt nicht das Verdrängen sein kann. In jedem Fall aber wird das Erinnern dafür benötigt“, sagte Fischbach. Somogyi seinerseits hob hervor, dass die Stadt Stadtallendorf seit 1986 „alle Anstrengungen bei der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit unternimmt.“

Eva Pusztai besucht während ihres Besuchs im Kreis wieder Schulklassen, ein Anliegen, das ihr stets sehr wichtig gewesen ist. Sie habe während der „Woche der Begegnung“ seinerzeit Freundschaften geschlossen, Solidarität und Hilfsbereitschaft erfahren, sagte sie am Montag.

Die Musikgruppe „mit mi(h)r“ gestaltete die Veranstaltung musikalisch. Am Montagabend gab die Gruppe außerdem ein Benefizkonzert zugunsten der Gedenkstätte Münchmühle.

von Michael Rinde

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