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Junger Mann macht in drei Jahren 10000 Euro Schulden

Wegen Betrugs vor Gericht Junger Mann macht in drei Jahren 10000 Euro Schulden

Weil er Anfang 2013 für rund drei Monate Hartz IV bezog, obwohl er in dieser Zeit arbeitete, stand ein heute 21-jähriger Stadtallendorfer wegen Betrugs vor dem Kirchhainer Jugendgericht.

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Stadtallendorf. „Da gibt‘s nicht viel zu sagen, ich hatte halt total den Überblick verloren“, gestand der ungelernte Produktionsarbeiter den Anklagevorwurf der Staatsanwaltschaft.

Der junge Mann schilderte dem unter Vorsitz von Jugendrichter Joachim Filmer tagenden Jugendgericht ausführlich seine finanziellen Kalamitäten. Daraus ging hervor, dass der Angeklagte vor drei Jahren zu Hause ausgezogen ist, einen eigenen Hausstand gründete und in relativ kurzer Zeit einen Schuldenberg von rund 10000 Euro angehäuft hat. Gesundheitliche Probleme seiner Freundin, die als Mitverdienerin ausgefallen sei, Handyverträge, und unbezahlte Rechnungen für bestellte Waren hätten zu der finanziellen Schieflage geführt, aus der er sich über eine Privat-Insolvenz befreien wolle. Deshalb habe er seine Verbindlichkeiten gegenüber dem Kreisjobcenter nicht begleichen dürfen, erklärte der Angeklagte in Beantwortung einer entsprechenden Nachfrage des Vorsitzenden.

Joachim Filmer wollte es auch nicht einleuchten, dass dem Arbeiter es in einer finanziellen Notsituation nicht aufgefallen sein will, dass er über Monate 740 Euro zu viel auf seinem Gehaltskonto fand.

Dessen Verteidiger entgegnete, dass sein Mandant tatsächlich mit der Situation völlig überfordert gewesen sei. So sei dieser mit dem berühmten Schuhkarton voller unbezahlter Rechnungen bei ihm aufgetaucht. Nach seinem Kenntnisstand müsse der Angeklagte Forderungen von 20 bis 25 Gläubigern bedienen, wobei es jeweils um Einzelbeträge von einigen hundert Euro gehe.

Verteidiger sieht seinen Mandanten auf gutem Weg

Insgesamt sah der Verteidiger seinen Klienten auf einem guten Weg. Erstmals jobbe er nicht für eine Leiharbeitsfirma, erstmals habe er einen vernünftigen Job.

Barbara Weber wusste für die Jugendgerichtshilfe nichts Positives über den Angeklagten zu berichten, weil dieser zu den vereinbarten Terminen nicht erschienen war. Sie sah bei dem seit drei Jahren auf eigenen Füßen lebenden jungen Mann eine Verselbstständigung und regte deshalb für den zur Tatzeit noch nicht 21 Jahre alten Angeklagten die Anwendung des allgemeinen Strafrechts an.

Die Anklage sprach von einer schwierigen Abwägung zwischen Jugendrecht und allgemeinen Strafrecht, entschied sich dann aber doch, den zur Tatzeit noch Heranwachsenden nach dem Jugendrecht wegen Betrugs zu verurteilen. Sie beantragte gegen den Stadtallendorfer, der zuvor fünfmal wegen Fahrens ohne Führerschein beziehungsweise wegen Verstoßes gegen das Pflichtversicherungsgesetz strafrechtlich in Erscheinung getreten war, 50 Stunden gemeinnützige Arbeit. Zudem beantragte die Staatsanwaltschaft, die Verfahrenskosten der Staatskasse aufzubürden.

Die Verteidigung war im Grundsatz mit dem Antrag der Staatsanwaltschaft einverstanden, hielt aber eine Arbeitsauflage von 30 Stunden für angemessen. Als strafmildernden Grund führte der Verteidiger die schwierige Kindheit seines Mandanten an, der mit einem gerichtsbekannten Vater aufgewachsen sei.

Joachim Filmer folgte im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Er sehe in diesem Fall gute Gründe für eine Verurteilung nach dem allgemeinen Strafrecht. Er habe sich für Jugendrecht entschieden, weil der Angeklagte offenbar tatsächlich mit seiner zwischenzeitlichen Arbeitslosigkeit, der Krankheit seiner Freundin und der Haushaltsführung überfordert gewesen sei. Es sei unüblich, gegen einen Vollzeit-Arbeitnehmer mit 1200 Euro Nettoverdienst eine Arbeitsauflage zu verhängen. Das geschehe mit Rücksicht auf die Schulden des Angeklagten, sagte Filmer.

Das Urteil wurde sofort rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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