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Jugendliche gehen erste Schritte in neuer Welt

Clearingstelle Jugendliche gehen erste Schritte in neuer Welt

Zwischen sieben und zehn pädagogisch ausgebildete Betreuer sollen in Halsdorf Minderjährigen bei ihren ersten Schritten in einer anderen Welt helfen. Am Dienstagabend wird über die Einrichtung informiert.

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Ein herzliches Willkommen in Halsdorf erhofft sich der Betreiber der künftigen Clearingstelle für minderjährige Flüchtlinge, die unbegleitet nach Deutschland kommen. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Halsdorf. Am Dienstagabend informieren der Gießener Betreiber, Ben Schwieder von „Social Services Schwieder, und Mitarbeiter der Kreisverwaltung über die in Halsdorf vorgesehene Clearingstelle für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ (die OP berichtete). Es ist der bedeutendste Tagesordnungspunkt der Gemeindeparlaments-Sitzung im „Treffpunkt Halsdorf“.

Ein geeignetes Gebäude ist gefunden. Es ist die Gaststätte „Zur Goldenen Aue“. Sie stand bereits seit mehreren Jahren zum Verkauf. „Social Services“ wird das Haus in den nächsten Wochen umbauen, damit dort zwischen 18 und 24 Jugendliche, meist im Alter von 15 bis 17 Jahren, ihre ersten Wochen in einer für sie wohl gänzlich neuen, anderen Welt verbringen können. Läuft alles, wie derzeit vorgesehen, soll die Einrichtung bis Ende Oktober öffnen.

Der Kreis braucht angesichts der Neustädter Erstaufnahmeeinrichtung dringend eine derartige Clearingstelle. Jugendliche Flüchtlinge unter 18 Jahren, die allein in Deutschland ankamen, dürfen in ihr nicht untergebracht werden. „Die meisten, davon müssen wir ausgehen, werden sehr traumatisiert sein“, sagt Ben Schwieder im Gespräch mit der OP.

Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung mit Jugendlichen, die in Obhut genommen werden, um ihnen zu helfen. Die Erfahrung sammelte er im Unternehmen seines Vaters, das im Kreis mehrere Jugendhilfeeinrichtungen, unter anderem in Wetter, betreibt. Ausdrücklich lobt Kreissprecher Dr. Markus Morr die intensive und gute Zusammenarbeit, die der Fachbereich Familie, Jugend und Soziales mit dem Betreiber gemacht hat. „Er ist für uns seit 20 Jahren ein sehr verlässlicher Partner“, sagt Morr.

Ein Umbau- oder Umnutzungsantrag für das Gebäude liegt noch nicht vor, doch steht die Bauverwaltung laut Morr in ständigem Kontakt mit „Social Services“. „Clearing“ steht für Klären. Die formale Klärung des Schicksals der Jugendlichen und die Suche nach Angehörigen wird weitgehend von Behörden geleistet, auch wenn Schwieders Mitarbeiter dazu wichtige Beiträge leisten werden. Doch die zentrale Arbeit in Halsdorf besteht darin, jene jungen Menschen so fit zu machen, dass sie in Wohngruppen integriert werden können. Alles beginnt dabei mit gründlicher medizinischer Untersuchung, für die der Betreiber sorgen wird. Zugleich beginnt für die Jugendlichen sofort etwas, auf das erwachsene Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, häufig warten müssen: Deutschunterricht. „Wobei wir aus Erfahrung wissen, dass mancher Jugendliche aufgrund seiner Geschichte erst einmal alphabetisiert werden muss“, schildert der künftige Betreiber.

Jene Jugendlichen müssten in die Lage kommen, in maximal drei Jahren das zu schaffen, wofür deutsche junge Menschen mehr als anderthalb Jahrzehnte Zeit hätten - und das in einem fremden Land. Ben Schwieder weiß aus eigenem Erleben, wovon er spricht. Er kam selbst als unbegleiteter junger Flüchtling aus dem Iran nach Deutschland, fand Unterstützung, wurde adoptiert, machte seine Schul- und Studienabschlüsse und sogar den „MBA“ in den USA. „Clearing“-Arbeit ist aus seiner Sicht die erste Hilfe zur Selbsthilfe und fundamental wichtig.

An den Nachmittagen wird es gezielte Betreuung und Freizeitangebote für die Jugendlichen geben. Außerdem stünden Behördengänge oder je nach Gesundheitszustand auch Arztbesuche in der zweiten Tageshälfte an, erläutert der Betreiber. Halsdorf kennt Ben Schwieder gut. Er ist in Frankenberg großgeworden. Ländliche Regionen seien für die ersten Wochen junger Flüchtlinge besser geeignet als größere Städte. „Dort werden diese Menschen schnell durch die zu vielen Reize überfordert“, begründet Schwieder. In Halsdorf fand er in der Gaststätte ein ausreichend großes, geeignetes Gebäude. Die Jugendlichen werden in dem Haus rund um die Uhr betreut. Dass sie nach ihrem Tagesprogramm noch allein im Ort unterwegs sein werden, kann sich Ben Schwieder in den meisten Fällen kaum vorstellen. „Dafür sind diese Jugendlichen viel zu erschöpft nach allem, was sie vorher erlebt haben“, sagt er.

Der künftige Betreiber der Halsdorfer Clearingstelle weiß aus eigenen Gesprächen, dass es im Ort auch kritische bis ablehnende Stimmen gibt. Er wirbt darum, dass sich Bürger am Dienstagabend selbst informieren, nicht von Gerede verunsichern lassen. „Öffnen Sie sich und geben den jungen Menschen eine Chance“, bringt er es auf den Punkt. In Halsdorf gibt es erste Initiativen für ehrenamtliche Hilfe, wie Dieter Engel der OP berichtet. Am 5. Oktober um 19.30 Uhr wird sich ein Unterstützerkreis im Treffpunkt Halsdorf zum ersten Male zusammenfinden. Das sei mit Pfarrer Matthias Weidenhagen und Bürgermeister Peter Hartmann abgestimmt, erklärt Engel. Ehrenamtliche Angebote stoßen bei Ben Schwieder auf offene Ohren. „Dafür steht unser Haus immer offen“, sagt er. Allerdings werde es etwas Zeit brauchen, bis sich der Betrieb eingespielt habe. Erst dann mache ehrenamtliche Hilfe Sinn.

Die Sitzung des Gemeindeparlaments beginnt am 8. September um 20 Uhr.

von Michael Rinde

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