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Jugendarbeit - eine Sorge kehrt zurück

Amöneburg Jugendarbeit - eine Sorge kehrt zurück

Die Vereine machen das schon. In diesem Glauben strichen die Stadtverordneten vor zweieinhalb Jahren einen Haushaltsansatz für professionelle Jugendarbeit. Nun ist klar: Sie haben sich getäuscht.

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Der Jugendraum in Mardorf ist wieder dicht. Vor zweieinhalb Jahren waren Randalierer schuld. Diesmal fehlt ein Verantwortlicher. Die Burschenschaft will sich nicht mehr um die Einrichtung kümmern.Archivfoto

Amöneburg. Kurioser geht‘s eigentlich kaum: Die Stadtverordneten sahen sich während ihrer vergangenen Versammlung mit einem Scherbenhaufen konfrontiert. Eine Aussprache über die Antwort auf eine SPD-Anfrage lehnten sie jedoch unter Federführung der CDU ab. Aus Trotz, wie Jan-Gernot Wichert, der Vorsitzende der Christdemokraten, zugab. Auslöser dieser Reaktion war ein Zwist über die Kulturförderung zwischen CDU und FWG auf der einen und AWG und SPD auf der anderen Seite gewesen.

Dabei hätte gerade die CDU großes Interesse am Thema Jugendarbeit haben müssen. Sie war es schließlich, die vor zweieinhalb Jahren einen Haushaltsansatz in Höhe von 35000 Euro auf 10000 Euro zusammengekürzt hatte. Ihre Auffassung damals: Professionelle Jugendarbeit sei für Amöneburg nicht notwendig - die Vereine würden sich um diese Aufgabe kümmern. Nur die SPD sprach sich gegen die Kürzung aus.

Größtes Sorgenkind war damals der Jugendraum Mardorf, dem sich die Burschen- und Mädchenschaft „Mardorfer Esel“ annehmen wollte. Inzwischen hat diese die nach Auskunft aus dem Rathaus die Nutzungsvereinbarung mit der Stadt nicht mehr verlängert. Konsequenz ist: Der Jugendraum im Ort ist, mal wieder, geschlossen - was auch ein Schlag ins Gesicht derer ist, die den Raum vor einigen Jahren in Eigenleistung extra für den Nachwuchs bauten.

„Dürfen wir daraus schließen, dass die Jugendarbeit zum Erliegen gekommen ist?“, fragte Winfried Kaul (SPD). „Das ist ein stückweit subjektiv“, entgegnete Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg, der später zusammenfasste: „Wir geben Ressourcen aus für leere Hüllen, also die Gebäude. Eine inhaltliche Arbeit findet aber nicht statt.“

Es gebe Jugendarbeit, die gut laufe, erklärte er und berichtete über den von Jugendlichen selbstverwalteten Raum in Erfurtshausen. Es gebe immer mal wieder Aktionen - in seiner schriftlichen Beantwortung der Anfrage hatte der Bürgermeister noch die Worte „sehr sporadisch“ gewählt. Allerdings hielten es die Jugendlichen etwas lasch mit der Reinigung. Insgesamt fehle es auch im kleinsten Stadtteil an Unterstützung, „um strukturiert vorgehen zu können“.

In Rüdigheim kümmert sich der Pfarrgemeinderat um die Öffnungszeiten. Auch dort gebe es keine „strukturierte Jugendarbeit“, heißt es in dem Schriftsatz aus dem Rathaus. Die Kirchengemeinde sei der Auffassung, dass sich die Kommune um die Jugendlichen kümmern müsse. Im Zuge der Verhandlungen zur Trägerschaft des Treffpunkts war in der Diskussion, dass die Stadt den Raum übernimmt - dazu kam es jedoch nicht. Die Kommune glaubt allerdings, dass die Kirche die Trägerschaft nicht auf Dauer beibehält.

In der Kernstadt gibt es im Bonifatiusheim einen Jugendraum - der seit drei Jahren geschlossen ist. Richter-Plettenberg berichtete von einem Schreiben Marcus Voglers, in dem der Pfarrer darum bitte, die Stadt möge ein Konzept für die Jugendarbeit entwickeln. Hintergrund sei, dass eine Gruppe Jugendliche den Raum nutzen wolle - und die Kirchengemeinde sich vorstellen könne, ihn auch wieder zu öffnen. „Die Stadt hat kein fachlich geeignetes Personal, um eine solche Konzeption zu erstellen“, heißt es in der Beantwortung der Anfrage. Entsprechend warte der Pfarrer weiterhin auf eine Antwort. „Was soll ich machen?“, fragte Richter-Plettenberg die Stadtverordneten - und erlitt das gleiche Schicksal wie der Pfarrer: Er bekam keine Antwort.

In Roßdorf sind die Jugendräume derweil immerhin geöffnet. Jener in der Mehrzweckhalle dank der Karnevalisten, die - wenn auch im Alleingang - jungen Tänzerinnen einen Treffpunkt bieten. Den Raum im Jugendheim verwaltet die Burschenschaft. Dieser sei nur theoretisch für alle Jugendlichen offen, heißt es im Bericht des Bürgermeisters. Strukturierte Angebote gebe es auch dort nicht.

Am meisten Gedanken macht sich Richter-Plettenberg über Mardorf: In der Regel sei der dortige Raum seit der Abstimmung in der Stadtverordnetenversammlung freitags geöffnet worden - nur im März und April 2015 sei dies mehrfach wöchentlich geschehen, weil Kinder Interesse zeigten. Nun ist der Raum wieder dicht - so wie in der Zeit vom 21. November 2014 bis 6. Januar 2015, als junge Erwachsene dort randaliert hatten. „Grund war auch, dass die Burschenschaft den Aufsichtsdienst nicht vereinbarungsgemäß organisiert hatte“, heißt es in dem Schriftstück der Stadt. Die neuerliche Schließung ist, wie erwähnt, Resultat der Entscheidung der Burschenschaft, die Nutzungsvereinbarung nicht zu verlängern.

Der Ansatz, bei der Jugendarbeit auf die Vereine zu setzen, scheint also zumindest in Mardorf gescheitert zu sein. Wie es nun mit dem Thema weitergeht, ist offen - was auch ein Resultat der Trotzreaktion der Stadtverordneten ist. Für den Bürgermeister ist klar, dass es gerade im ländlichen Raum, wo Infrastrukturangebote für Jugendliche oftmals fehlten, spezielle Treffpunkte für sie dringend notwendig seien. Sie müssten Angebote unterbreitet bekommen - und über Suchtprävention informiert werden. „Dies erfordert pädagogische Begleitung, die von den Jugendlichen nicht als störend sondern unterstützend empfunden wird“, erklärt der Rathauschef.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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