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Job gesucht, Geldwäscher geworden

Straftat Job gesucht, Geldwäscher geworden

"Wer hofft, das schnelle Geld durch wenig Arbeit zu machen - und das auch noch von zu Hause - der irrt", sagt Polizeisprecher Martin Ahlich und warnt vor dubiosen Jobangeboten aus dem Internet.

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Als „Paketagenten“ waren die Neustädter sozusagen eine Zwischenstation, die den tatsächlichen Empfänger der Waren schwer ermittelbar macht.Themenfoto: Florian Lerchbacher

Neustadt. Sie suchten einen Job, fanden ihn und machten sich aller Wahrscheinlichkeit nach seit August der Geldwäsche schuldig. Ein 36 Jahre alter Mann und eine 48 Jahre alte Frau waren seit August als „Paketagenten“ beziehungsweise „Logistikmanager“ tätig und halfen so allem Anschein nach einer international operierenden Bande aus dem Ausland, Waren zu ergaunern. Und das sogar mit angeblichem Arbeitsvertrag - allerdings ohne jemals in persönlichem Kontakt gewesen zu sein.

„Alles sah hochoffiziell und professionell aus. Der mehrseitige Vertrag enthielt Firmenlogos, Anschriften und sogar Kleingedrucktes“, berichtet Polizeisprecher Martin Ahlich und erklärt, wie die Betrügereien über das Internet ablaufen: Die vermeintlichen Arbeitgeber mit Sitz in Estland, Russland und der USA beschaffen sich die Kreditkartendaten und bestellen bei nichtsahnenden Firmen Waren, die diese an die „Paketagenten“ beziehungsweise „Logistikmanager“ schicken - in diesem Fall das Paar aus der Junker-Hansen-Stadt. Die Neustädter wiederum erhielten von den „Arbeitgebern“ (gefälschte) Paketscheine und sendeten die Waren weiter an Adressen in der Ukraine und Russland. „Die Waren sind dann weg und bleiben unbezahlt. Die Paketagenten verwirklichen damit den Tatbestand der Geldwäsche“, erläutert Ahlich.

Die Neustädter hätten über einer Jobbörse im Internet Arbeit gesucht und seien auf das Angebot der Betrüger reingefallen, ergänzt er: „Die Veröffentlichung über das Internet ist grundsätzlich jedem möglich, sodass selbst in renommierten Internet-Jobbörsen nicht immer von der Echtheit eines Angebotes ausgegangen werden kann.“ Angebote mit hohem Verdienst bei geringem Aufwand seien fast immer unseriös. „Bei gesundem Menschenverstand sollte man sich aber auch fragen, warum ein Unternehmen Waren an jemanden schickt, der diese in die Ukraine oder nach Russland weiterleitet und dafür auch noch Geld bekommt. Das Unternehmen könnte das Paket doch auch direkt hinschicken“, betont der Polizeisprecher.

Die Neustädter hätten Pakete mit ergaunerten Kinderwagen, Kaffeemaschinen samt Bohnen, Elektronik und vielem mehr weitergeleitet, berichtet er. Das Sortiment sei meist sehr gemischt und entspreche dem eines Kaufhauses, „das alles führt“. Die tatsächlichen Empfänger der Waren ließen sich allerdings - wenn überhaupt - nur durch aufwändige internationale Ermittlungen herausfinden.

800 Euro sollten die Neustädter laut Vertrag monatlich erhalten - zuzüglich einer Provision in Höhe von 20 beziehungsweise 25 Euro pro weitergeleitetem Paket. Die Neustädter gerieten ins Visier der Fahnder, weil die Opfer der Kreditkartenbetrüger das Abfischen ihrer Daten meldeten, Anzeige erstatteten und die Polizei über die Lieferfirmen immer wieder auf die Adresse in Neustadt stießen. Oftmals sei es aber auch so, dass die Opfer der Kreditkartenbetrüger ihre Konten sperren ließen und die Abbuchungen der nichtsahnenden Firmen schließlich fehlschlugen. Wie dem auch sei: Die einzigen Adressen, auf die die Ermittler treffen, sind immer die der „Paketagenten“ oder „Logistikmanager“, wie es in den Jobangeboten heißt.

Im vorliegenden Fall gelang es der Kriminalpolizei Marburg in enger Zusammenarbeit mit Sicherheitsabteilungen von Paketdiensten 16 Warensendungen mit einem Gesamtwert von mehr als 10000 Euro abzufangen. Diese Waren gehen an die rechtmäßigen Eigentümer zurück. In anderen Fällen waren die Betrüger erfolgreich - und die vermeintlichen „Paket-agenten“ sind die Angeschmierten: „Statt des in Aussicht gestellten Verdienstes gibt es unter Umständen drei Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe wegen Geldwäsche nach Paragraf 261 des Strafgesetzbuches“, erläutert Ahlich und ergänzt, dass sie für die entstandenen Schäden haftbar gemacht und zum Schadenersatz verpflichtet werden könnten.

Gleichzeitig warnt der Polizeisprecher vor dubiosen Jobangeboten mit hohem Verdienst bei geringem Aufwand. Größte Vorsicht sei geboten bei fremdsprachlichen oder in schlechtem Deutsch geschrieben Angeboten, die per E-Mail kommen: „Wer einen Job sucht, sollte sich an die Agentur für Arbeit oder an bekannte inländische und ortsansässige Arbeitgeber wenden und gleichzeitig Abstand von ausschließlichem Kontakt über das Internet nehmen.“ Der beste Schutz sei ein gesundes Maß an Misstrauen. Wer sich nicht sicher sei, könne aber selbstverständlich auch bei der Polizei nachfragen.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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