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Jetzt können sie wieder lachen

Aktion für Flüchtlinge Jetzt können sie wieder lachen

Wie die Integration von Flüchtlingen gelingen kann, erlebten am Samstag in Stadtallendorf die Besucher des Begegnungsfestes im "ConAct"-Familienzentrum.

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Yasin Batch spielte mit zwei anderen Syrern Heimatlieder.

Quelle: Karin Waldhüter

Stadtallendorf. Die Premiere ist gelungen: Im Laufe des Samstages kamen rund 200 Besucher zu dem mit einer Vereinsmesse verbundenen Begegnungsfest im „ConAct“ Familienzentrum (früher Herrenwaldkirche). Dabei wurde deutlich, wie schön und entspannt interkulturelle Begegnung sein kann und wie schnell auch Sprachbarrieren überwunden sind.

Es ging fröhlich zu in der ehemaligen Herrenwaldkirche. Bürger, Helfer und Flüchtlinge saßen zwanglos an Tischen zusammen, genossen die vielen leckeren internationalen Speisen und lauschten der für europäische Ohren eher ungewöhnlichen syrischen Musik von Mohammad Jamil Naser, Yasin Batch und Riad Alsawah, die mit klassischen syrischen Lieder über ihre Heimat schnell ihre Landsleute zum Tanzen und Mitklatschen bewegten.

Motto: "Die neuen Nachbarn laden ein"

Gelebte Willkommenskultur ermöglichte das Begegnungsfest, das der Verein Jumpers in Kooperation mit dem Büro für Integration des Landkreises organisierte. „Seit der Kreis ehrenamtliche Unterstützungsstrukturen unterstützt, gehört Jumpers mit dazu. Dicht bei der Unterkunft solche Räume zu haben, passt sehr gut“, betonte Claus Schäfer vom Büro für Integration.

Unter dem Motto „Die neuen Nachbarn laden ein“ ging es bei dem Fest um die Begegnung mit bereits in Stadtallendorf lebenden Flüchtlingen. Gekommen waren neben rund 80 Flüchtlingen, die schon länger in Stadtallendorf leben, auch einige Flüchtlinge aus der neu entstandenen Erstunterkunft, die Pfarrer Thomas Peters mitgebracht hatte. Unter die Besucher mischte sich auch eine Delegation der Fatih Moschee, aber ebenso Vertreter der anderen Stadtallendorfer Moscheegemeinden waren dabei.

„Das Besondere ist, dass neben dem Büro für Integration und den Vereinen die Flüchtlinge eine aktive Rolle übernommen haben, das Programm gestalten und mit anderen Helfern auch für das Essen gesorgt haben“, berichtete Jumpers-Projektleiter Tobias Czarski, der seine „kleinen Erwartungen“ mehr als erfüllt sah und mit Blick auf die Besucher ein zufriedenes Resümee zog.

Seit gut einem halben Jahr besucht der Verein verstärkt die benachbarte Flüchtlingsunterkunft in der Posener Straße. Der Kontakt funktioniere über die englische Sprache sehr gut, berichtete Czarski und betonte, dass über Mohammad Jamil Naser ein guter Kontakt zu den Flüchtlingen entstanden sei.

Patenschaftsprojekt vorgestellt

Vorgestellt wurde an diesem Tag auch „Helfair“, das Patenschaftsprojekt von Jumpers, das Anwohner und Flüchtlinge vernetzen soll. Ziel ist es, Paten an Flüchtlinge zu vermitteln, deren Asylantrag bereits bestätigt wurde. So sollen Verknüpfungen entstehen, damit sich Menschen gegenseitig helfen. Am Samstag ging es vor allem darum, das Projekt zu präsentieren und Interessierte zu finden.

Aufgegliedert in zwei Teile hatte das Fest mit einer Vereinsmesse begonnen. Dort stellten sich der Verein für Beratung und Therapie (Lok), die Koordinierungsstelle Flüchtlingsinitiativen, der CVJM, der Kulturkreis Stadtallendorf, die Moscheegemeinde Milli Görüs und der Verein Lingua Oeconomicus vor, zudem präsentierte die Agentur für Arbeit das Willkommensangebot für Flüchtlinge „Voice“. Unterstützung leisteten zwölf Studenten des Marburger Bildungs- und Studienzentrums. Bei der Zubereitung der Speisen gab es Hilfe von Mitgliedern des Verbandes der Islamischen Kulturzentren der Gemeinde Stadtallendorf, der evangelischen Kirchengemeinde und von Mitgliedern der Moscheegemeinden Stadtallendorfs und des Vereins Jumpers.

Bei fröhlicher Stimmung wurde viel gelacht und getanzt. Doch dass hinter den lachenden Gesichtern der Flüchtlinge ergreifende Schicksale liegen, wurde deutlich, als Tareq Qtrameez und Osama Ahmed mit Hilfe von Übersetzer Ammar Homsi von ihrer Flucht aus ihrem syrischen Heimatland berichten.

Flüchtlinge berichten von ihren Erlebnissen

Seit März ist Osama Ahmed in Deutschland. Der 28-jährige Arzt kommt aus der schwer zerstörten Stadt Idlib. Er studierte in der Ukraine und begann seine Flucht von dort aus mit einem Flug in die Türkei und dann weiter nach Algerien und zu Fuß nach Marokko. Mitte Dezember verließ er die Ukraine und kam am 6. März in Deutschland an. Der Weg zu Fuß von Algerien nach Marokko sei am Schlimmsten gewesen, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung, ohne näher darauf eingehen zu wollen. Als „katastrophal“ bezeichnete er seinen Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Algerien.

Unter Lebensgefahr gelangte der 21-jährige Tareq Qtrameez in einem kleinen Schlauchboot auf eine griechische Insel. Um die Flucht mit seinem Bruder realisieren zu können, hatte er Wohnung und Immobilien in seiner Heimat Damaskus verkauft. „Deutschland ist meine zweite Heimat. Es ist schön, hier zu sein“, sagte er.

Weiter präsentierten Teilnehmer des Vereins Lingua Oeconomicus ein kleines Theaterstück. „Ich sehe, dass Kräfte gebündelt wurden und gemeinsam eine Leidenschaft geweckt wurde, um die Vielfalt, die Gott in den Menschen gelegt hat, zu sehen“, resümierte Tobias Czarski.

Das Begegnungsfest war der Auftakt der „Interkulturellen Woche“, die noch bis zum 17. Oktober dauert. Am Rande der Veranstaltung erklärte Goharik Gareyan, vom Ausländerbeirat Marburg, dass es tatsächlich auch in Stadtallendorf wieder zur Wahl eines Ausländerbeirates kommen werde: am 29. November. Bisher würden sich zwei Gruppen der Wahl stellen, berichtete sie.

von Karin Waldhüter

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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