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In die Heimat statt ins Gefängnis

Schuldunfähig In die Heimat statt ins Gefängnis

Im Prozess gegen einen 26-jährigen Flüchtling, der wegen versuchten Totschlags in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt vor Gericht steht, deutet alles auf eine Rückführung des verwirrten Angeklagten zu seiner ­Familie in den Iran hin.

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Marburg/Neustadt. Am 4. Verhandlungstag stand das psychiatrische Gutachten des Angeklagten im Mittelpunkt der mehrstündigen Verhandlung. Zu Beginn berichtete die Sachverständige Dr. Angelika Marc von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haina über die Erkrankung des Angeklagten, wobei sie sich auch wegen der Sprachbarriere vornehmlich auf Verhaltensbeobachtungen stützte.

Zum Lebenslauf des Angeklagten erzählte sie, dass er im August 1990 in der iranischen Provinz als eines von vier Kindern einer Arbeiterfamilie zur Welt gekommen sei. Er habe die Schule mit dem Abitur beendet und anschließend seinen Militärdienst geleistet. Danach habe er eine Lehre begonnen und abgebrochen. Gleiches gelte für ein Studium. Er habe in der Folge die unterschiedlichsten Tätigkeiten ausgeübt. In diese Zeit müsse der Ausbruch seiner psychischen Krankheit gefallen sein, meinte Angelika Marc.

Als er nach dreimonatiger Flucht mit allen Hindernissen in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt angekommen sei, habe er Medikamente zur Behandlung von psychischen Störungen bereits im Gepäck gehabt. Aus Gesprächen konnte ermittelt werden, dass der Angeklagte sich bereits in seinem Heimatland in psychiatrischer Behandlung befand.

Diagnose: paranoideSchizophrenie

Wie im Verlaufe des Prozesses erwartet, attestierte die 38-jährige Ärztin dem Angeklagten eine paranoide Schizophrenie. Das hören von Stimmen, welche ihm letztlich die Messerattacke befohlen habe, sei ein untrügliches Zeichen dafür, so die Sachverständige. Weiterhin gehöre auch die Wahnvorstellung, er sei von dem Geschädigten zuvor vergewaltigt worden, zu dem Krankheitsbild.

Auch unter Beobachtung in der Psychiatrie habe er Panik­attacken durchlebt. Andererseits, so hätten es Pfleger beschrieben, sei er wiederum im Klinikalltag „gut führbar“ gewesen. In jedem Falle sei der Angeklagte zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig gewesen. „Er war wegen seiner Psychose nicht in der Lage, das Unrecht seines Tuns einzusehen“, berichtete Marc. In wieweit die Messerattacke vom Angeklagten längerfristig oder vorausschauend geplant wurde, konnte nicht bis ins letzte Detail geklärt werden.

Der Angeklagte sei kein schlechter Mensch, so die individuelle Prognose der Ärztin. Dennoch könne eine solche Tat sich durchaus wiederholen. Die Wahrscheinlichkeit bei entsprechender psychiatrischer Behandlung sei jedoch gering. Am besten sei eine Rückführung in sein Heimatland, weil er dort keinen „Kulturstress“ durchleben müsse und es auch keine Sprachprobleme gebe. Da der Kontakt zur Familie, insbesondere zur Mutter nie abgerissen sei - er telefoniere täglich mit der Mutter - habe er dort auch jemanden, der sich um ihn kümmere.

Ob sich die Familie im Iran eine psychiatrische Behandlung leisten könne, konnte nicht abschließend geklärt werden. Verteidiger Peter Thiel berichtete, dass ihm die Familie, einem ihr fremden Mann, das Geld für den Rückflug bereits überwiesen habe.

Der Prozess wird am heutigen Mittwoch im Marburger Landgericht voraussichtlich mit der Urteilsverkündung fortgesetzt. Die Verhandlung beginnt um 8 Uhr im Schwurgerichtssaal (101).

von Heinz-Dieter Henkel

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