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In der Stimme schwingt Schmerz mit

Flucht aus der Heimat In der Stimme schwingt Schmerz mit

Zum zweiten Mal richtete die Stadt einen „Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation“ aus. Sie will damit auch Werte wie Frieden, Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit ins Bewusstsein rufen.

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Herbert Köller (von links) sprach mit den Zeitzeuginnen Christa Hermer, Ursula Otto und Dr. Jeannette van Laak von der Uni Gießen.

Quelle: Karin Waldhüter

Stadtallendorf. Wenn die Zwillingsschwestern Ursula Otto und Christa Hermer über ihre Flucht vor der Roten Armee aus Schwerin berichten, schwingt Schmerz in ihren Stimmen mit. Bedrückend wirken ihre Worte über ihre Zugreise, die von Zerstörung, Hunger, Kälte und dem Tod vieler Menschen geprägt ist.

„Überall gab es Hilfsbereitschaft oder Ablehnung“, erinnert sich Hubert Hofmann an die Flucht aus dem Sudetenland über die sowjetisch besetzte Zone nach Stadtallendorf. Unter Lebensgefahr hatte seine Mutter vor drei tschechischen Milizionären die Geburtsurkunden aus dem Haus geschmuggelt.

Von ihrer Flucht aus Syrien berichtet die Medizinstudentin ­Lisa Torfah. 1993 in Deutschland geboren geht die Familie noch vor Ende ihres ersten Lebensjahres zurück nach Damaskus. 2012 beantragt sie ein Studentenvisum und studiert „wegen des guten Rufs“ in Marburg Medizin. In Syrien sei die Situation viel schlimmer geworden, erzählt sie. „Auch wenn man zu Hause ist, kann man sterben“, sagt sie über die Situation in ihrem Heimatland.

Eindrucksvolle und bedrückende Berichte

Gleichsam eindrucksvoll wie bedrückend waren die Berichte der Menschen während der Gedenkveranstaltung. Eine aus Vertretern der Stadt, des Dokumentations- und Informationszentrums, des Heimat- und Geschichtsvereins und der Georg-Büchner-Schule bestehende Arbeitsgruppe hatte den Termin vorbereitet und Zeitzeugen eingeladen. Die Moderation lag in den bewährten Händen von Herbert Köller, dem es immer wieder gelang, Dr. Jeannette van Laak, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Justus-Liebig-Universität Gießen, als „Lotsin“ in die Zeitzeugen-Gespräche einzubinden.

Sie war zuvor in ihrem Vortrag am Beispiel der Geschichte des Erstaufnahmelagers Gießen und der aktuellen Lage der Frage nachgegangen, wie die Bundesrepublik in der Vergangenheit mit Herausforderungen wie dieser umging: „Wenn heute von 800000 Flüchtlingen gesprochen wird, so ist das eine große Zahl. Doch wollen wir bedenken, dass im Jahre 1945 bis 1949 über 12 Millionen Vertriebene aufgenommen wurden - und dass die Gesellschaft das auch geschafft hat“, betonte sie.

Im vergangenen Jahr hatten Schüler der Georg-Büchner-Schule „Leit(d)pfosten gestaltet. Diese waren erneut in der Stadthalle zu sehen. Zudem hatten Schüler der Klasse von Monika Herget Plakate zum Flüchtlingsthema gefertigt. Schüler der Klasse R 10c (Lisa Krätke, Duygu Aydogan, Martin Unzner, Martin Mora, Kathrin Stottko) von Marina Flanderka sorgten mit eindrucksvollen Gedichten, wie dem von Laotse über den Frieden, für Momente des Innehaltens.

1946 waren in Stadtallendorf 45 Prozent der Einwohner Flüchtlinge

„Wir erinnern uns“, begann Bürgermeister Christian Somogyi vor rund 130 Besuchern seine Rede, in der er einen Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart schlug. Er sprach über Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges aus den früheren deutschen Reichsgebieten und in den Nachkriegsjahren.

1946 waren in Stadtallendorf 45 Prozent der Einwohner Flüchtlinge und Vertriebene. 1954 lag der Anteil sogar bei 52 Prozent (bei 2895 Einwohnern). „Vor dem Hintergrund unserer Geschichte, unserer Erfahrungen mit der Aufnahme von fremden Menschen, sollte uns die Integration gelingen“, sagte er und betonte: „Der heutige Gedenktag soll uns ins Bewusstsein rufen, dass wir uns einsetzen für Werte wie Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden.“ Dafür brauche es zahlreiche Akteure - Einzelpersonen ebenso wie Institutionen, erklärte Somogyi und hob exemplarisch besonders die Stadtallendorfer Schulen hervor, die es seit Jahrzehnten gewohnt seien, mit den besonderen Herausforderungen der Unterschiedlichkeit und Vielfalt umzugehen.

In der heutigen Zeit stehe man vor vergleichbaren Herausforderungen, betonte der Bürgermeister. In Stadtallendorf leben derzeit 258 anerkannte Flüchtlinge und seit etwa zehn Tagen rund 650 Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung, die innerhalb von zwei Tagen aufgebaut worden war. Ausdrücklich lobte der Rathauschef noch einmal alle freiwilligen Helfer.

Der Männergesangverein unter der Leitung von Tamara Zinser umrahmte die Veranstaltung. Begonnen hatte die Veranstaltung mit einer ökumenischen Andacht, die Kaplan Alexander Best und Pfarrer Thomas Peters hielten.

von Karin Waldhüter

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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