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Immer in Richtung Sensibilisierung

Demenz Immer in Richtung Sensibilisierung

Stück für Stück soll sich die Stadt Amöneburg zu einer demenzfreundlichen Kommune entwickeln. Zahlreiche Schritte sind gemacht - doch der Weg ist noch lang.

Susanne Schmitt-Neubert (links) und Christina Stettin stehen vor dem Mardorfer Schwesternhaus – der „Keimzelle“ der sozialen Bewegung des Dorfes.

Quelle: Florian Lerchbacher

Mardorf. Die Bürgerhilfe ist ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens von Mardorf und der Umgebung: Täglich unterstützen die ehrenamtlichen Mitarbeiter hilfsbedürftige Mitmenschen bei den kleinen Aufgaben des Lebens. So sorgen sie dafür, dass die Senioren die Hürden des Alltags überwinden und weiter nahezu selbständig in ihrer vertrauten Umgebung leben können.

Immer wieder treffen sie dabei auf Menschen mit Demenz. Die Bürgerhelfer wissen dank Fortbildungen zur Thematik, wie sie mit ihnen umgehen müssen - ihre Mitmenschen jedoch oftmals nicht. Entsprechend hatte der Bürgerverein Mardorf als Ziel ausgegeben, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren, schließlich sind die sozialen Kontakte ein zentraler Punkt des Dorflebens. Vor etwas über zwölf Monaten kam dann eine gute Nachricht: Die Mardorfer erhalten für zwei Jahre Fördermittel aus dem Programm „Lokale Allianz für Menschen mit Demenz“ des Bundesamtes für Familie. Seitdem bemüht sich Susanne Schmitt-Neubert, dem ausgebenen Ziel näher zu kommen. „Ich bin Moderationskraft -daher steht zunächst auch das Reden im Vordergrund“, erklärt sie lächelnd.

Bürgerbefragung bleibt ohne große Rückmeldung

15 bis 17 ihrer Arbeitsstunden lassen sich aus den 10000 Euro, die der Verein für zwei Jahre aus dem Förderprogramm erhielt, finanzieren. Und diese Zeit hat Schmitt-Neubert sinnvoll genutzt: Sie nahm an einer Fachtagung beziehungsweise dem bundesweiten Treffen der Lokalen Allianzen teil, dessen Motto lautete „Mehr Lebensqualität vor Ort für Menschen mit Demenz“ und initiierte dann in Amöneburg eine Bürgerbefragung. Was eine demenzfreundliche Kommune für die Menschen bedeute, wollte sie wissen und fragte auch, wer den Weg in diese Richtung mitgehen wollte. Die Resonanz war allerdings gering - und so steht das Informieren im Vordergrund.

In jedem Stadtteil Amöneburgs fand ein Informationsabend statt. Im Schwesternhaus gab es des Weiteren eine Ausstellung mit dem Titel „Demensch“, die sich gleichermaßen humorvoll wie auch feinfühlig mit der Krankheit auseinandersetzte. Außerdem wurde eine „Moment-Gruppe“ gegründet, die Menschen in Bewegung hält.

Zudem rief Schmitt-Neubert drei runde Tische ins Leben: An einem tagt die Arbeitsgruppe Bürgerhilfe, am nächsten die Bürgerhelfer selbst und am dritten die Pflegedienste - die sie am liebsten vernetzen würde. Das Angebot der Pflegedienste sei schließlich verschieden, erklärt die Moderationskraft: „Die einen machen keine Betreuung und Hauswirtschaft, aber Wundbehandlung. Andere haben eine andere Angebotszusammensetzung.“ Eine Vernetzung würde die Zusammenarbeit nicht nur fördern, sondern auch erleichtern - und vor allem den Menschen zugutekommen.

Der runde Tisch der Pflegedienste scheint jedenfalls vielversprechend zu verlaufen: Die beteiligten Initiativen zeigten Willen zur Kooperation, und ihr Konkurrenzdenken sei „recht moderat“, so Schmitt-Neubert, die sich darüber freut, dass die professionellen Pflegedienste erkannt hätten, dass die Bürgerhelfer ihnen keine Arbeit wegnehmen und sie auch akzeptierten - was förderlich für einen großen runden Tisch sein dürfte, an dem die Teilnehmer der bisherigen runden Tische zusammenkommen sollen.

Schulungen für Experten und Laien sind geplant

Für Ende November ist ein weiterer runder Tisch geplant, an dem sich Angehörige von Demenz-Erkrankten austauschen können. Noch dazu will Schmitt-Neubert Arztpraxen, Apotheken, Physiotherapeuten und podologische Praxen zusammenbringen: „Wir möchten sie mehr darüber informieren, wie sie mit den Menschen umgehen sollten und was es für spezielle Angebote oder Pflegestützpunkte gibt“, erläutert sie. Vorgesehen sei, eine Schulung anzubieten, um die Mitarbeiter der Praxen zu sensibilisieren: „Es gibt kleine Zeichen, an denen man erkennen kann, wie sich Menschen in der ersten Phase der Erkrankung verändern.“ Besonders an diesen Stellen sei ein großes Maß von Aufmerksamkeit von hoher Bedeutung, wirft Christina Stettin, Koordinationskraft der Mardorfer Bürgerhilfe und Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Marburg-Biedenkopf, ein und erläutert: „Eine Apotheke ist für alte Menschen oft die erste Anlaufstelle bei Problemen. Das Gleiche gilt für Physiotherapeuten, die meist regelmäßigen Kontakt zu den Senioren haben und ihre Entwicklung somit verfolgen können.“

Von hoher Bedeutung sind allerdings auch die Anlaufstellen des täglichen Lebens, die nicht zum erweiterten Kreis derer gehören, die sich beruflich mit erkrankten Menschen auseinandersetzen: Die Rede ist von Bäckereien, Metzgereien oder anderen Geschäften, die täglich aufgesucht werden. Was kann zum Beispiel die Verkäuferin in einer Bäckerei tun, wenn eine Frau mehrfach gleich zweimal an einem Tag vorbeikomme, um Brot zu kaufen? Oder was solle der Busfahrer machen, wenn sich ein Fahrgast nicht erinnern kann, wo er aussteigen muss?

Infoblatt soll Grundlagen für den Umgang enthalten

Stettin und Bürgerhelferin Inge Eismann-Nolte haben besonders für diesen Personenkreis ein Infoblatt entwickelt, mit dem sie Menschen für den Umgang mit Demenzkranken sensibilisieren wollen. Geplant ist, diese zu verteilen, die Geschäftsleute auf diese Art zu informieren und zu sensibilisieren und, wenn gewünscht, auch zu schulen, betont Stettin. Ihr Traum ist es, ein Logo zu entwickeln, mit dem sich die Geschäfte und Einrichtungen, die an den speziellen Schulungen teilnahmen, als „demenzfreundlich“ ausweisen könnten.

Vorgesehen ist auch, Kindern Demenz zu erklären: „Sie müssen schließlich auch erfahren, was mit Opa oder Oma passiert ist und warum sie auf einmal vieles vergessen oder nicht wissen“, erklärt Schmitt-Neubert. Dies soll über das Projekt „Kidzeln“ geschehen, das die Demenz-Initiative Nordrhein-Westfalen und die Alzheimer-Gesellschaft im Kreis Warendorf ins Leben gerufen haben.

Das große Ziel der Lokalen Allianz Mardorf ist es, am Ende des langen Weges ein Heft herauszugeben, das sozusagen das „Rundum-sorglos“-Paket bietet und Angehörige über alles informiert, was sie über Demenz und den Umgang damit wissen müssen. Ein Jahr lang bekommt der Bürgerverein noch Fördermittel - das Projekt soll aber in jedem Fall auch über diese Zeit hinaus weiterlaufen.

von Florian Lerchbacher

Von Redakteur Florian Lerchbacher

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