Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Im Vordergrund steht das Ankommen

Junge Flüchtlinge Im Vordergrund steht das Ankommen

Mit einem fröhlichen "Hallo" und einem "Willkommen" öffnen Jugendliche ihren Besuchern die Tür ihrer Einrichtung in Halsdorf. Diese Jugendlichen sind erst wenige Wochen in Deutschland. Ihre Reise ist noch nicht zu Ende.

Voriger Artikel
Fritz übernimmt Kompanie
Nächster Artikel
Die Spannung steigt von Tag zu Tag

Massi (von links), Jamur und Sayof teilen sich in Halsdorf zurzeit eines der Zimmer. Sie haben sich dort erst vor einigen Tagen kennengelernt. Fotos: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Halsdorf. Hinter der Bezeichnung „ION-Halsdorf“ verbirgt sich eine Einrichtung für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, so die offizielle Bezeichnung für die Jugendlichen, die eine oft gefahrvolle Reise hinter sich haben. Nach deutschem Recht fallen sie damit unter die Obhut der Jugendbehörden.

Seit dem 20. Januar finden einige dieser Jugendliche in Halsdorf ihren ersten Anlaufpunkt, im Haus der früheren Gaststätte „Zur goldenen Aue“. Wer als Gast hereinkommt, der merkt kaum noch, welchem Zweck das Gebäude früher diente. Es gibt große Aufenthaltsräume, eine offene Küche. Hier bereiten die Jugendlichen, die dort leben, gemeinsam mit ihren Betreuern Frühstück und Abendbrot zu. Zwischen einem Tag und vier Wochen, so die bisherigen Erfahrungen des Betreibers „Social Services“, bleiben die Jugendlichen in ihrer ersten Anlaufstelle. Tagesaktuell leben dort elf. „Die Zahl schwankt sehr“, erklärt Gani Emini vom Betreiber, der der OP die Einrichtung vorstellt. Bis zu 22 Jungen können maximal in der früheren Gaststätte zeitgleich wohnen.

Etwa 50 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren haben bisher in Halsdorf in der Einrichtung gelebt. Ihr Weg führt sie danach in dauerhafte Bleiben in der gesamten Republik, zuletzt zum Beispiel nach Rostock und Stuttgart. Dort leben sie dann in festen Wohngruppen, wie es sie auch im Kreis gibt.

In Deutschland werden nicht volljährige, unbegleitete junge Flüchtlinge umgehend aus den Erstaufnahmeeinrichtungen wie in Neustadt herausgeholt. Sie brauchen besondere Betreuung. Ihr erster Weg führt sie dann in Häuser wie in Halsdorf, die sogenannten Clearingstellen. „Es ist ein erstes an die Hand nehmen, was wir leisten können. Wir möchten, dass die Jugendlichen ankommen“, sagt Emini. Die eigentliche Integrationsarbeit beginnt erst danach. In Halsdorf geht es um das erste „Ankommen“ in einem fremden Land mit anderer Kultur und anderer Sprache.

Eines will „Social Services“ als Betreiber den Jugendlichen gleich zu Beginn vermitteln: „Wir machen ihnen immer wieder klar, dass nichts so wichtig ist wie das Erlernen der deutschen Sprache“, erklärt Emini. Folgerichtig beginnt der Tag nach dem Frühstück mit Unterricht in Deutsch, Englisch und Mathematik, und das bis zum Mittagessen.

An der Tür, am Fernseher und an vielen anderen Stellen hängen kleine Schilder. Auf ihnen steht, wie der jeweilige Gegenstand auf Deutsch genannt wird. Eine ganz praktische Hilfe für die Jugendlichen.

Beim Besuch sitzen viele Jugendliche an den aufgestellten Rechnern im kleinen Internetcafé. Auf den Bildschirmen sind beispielsweise Nachrichten von „BBC Afghanistan“ zu lesen, ein anderer Jugendlicher hat via Facebook Kontakt mit Freunden in Syrien aufgenommen. Am Tischkicker liefern sich sechs Jugendliche ein kleines Match, bevor es eine halbe Stunde später nach draußen auf den Fußballplatz geht. Zum Bolzen.

Unter den Kickern ist auch ein 13-jähriger Syrer. Er lebt schon vier Wochen in Halsdorf, war am Anfang ganz still. Viel wissen die Betreuer nicht über seine Fluchtgeschichte. „Jetzt lacht er zumindest wieder“, sagt einer der Betreuer, der ihn seitdem begleitet. Die psychische Verfassung, in der die Jugendlichen in Halsdorf ankämen, sei sehr unterschiedlich, berichtet Emini. Zu den ersten Terminen jedes Einzelnen gehört der medizinische Gesundheitscheck. Ansonsten brauchen die in Deutschland gerade erst angekommenen jungen Menschen eine Grundausstattung, Kleidung und Hygieneartikel zum Beispiel.

Ohne Regeln geht es in der Clearingstelle nicht. Die Jugendlichen haben Tisch- und Fegedienst, für den Unterricht und alle anderen Angebote gibt es feste Zeiten. Ab 22 Uhr ist Nachtruhe angesagt. Das klappt bis auf wenige Einzelfälle auch gut, wie Emini berichtet. Das Haus ist rund um die Uhr von Betreuern besetzt, die sich kümmern und bei Bedarf parat stehen, etwa, wenn ein Jugendlicher krank wird - oder vielleicht nur einsam ist. Einzelne Betreuer sprechen auch verschiedene Landessprachen.

Jamur kam aus Afghanistan nach Deutschland. Sein Englisch ist noch nicht sehr gut, auf Deutsch kann er aber zumindest einige wichtige Worte sagen, „guten Tag“, „danke“ oder „Wiedersehen“ zum Beispiel. „Ich möchte gerne sehr viel lernen“, sagt Jamur. Doch ob er das in Deutschland auf Dauer kann, weiß er wie viele andere Jugendliche noch überhaupt nicht. Bis er seinen Asylantrag stellen kann und über ihn entschieden ist, wird noch viel Zeit vergehen.

Die Jugendlichen teilen sich Mehrbettzimmer. Jeder hat einen eigenen Spind. Vor dem Einzug hat „Social Services“ das Haus renoviert und zum Beispiel Küche und Bäder komplett erneuert.

An Wochenenden planen die Betreuer kleine Ausflüge in die nähere Umgebung, etwa nach Frankenberg oder Marburg. Sie besuchen auch die Moscheen, etwa in Stadtallendorf, wenn die Jugendlichen es möchten. Auch dieses Angebot gehört zur Arbeit der Clearingstelle.

In Halsdorf fühlt sich das Betreuerteam sehr gut aufgenommen. Am Vortag gab es gerade Besuch aus dem Ort. Gemeinsam mit Jugendlichen gab es ein gemeinsames Kuchenbacken. Viele Halsdorfer fänden es schade, dass die Jugendlichen nicht länger blieben, doch das sei eben nur bei klassischen Wohngruppen möglich. „Auch die Betreuer können in der kurzen Zeit kaum Bindungen aufbauen“, erklärt Emini. All das passiert dann in den Einrichtungen, wo die Jugendlichen auf Dauer leben. Doch nicht jeder fühlt sich dort sofort wohl. Es gab auch schon den Fall, dass ein Jugendlicher ausriss und nach Halsdorf zurückkehrte. Bleiben konnte er dort aber nicht. Seine Reise in Deutschland war noch nicht zu Ende.

Bürgermeister Peter Hartmann stellt der Einrichtung in Halsdorf aus Sicht der Gemeinde für die ersten drei Monate ein sehr gutes Zeugnis aus: „Es gab überhaupt keine Probleme.“ Im September, als feststand, dass der Landkreis als Jugendhilfe-Behörde eine solche Clearingstelle in Halsdorf plant, gab es zunächst viele Fragen und auch Ängste. Viele Halsdorfer hätten Ende Januar überhaupt nicht bemerkt, dass die Einrichtung inzwischen eröffnet sei, berichtet Hartmann.

Schon vor dem Start hatte sich ein ehrenamtlicher Arbeitskreis für die Unterstützung der Einrichtung in der früheren Gaststätte gebildet. Dieter Engel, Pfarrer Matthias Weidenhagen wie auch Hartmann fungieren abwechselnd als Sprecher. Auch Dieter Engel erzählt davon, wie reibungslos das Miteinander im Dorf bisher funktioniert hat. „Und ich gehe fest davon aus, dass dies auch so bleibt“, sagt er. 20 Halsdorfer engagieren sich. Es gab bereits zwei Begegnungstreffen mit Jugendlichen. Weitere sind geplant. Der Arbeitskreis sei sehr aktiv. Ideen für weitere gemeinsame Aktionen mit den jungen Menschen gibt es reichlich. Auch die Ehrenamtlichen bedauern es ein wenig, dass sie anders als etwa bei den Unterkünften in Wohra, in denen erwachsene Flüchtlinge leben, keine Chance haben, wirkliche Kontakte aufzubauen. Doch das tut ihrer Einsatzfreude keinen Abbruch. „Mein Eindruck ist, dass die Einrichtung sehr professionell geführt wird und sich die Jugendlichen dort sehr wohl fühlen“, sagt Engel.

ZAHLEN

Ende März lebten in Hessen nach Angaben des Sozialministeriums gegenüber der OP exakt 6372 „unbegleitete minderjährige Ausländer“. Im Landkreis werden nach Angaben von Kreissprecher Dr. Markus Morr derzeit 156 minderjährige jugendliche Flüchtlinge, die in Wohngruppen an verschiedenen Standorten leben, betreut. Hinzu kommen 13 Jugendliche in Erstaufnahme wie in Halsdorf. Hinzu kommen die in Marburg betreuten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge.

von Michael Rinde

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr