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Im Viehwaggon von Ungarn nach Wohra

Geschichte Im Viehwaggon von Ungarn nach Wohra

Die Geschichte, die Imre Rimpfl von seiner Vertreibung aus der ungarischen Heimat erzählt, hinterlässt Spuren und besitzt noch heute die Kraft, starke Gemütsbewegungen auszulösen.

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Vieles im Haus von Imre Rimpfl erinnert an die ungarische Heimat, so das Bild der Kirche in seinem Heimatort.

Quelle: Waldhüter

Kirchhain. Auf den Tag genau am 18. Mai vor 70 Jahren erreichte Imre Rimpfl, nach einer sechstägigen Reise ins Ungewisse, zusammen mit 26 Familienmitgliedern und hunderten Vertriebener den Bahnhof in Kirchhain. Achteinhalb Jahre alt ist der Junge damals. Auf der Transportliste ist er als Emmerich aufgelistet, der deutschen Übersetzung des ungarischen Vornamens.

Geboren wird Imre am 2. Oktober 1937 im Heilbad Balf (deutsch: Wolfs). Zahllose Familien ereilt 1946 das gleiche Schicksal der Vertreibung. Allein aus der Ortschaft Balf werden in nur wenigen Tagen 1345 deutschsprachige Ungarn (von insgesamt 1500 Einwohnern) aus ihrer Heimat, dem Ödenburgerland, vertrieben.

Von einem Tag auf den anderen müssen die Mitglieder der Familie Rimpfl ihre Weinberge, ihr Haus und ihr bisheriges Leben zurücklassen. Die Reise tritt die Familie ohne Vater Georg an, der zu der Zeit als verschollen galt. Imre Rimpfl geht es nicht um seine eigene Geschichte; er will erinnern an die vielen Millionen Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren und ihre Hab und Gut zurücklassen mussten.

1944 wird Vater zwangsrekrutiert

Etwa anderthalb Jahre vor der Vertreibung rückte die deutsche Wehrmacht mit einem massiven Fahrzeugbestand in Wolfs ein. „Jetzt ist alles verspielt“, erinnert sich Rimpfl an die Worte seines Vaters. Im September 1944 erfolgt die Zwangsrekrutierung des Vaters, der damals 32 Jahre alt ist. Ihn wird Imre erst zwölf Jahre später wiedersehen.

In Budapest eingekesselt gerät der Vater verwundet in Gefangenschaft. Nach fünf Jahren wird er nach Ungarn entlassen. Dort muss er als Internierter beim Bau eines Staudamms mithelfen. Dem Vater gelingt es später, das Haus zurück in den Besitz der Familie zu führen.

„Wir waren zufriedene Ungarndeutsche und hatten mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun“, erklärt Rimpfl, der bis heute nicht die heimatliche bayerische „Heanzen-Mundart“ verlernt hat. Am Abend des 17. Mai 1946 fährt der Güterzug mit den Heimatvertriebenen aus Ungarn in den Kirchhainer Bahnhof ein. Über Nacht bleibt er im Bahnhof stehen und die Reise wird am nächsten Morgen in Richtung Wohra fortgesetzt. Die Familie kommt am 18. Mai in Josbach an.

Noch heute erinnert sich der 78-Jährige genau daran, wie die „Neubürger“ wenige Tage vor der Vertreibung auf den heimatlichen Hof nach Wolfs kamen und das Hab und Gut der Familie als ihr Eigentum betrachteten. Er erinnert sich noch an den Viehwaggon mit den kleinen vergitterten Fenstern und den zu Bergen aufgetürmten Habseligkeiten der Reisenden.

Trotz Platznot Vertriebene aufgenommen

Um sich die Zeit während der sechstägigen Reise zu vertreiben, seien die Kinder auf die Waggons geklettert und mit dem Ruß der Dampflok überzogen worden. „Ach, die kommen aus Ungarn. Dreckig sind sie auch, das sind Zigeuner“, sind die ersten ­Worte, die er in Josbach zu hören bekommt. In Josbach kommt er mit seiner Mutter bei der Stellmacherfamilie Heinrich Dietrich unter. Obwohl das Haus voll besetzt ist, macht die Familie ein Zimmer frei und nimmt die Vertriebenen auf. Seine Schwester und die Großmutter finden Quartier bei einer anderen Josbacher ­Familie.

Die Mutter beginnt, zunächst für das eigene Essen, später für einen kleinen Lohn, in der Landwirtschaft zu arbeiten. „Das war ja unser Metier“, so Rimpfl. „Am Samstag sind wir angekommen, am Montag hat mich die Mutter in die Schule geschickt“, sagt Rimpfl. Gleich am ersten Tag sei er verprügelt worden und; die Stigmatisierung als „Zigeuner“ bleibt.

Im Jahre 1956 steht der Vater plötzlich vor der Tür in Josbach. Doch die Familie findet nicht mehr zusammen. Im Frühjahr 1958 geht der Vater über Österreich zurück nach Ungarn. Sechs Jahre später hat die Familie zum ersten Mal die Möglichkeit, sich in der Heimat wiederzusehen.

Rimpfl macht eine Schlosserlehre, geht für 15 Jahre zur Bundeswehr und wird Fahrlehrer. Gleichzeitig macht er ein Staatsexamen als Krankenpfleger. „1967 zieht die Familie ins Eigenheim nach Kirchhain. 53 Jahre lang ist Imre Rimpfl Fahrlehrer.

Sohn und Tochter leben nicht nur gemeinsam mit ihm in der Breslauer Straße, in dem so vieles an die ungarische Heimat erinnert, sondern sind auch beide Fahrlehrer geworden.

von Karin Waldhüter

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