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Im Gasthaus fing alles an

Hiltrud Pitz seit 60 Jahren an der Orgel Im Gasthaus fing alles an

Seit 1956 weiß Hiltrud Pitz, was sie am Sontagmorgen zu tun hat: Sie spielt in Kleinseelheim zu den Gottesdiensten die Orgel. Am kommenden Sonntag hat sie Pause - aus besonderem Grund.

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Hiltrud Pitz sitzt auf der Orgelbank in der Kleinseelheimer Kirche. Schon als Zwölfjährige versah sie an der barocken Heinemann-­Orgel den Organisten-Dienst. Foto: Matthias Mayer

Kleinseelheim. Kleinseelheim. Dann jährt sich zum sechzigsten Mal der Tag, an dem Hiltrud Pitz zum ersten Mal in ihrem Dorf den Organistendienst versah. Das wird am Sonntag ab 14 Uhr mit einem musikalischen Festgottesdienst gefeiert, bei den Hiltrud Pitz im Kreise ihrer Familie im Kirchengestühl sitzen wird. Die Musik machen dann andere. Die Liturgie gestalten Pfarrerin Evelyn Koch und Pfarrer Helmut Golin. Im Vorfeld dieses wahrlich außergewöhnlichen Jubiläums besuchte die OP die Organistin - selbstverständlich an deren Arbeitsplatz. Und der ist zwar ziemlich dunkel, aber sonst wunderschön.

Schon der Türbeschlag der 1665 erbauten und 1905 im neobarocken Stil erweiterten Kirche ist ein wahres Kunstwerk. Im Inneren fällt der Blick sofort auf den Altar, den ein Holzkreuz aus dem 17. Jahrhundert krönt. Hoch über dem Altar befindet sich die vom Laubacher Orgelbaumeister Johann Andreas Heinemann 1758 erbaute Orgel. Neben dem Altar steht die um 1700 gefertigte Kanzel. Feine Ausmalungen an Empore, Kanzel, Triumphbogen und Orgel setzen zusammen mit den schönen Buntglasfenstern die farblichen Akzente.

In der Kirche wird gerade 10 Uhr geläutet. Das geschieht in Kleinseelheim noch per Hand. Neben dem Glöckner erwartet Hiltrud Pitz den Besucher von der OP. Behände steigt sie die extrem steile und zudem noch gewendelte Stiege zur Orgel rauf. Auf die Orgelempore fällt durch das Auferstehungsfenster etwas Tageslicht. Die Jubilarin nimmt auf der gepolsterten Orgelbank Platz und erzählt von ihren musikalischen Anfängen.

Ihre Schilderung in Kurzform: Weil ihr im Krieg gefallener Vater hochmusikalisch war, meldete ihre Mutter sie zum Klavierunterricht an. Der fand damals im Kleinseelheimer Gasthaus statt, weil es dort ein Klavier gab. Dort übte die junge Klavierschülerin, bis ihr die Mutter ein gebrauchtes Klavier kaufte. Das sollte leider nicht lange halten - ein Rahmenbruch machte das Instrument unspielbar. Mit 19 erhielt sie ein hochwertiges Steinweg-Klavier, an dem sie sich noch heute vorbereitet. Aber zu diesem Zeitpunkt war sie längst Organistin.

Das kam so: Frühzeitig nahm die damalige Kleinseelheimer Organistin die junge Klavierschülerin mit an die Orgel und erteilte ihr und einer Mitschülerin Orgelunterricht. „Vom ersten Tag an mit Pedal, da kannte sie nichts“, erinnert sich Hiltrud Pitz.

„Nun mach mal. Du kannst das schon“

Und die Organistin, die Probleme mit ihren Beinen bekam, sollte alsbald eine noch größere Überraschung für ihre Schülerin parat haben. Sie überreichte Hiltrud Pitz von jetzt auf gleich den Orgelschlüssel mit den Worten „Nun mach mal. Du kannst das schon.“ Da war Hiltrud Pitz erst zarte zwölf Jahre alt.

An ihre Aufregung vor dem ersten Gottesdienst kann sich die vitale und temperamentvoll Frau noch sehr gut erinnern. „Wir hatten an dem Sonntag einen Vertretungspfarrer aus Kirchhain. Die Frau von der Post brachte mir am Samstag die Liednummern, denn wir hatten kein Telefon. Die Lieder habe ich dann geübt“, erzählt Hiltrud Pitz.

Dass da plötzlich ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen auf der Orgelbank saß und vor der ganzen Dorföffentlichkeit spielte, nahmen nach ihrer Erinnerung nur wenige Kleinseelheimer zur Kenntnis. „Reaktionen auf mein Alter gab es eher von den Auswärtigen“, sagt Hiltrud Pitz, die von Anfang an damit leben musste, dass die Pfarrer bei der Liedauswahl nie auf den Schwierigkeitsgrad Rücksicht nahmen. Dabei hatte die Orgel-Novizin ohnehin mit einem Problem der Orgel zu kämpfen. Hiltrud Pitz: „Die ist von jeher um einen halben Ton zu hoch gestimmt. Deshalb muss ich transponieren“ (die Tonart verändern, die Red.). Mit Talent, Fleiß, Disziplin und Zuverlässigkeit behauptete sich Hiltrud Pitz nicht nur in Kleinseelheim, sondern erweiterte ihren Wirkungskreis nach dem erfolgreichen Ablegen der C-Prüfung 1965 in Schlüchtern erheblich.

Praktisch in allen Kirchen des ehemaligen Dekanats Kirchhain hat sie vertretungsweise gespielt. Im eigenem Kirchspiel ist sie ohnehin ständig unterwegs, in katholischen Gemeinden hilft sie aus, und seit 1975 spielt sie praktisch zu allen Beerdigungsgottesdiensten in Kirchhain.

Zwischen Familie,Bauernhof und Orgelbank

Die verheiratete Mutter von zwei Söhnen bewirtschaftet mit ihrem Mann einen Bauernhof. Für die 72-Jährige ist es der Hof, der ihr ermöglicht, auch werktags zu unterschiedlichen Zeiten bei Gottesdiensten zu spielen. „Es gibt Arbeiten auf dem Hof, die nicht an bestimmte Uhrzeiten gebunden sind. Das gibt mir Flexibilität, die bei Arbeitgebern fest angestellte Organisten nicht haben“, so Pitz.

Zugleich ist der Hof verantwortlich dafür, dass die sonntäglichen Gottesdienste nie zum innerfamiliären Streitthema wurden. „Wegen der Tiere können wir über das Wochenende ohnehin nicht weg“, stellt sie nüchtern fest. In ihrem Mann hat sie zudem auch in Sachen Kirchenmusik einen­ treuen Helfer an ihrer Seite. Wenn Gottesdienste in einem Kirchenraum ohne Orgel stattfinden, transportiert er die gemeindeeigene elektronische Orgel zum Einsatzort.

Hiltrud Pitz ist es nicht unrecht, dass sie weiter so stark gefordert ist. Vor einer mehrwöchigen Spielpause hat sie regelrecht Angst. „Es lässt sich nicht leugnen: Die Finger verlieren im Alter an Beweglichkeit. Deshalb muss ich ständig dranbleiben“, sagt die Organistin, für die weit und breit kein Nachfolger in Sicht ist.

Ihr Einsatz gilt auch „ihrer“ Kirche und „ihrer Orgel“. Geradezu zärtlich spricht sie vom „Kleinseelheimer Dom“ und würdigt die Qualitäten der 1975 vom Marburger Orgelbaumeister Gerald Woehl originalgetreu restaurierten Barock-Orgel, die als einzige Konzession an die Neuzeit einen Elektromotor hat, der den Blasebalg mit Luft versorgt. Elektronische Registrierhilfen? Fehlanzeige. In der Orgel arbeitet alte Mechanik. Besonders stolz ist die Organistin auf das Salcional 8 Fuß, ein relativ seltenes und leises Register. Dagegen meidet sie die Mixtur. „Die ist mir einfach zu laut“, sagt sie bestimmt. Und dann erweckt Hiltrud Pitz fünf Stimmen ihrer Orgel zum Leben und intoniert ihren Lieblingschoral: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“ Zwölf Strophen hat das Werk von Paul Gerhardt. „Es singt sich nicht so gut, ist mir vom Text her aber wichtig. Ich fühle mich in diesem Lied sehr geborgen“, verrät Hiltrud Pitz. Vielleicht ertönt das Lied am Sonntag zu ihren Ehren.

von Matthias Mayer

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