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"Ihr könts nicht schrecklicher vorstellen"

1. Weltkrieg "Ihr könts nicht schrecklicher vorstellen"

Immer wieder bittet Joseph Preis sein "liebes Mütterchen", ihm Essen und Geld ins Kriegsgebiet zu schicken. Der bedrückende Briefwechsel lag fast 100 Jahre auf einem Dachboden verborgen.

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Alfred Schneider zeigt den Sonderdruck, auf dessen Deckblatt ein Foto des Soldaten Joseph Preis und seiner Mutter Anna Gertrud Benner zu sehen ist.Foto: Florian Lerchbacher

Amöneburg. „Mich hat die Wärme beeindruckt, mit der Mutter und Sohn sich schrieben“, sagt Dr. Alfred Schneider, Leiter des Amöneburger Museums, der einen Sonderdruck mit dem Titel „Mein liebes Mütterchen“ herausgegeben hat. Im Mittelpunkt des Heftes steht der Briefwechsel des Roßdorfer Musketiers Joseph Preis mit seiner Mutter Anna Gertrud Benner, der fast 100 Jahre lang in einem hölzernen Kästchen auf einem Dachboden lag. Dann entdeckte ihn Josef Jansen, der Sohn von Benners Adoptivtochter Maria Bieker, wieder und übergab die Schriftstücke an Schneider, der wiederum mit der Sütterlinschrift vertraut ist und die Briefe transkribierte.

Sie geben einen Einblick in das Leben und Leiden eines Soldaten und seiner Mutter. Der Museumsleiter bezeichnet sie als Schätze, an denen er unbedingt seine Mitmenschen teilhaben lassen wollte - Grund genug, einen weiteren Sonderdruck herauszugeben.

Und der hat es in sich: „Jetzt habe ich erst richtig ausgemacht, was heißt Soldat zu spielen“, schrieb Joseph Preis im Februar 1914 in seinem ersten Brief aus Belgien an seine Mutter, in dem er über Hunger und Geldsorgen klagt. „Ihr glaubt nicht, was es kostet; es ist hier alles zu teuer in Feindesland“, betonte er Anfang des Jahres 1915.

Zwei Monate später litt er nicht nur Hunger, sondern auch noch unter Taubheit auf einem Ohr und einem schmerzenden Arm. Im Brief offenbarte er, wie schlimm es um ihn bestellt sei - im realen Leben musste er sich durchbeißen: „Vor drei Wochen kriegt ichs in die Ohren, da ging ich ins Revier und da wurde ich barsch angeredet, da fiel mir schon das Herz in die Schuh. Hier soll man überhaupt nicht krank werden und das kann doch vorkommen. (…) Liebe Mutter, wenn man krank ist und tut kein Dienst, da wird man nur bös angekukt, (…)“ Noch trauriger wird der Einblick in sein Leben jedoch, als Joseph Preis seiner Mutter im März 1915 direkt aus dem Schützengraben schrieb. Seine Kompanie war in einem Acker positioniert - frisches Gemüse in greifbarer Nähe. Allerdings lagen zwischen den Gräben Leichen von Soldaten - und dies bereits seit fast vier Monaten: „Ihr könts gar nicht schrecklicher vorstellen, ich glaube es auch nicht.“

In diesen Tagen verstärkte die Nachricht vom Tod seines zweiten Bruders - der erste war bereits gestorben - das Heimweh des Musketiers: „Ich bete jeden Tag und spreche mehr wie hundert mal Liebes Gottchen, laß mich doch mein armes, gutes Mütterchen wiedersehen.“

Dieser Wunsch des Soldaten ging allerdings nicht in Erfüllung: Die Not wurde größer, der Hunger nahm weiter zu und die Sehnsucht nach der Heimat wuchs. „Liebes Mütterchen, vergiß mich aber auch nicht, wenn ich vielleicht fallen sollte und mein Leib in fremder Erde ruht“, schrieb Preis Mitte April. Am 2. Mai 1915 fiel in der zweiten großen Flandernschlacht nahe St. Julien. Und die Mutter vergaß ihn auch nicht: Nach Kriegsende lieh sie sich in Erksdorf ein Pferdefuhrwerk aus, machte sich auf den Weg nach Belgien und holte den Leichnam ihres letzten Sohnes zurück nach Roßdorf, wo er in der Familiengruft seine letzte Ruhestätte fand.

Der Sonderdruck ist erhältlich bei Alfred Schneider, Telefon 06422/2474.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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