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„Ich hab‘ vielleicht gesagt, ,ich hau Dir auf die Fresse‘"

Aus dem Amtsgericht „Ich hab‘ vielleicht gesagt, ,ich hau Dir auf die Fresse‘"

Die Zuhörer im Kirchhainer Amtsgericht wähnten sich im Unterschichten-Programm privater TV-Sender. Doch was im Saal 116 aufgeführt wurde, war tatsächlich ein Stück aus dem wirklichenLeben.

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Gleich vier Zeugen gab es für das Telefonat mit der angeblichen Morddrohung, weil dieses über eine Handy-Konferenzschaltung geführt worden war. 

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Auf der Anklagebank sitzt ein 26-jähriger Gebäudereiniger aus dem Ostkreis. Die Anklage, vertreten durch Oberamtsanwalt Reinhard Hormel, wirft ihm vor, am 24. Juli 2012 seine in Kirchhain lebende kleine Schwester telefonisch mit dem Tod bedroht zu haben. „Ich bring‘ Dich um. Du sollst nicht lügen“, soll er gesagt haben. Das streitet der junge Mann ab. „Ich hab‘ vielleicht gesagt, ,ich hau Dir auf die Fresse“‘‚ gibt er gegenüber Richter Joachim Filmer seine Wortwahl wieder.

Zu diesem Zeitpunkt steckt die Beweisführung schon in einer Sackgasse, denn die Belastungszeugin, die kleine Schwester, hat es vorgezogen, der Ladung des Gerichts nicht zu folgen. Unter Hinweis auf eine drohende Ordnungsstrafe bittet das Gericht die 48-jährige Mutter der beiden Streithähne, ihre Tochter telefonisch zur Hauptverhandlung zu bestellen. Das gelingt im zweiten Anlauf: Die 17-Jährige betritt verspätet den Gerichtssaal, ohne ihren Bruder eines Blickes zu würdigen.

In der Zwischenzeit hat der Angeklagte den Hintergrund des fraglichen Telefonats erläutert. Und der hat es wirklich in sich. An besagtem Tag habe er vom Gericht einen Brief bekommen. Inhalt des Schreibens: Seine Schwester beschuldige ihn, sie in der Wohnung der Mutter neunmal vergewaltigt zu haben. Diese aus der Luft gegriffene Beschuldigung habe ihn in Rage versetzt, bekennt der Angeklagte mit schwerer Zunge.

Ex-Ehemann der Freundin hatte was mit der Schwester

In der Tat hat es ein Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs der neunfachen Vergewaltigung gegeben. Die heute 17-Jährige hat die vermeintlichen neun Vergewaltigungen in einer richterlichen Vernehmung detailliert beschrieben und auch einen Ort für das Geschehen benannt: Eine Kammer, in der die Waschmaschine der Familie steht. Weil es Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Mädchens gab, wurden die Ermittlungen eingestellt.

Wie kommt es zu derart tiefgreifenden Verwerfungen zwischen Bruder und Schwester? Die Hauptverhandlung bringt keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Vielleicht kann das merkwürdige Beziehungsgeflecht in der Familie einen Hinweis auf die Gründe geben.

Der Bruder war zur angeklagten Tatzeit mit einer heute 32-jährigen Frau zusammen, deren Ex-Ehemann wiederum 2011 eine Beziehung mit der damals 15-jährigen Schwester einging. Sie habe wegen dieser Beziehung Differenzen mit dem Mädchen gehabt, sagt die 32-Jährige im Zeugenstand. „Ich werde alles dafür tun, das Leben meines Bruders kaputtzu- machen“, zitiert die Zeugin eine Aussage des Mädchens und ergänzt: „Sie lügt sehr viel und hetzt alle aufeinander.“

Die 32-Jährige gibt an, über eine Handy-Konferenzschaltung Ohrenzeugin des fraglichen Telefonats gewesen zu sein. Ihr damaliger Partner sei zu Recht aufgebracht gewesen. Es habe gegenseitige Beleidigungen gegeben, aber „mit 100-prozentiger Sicherheit keine Todesdrohungen“, legt sie sich fest.

„Im Prinzip bedroht er mich immer“

Das bestätigt auch die Mutter, die gleichfalls über die Konferenzschaltung Ohrenzeugin des Gesprächs war. „Mädchen, wenn ich Dich erwische, dann schlage ich Dir in die Fresse“, habe ihr aufgebrachter Sohn zu seiner Schwester gesagt. Auf Nachfrage des Gerichts weist sie die Vergewaltigungsvorwürfe in den Bereich der Fabel. Ihre Tochter habe nie entsprechende Andeutungen gemacht. Und die besagte Kammer komme unmöglich für ein solches Geschehen in Frage. Diese sei ohne trennende Tür direkt mit der Küche verbunden, die wiederum wegen ihrer Eigenschaft als Raucherraum stets frequentiert werde.

„Im Prinzip bedroht er mich immer“, gibt die 17-Jährige im Zeugenstand zu Protokoll. Zugleich stellt sie fest, dass es die im Polizeiprotokoll festgehaltene Morddrohung nicht gegeben hat. „Das mit dem Umbringen sagt doch jeder mal, wenn er sauer ist“, erklärt sie. Und auf Nachfrage des Gerichts bekennt sie, nie von ihrem Bruder geschlagen worden zu sein. Gleichwohl habe sie Angst davor, ihm einmal allein auf der Straße zu begegnen.

Damit hat sich die Morddrohung im Nichts aufgelöst und der Freispruch für den Angeklagten durch Richter Joachim Filmer ist nur noch eine Formsache.

Für den Angeklagten wiederum ist die Angelegenheit mit dem Freispruch auf Kosten der Staatskasse noch nicht erledigt: „Ich hätte heute neuneinhalb Stunden arbeiten können. Das ist viel Geld für mich. Das bezahlst Du mir“, sagt er an die Adresse seiner Schwester. Von geschwisterlichem Friedensschluss keine Spur.

von Matthias Mayer

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