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Hoffnung für ein verpfuschtes Leben?

Drogenabhängiger vor Gericht Hoffnung für ein verpfuschtes Leben?

Was fängt ein 57-jähriger Ladendieb mit zehn Packungen Wimperntusche an? Die Antwort auf diese Frage stand dem Angeklagten, der sich vor dem Kirchhainer Amtsgericht verantworten musste, ins Gesicht geschrieben.

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Eine Apothekerin zeigt die Substanz, aus der der Drogenersatzstoff Methadon gewonnen wird. Das starke Schmerzmittel wird als Heroin-Ersatzstoff eingesetzt. Foto: David Hecker

Quelle: David Hecker

Kirchhain. Tief liegende Augen, ein eingefallenes Gesicht, ein ausgezehrter Körper, schleppender Gang und ein ausgeprägter Fatalismus - der verheiratete Familienvater von vier Kindern offenbarte gleich mehrere Merkmale eines Langzeit-Junkies. Drogenkranke sind häufig darauf angewiesen, ihre Sucht mit Beschaffungskriminalität zu finanzieren. Bevorzugtes Diebesgut: Parfüm und andere Kosmetika sowie Rasierklingen. Diesen Artikeln ist gemein, dass sie relativ klein und teuer sind und sich leicht verstecken lassen. Das Diebesgut wird von den Süchtigen weit unter Wert an Personen in deren Umfeld verkauft.

Das hatte auch der Angeklagte aus dem Ostkreis vor, der am 21. Januar dieses Jahres um 17.15 Uhr in einem Stadtallendorfer Drogeriemarkt mit Wimperntusche im Gesamtwert von 99,50 Euro erwischt wurde.

Kein eigenes Einkommen

„Ich bin schuldig, was soll ich sagen?“, bestätigte der Mann den Anklagevorwurf von Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel. Als Langzeitarbeitsloser habe er kein eigenes Einkommen. Er lebe vom Verdienst seiner Frau. Die Wimperntusche habe er gegen Methadon eintauschen wollen, erläuterte er den Tathintergrund.

Zugleich berichtete er von einer aktuellen Entwicklung, die ihn aus dem Kreislauf von Sucht und Beschaffungskriminalität herausführen könnte. „Seit drei Monaten bin ich in einem Methadon-Programm“, sagte er, räumte aber auf Nachfrage von Richter Joachim Filmer ein, zwischendurch einmal Heroin konsumiert zu haben.

13 Vorstrafen

Die Sucht-Karriere des Mannes spiegelt der Zentralregister-Auszug wider. Dieser listet seit 1992 13 Vorstrafen auf, darunter acht einschlägige wegen Diebstahls. Die lange Latte einschlägiger Vorbelastung veranlasste Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel, gegen den Angeklagten erstmals wegen Diebstahls eine Freiheitsstrafe zu beantragen. Dauer: drei Monate. Zugleich beantragte er, diese Freiheitsstrafe auf drei Jahre zur Bewährung auszusetzen und dem Angeklagten als Bewährungsauflage aufzutragen, das Methadon-Programm fortzusetzen.

Richter Joachim Filmer folgte im Urteil vollständig dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Er sprach von einem nachvollziehbaren Tathintergrund und von einer angemessenen Freiheitsstrafe. „Bisher sind Sie stets mit Geldstrafen davongekommen, die immer ihre Frau bezahlt hat. Ihre Familie soll nicht länger durch Geldentzug für Ihre Straftaten büßen müssen“, verteidigte der Richter die Freiheitsstrafe zur Bewährung.

Mehr Selbstdisziplin gefordert

Joachim Filmer machte deutlich, dass die Bewährungschance auf tönernen Füßen stehe. „Sie haben Ihr Leben verpfuscht. Es ist höchste Zeit, dass Sie wieder Boden unter den Füßen bekommen“, mahnte der Richter den Angeklagten zu mehr Selbstdisziplin. „Wenn Sie wieder Heroin nehmen, fliegen Sie aus dem Methadon-Programm. Das kann Sie die Bewährung kosten“, verdeutlichte er den Ernst der Lage. Das Gericht trug dem Mann auf, regelmäßig Nachweise für seinen Verbleib in dem Methadon-Programm vorzulegen.

Das Urteil erlangte durch Rechtsmittelverzicht sofort Rechtskraft.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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