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Höflicher Schwarzfahrer muss ins Gefängnis

Verzicht auf Zeugen sichert Bahnbetrieb Höflicher Schwarzfahrer muss ins Gefängnis

Die Justiz hat gestern den Bahnreisenden zwischen Kassel und Frankfurt einen großen Dienst erwiesen und einen Kollaps auf der Strecke verhindert. Wie das? Sie verzichtete auf 10 von 19 als Zeugen geladene Zugbegleiter.

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Kirchhain. Das Amtsgericht Kirchhain hatte ursprünglich zu der Zugbegleiter-Vollversammlung in den Saal 116 geladen, um einen ebenso eifrigen wie zahlungsunwilligen Fahrgast der Deutschen Bahn einer Unzahl von Schwarzfahrten zu überführen. Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug verzichtete mit Rücksicht auf die Belange der Bahn auf 10 der insgesamt 20 Zeugen, „weil sonst der Bahnbetrieb zusammengebrochen wäre“.

Geht es um Beförderungserschleichung, wie Schwarzfahrten im Amtsdeutsch genannt werden, zeigen sich die Angeklagten in der Regel schon vor der Hauptverhandlung geständig. Dann kann ganz ohne Zeugen verhandelt werden. Und nach 20 Minuten ist meist alles vorbei. Eine geständige Einlassung hatte der 40-jährige Angeklagte, der in Handschellen aus der Strafhaft vorgeführt wurde, nicht angekündigt. Und er ist von der Justizvollzugsanstalt (JVA) für einen langen Verhandlungstag ausstaffiert worden. Darauf deutet der prall gefüllte JVA-Verpflegungsbeutel hin.

„Wir haben nur noch zehn Zeugen. Heute Abend um acht sind wir fertig“, flachst Strafverteidiger Thomas Strecker zur Begrüßung mit seinem Mandanten.

Und dann deutet tatsächlich alles auf einen langen Vormittag hin. Schon die Abarbeitung der Regularien dauerte mehr als 20 Minuten. Die Rechtsreferendarin, die die Staatsanwaltschaft in diesem komplexen Verfahren vertritt, benötigte eine knappe Viertelstunde, um stolze fünf Anklageschriften zu verlesen. Die Anklagevorwürfe: Zwischen dem 18. Juni 2014 und dem 15. Juli 2015 soll der Angeklagte 28-mal mit Zügen der Deutschen Bahn schwarzgefahren sein - dabei wurde er von den Zugbegleitern gleich zweimal am gleichen Tag erwischt. Außerdem wirft die Anklage dem geschiedenen Vater zweier Kinder vor, am 1. April 2015 in einem Marburger Kaufhaus eine Parfümflasche Chanel No 5 im Wert von 67,90 Euro gestohlen zu haben.

Der Angeklagte verfolgt den Prozess mit ostentativer Gelassenheit. Mitunter wirkt er geradezu gelangweilt, legt immer wieder den Kopf zur Seite, als wolle er gleich einschlafen. Unter der Tischplatte ein ganz anderes Bild. Mit großer Geschwindigkeit lässt er zwischen Daumen und Zeigefinger stundenlang eine Perlenkette kreiseln. Klick, klick, klick. Das ist bis in den Zuhörerraum zu hören. Dazu wippt er im Rhythmus der klickenden Perlen mit einer Fußspitze. Ein Zeichen großer Nervosität? Grund zu dieser hat der Angeklagte. Er bringt ein dutzend Vorstrafen mit in die Hauptverhandlung, hat schon drei Jahre und zwei Monate im Gefängnis verbracht. Seit dem 7. September 2015 sitzt er in Strafhaft, wo der seit 2013 von Hartz IV lebende Mann drei nicht bezahlte Geldstrafen ersatzweise absitzt. Haft-ende: 24. April 2016. Und dann steht er noch unter Bewährung.

Gleichwohl weigert er sich standhaft, auch nur eine angeklagte Schwarzfahrt einzugestehen. Als er dann auch noch von seinem Entschuldigungsbrief an das Gericht zur ersten angeklagten Schwarzfahrt nichts mehr wissen will, wird es Edgar Krug zu bunt: Er droht eine noch aufwändigere Beweisaufnahme und die Bestellung von Gutachten an.

Das wirkt. Nach einer Sitzungsunterbrechung räumt der Angeklagte über seinen Verteidiger alle angeklagten Schwarzfahrten ein. Nur den Parfümdiebstahl will er nicht begangen haben. „Der Ablauf war immer gleich: unter Alkohol und Drogeneinfluss war es ihm egal, wie er ohne Geld und Fahrkarte nach Haus kommt“, sagt Thomas Strecker.

Gleichwohl werden die Zugbegleiter als Zeugen noch gehört. Zum Teil haben sie eine sehr lebhafte Erinnerung an ihren „Kunden“ („den habe ich nie mit Fahrkarte angetroffen“), zum Teil können sie ihre Begegnung mit dem Angeklagten nur anhand der die 200-seitige Gerichtsakte füllenden Datenblätter rekonstruieren. Aus diesen geht hervor, dass es sich bei dem Angeklagten um einen höflichen Schwarzfahrer handelt. Er zeigte stets bereitwillig seinen Personalausweis, machte nie Ärger. „Russlanddeutsche bereiten uns wenig Probleme im Zug“, sagt einer der Eisenbahner.

Auch die Kaufhaus-Detektivin, die den Ladendiebstahl mit einem Kollegen über ein Videosystem beobachtet hat, beschreibt den Angeklagten als höflich und kooperativ. Direkt nach der Tat habe dieser den Diebstahl eingeräumt. Vor dem Haus hatten die Detektive den Mann gestellt. Der Parfüm-Flakon fand sich unter einem vor dem Kaufhaus stehenden Bus.

Gericht und Staatsanwaltschaft haben keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin, zumal ein im Gerichtssaal vorgeführtes Video den eigentlichen Diebstahl in Zeitlupe erkennbar macht.

Dafür stellt das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft nach Paragraf 154 der Strafprozessordnung alle Anklagepunkte ein, die sich auf Taten vor der letzten Verurteilung des Angeklagten am 29. Januar 2015 beziehen.

So bleiben 18 Schwarzfahrten und der Diebstahl. Die Anklagevertreterin forderte für die Schwarzfahrten und den Diebstahl eine Gesamtfreiheitsstrafe von 9 Monaten ohne Bewährung. Gegen eine Bewährung sprächen die vielen Vorstrafen, die hohe Rückfallgeschwindigkeit und die Tatsache, dass der Angeklagte unter laufender Bewährung rückfällig geworden sein.

Thomas Strecker bescheinigt seinem Mandanten, unter erschwerten Lebensbedingungen gegenüber früher eine deutlich geringere kriminelle Energie. Er war für eine Freiheitsstrafe zwischen vier und sechs Monaten. Zur Bewährungsfrage werde er keine Ausführungen machen.

Edgar Krug setzt im Urteil nach vierstündiger Verhandlung den Antrag der Staatsanwaltschaft um. Die neun Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung seien ein vorweggenommener Gnadenakt. „Ich sehe keine positive Prognose. Besser als der Angeklagte kann niemand zeigen, dass er keine Bewährung verdient hat“, stellt der Richter fest.

von Matthias Mayer

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