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„Hilfe, Hilfe, ich wurde vergewaltigt“

Gericht „Hilfe, Hilfe, ich wurde vergewaltigt“

Um Nötigung, einen sexuellen Übergriff und eine Würgeattacke ging es gestern vor dem Marburger Jugendschöffengericht, das nach fünfstündiger Verhandlung einen 22-jährigen Kirchhainer zu einer einjährigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilte.

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Quelle: Thorben Wengert, pixelio

Kirchhain. Es ist 4.30 Uhr am 14. Juni 2012. In einem Haus am Kirchhainer Drosselweg schlägt ein Hund an und bellt wie rasend. Dann wird an der Haustür Sturm geklingelt. Die Tochter des Hauses wacht auf und geht nach unten an die Haustür, die sie ein Stück weit öffnet, um sie gleich wieder zuzuschlagen. Draußen sieht sie im Dunkeln zwei Unbekannte: eine junge Frau und einen jungen Mann gesehen. Durch das Fenster beobachtet sie, dass der Mann mit langen Schritten flieht. Sie öffnet die Tür erneut. „Hilfe, Hilfe, ich bin vergewaltigt worden“, ruft ihr die fremde Frau entgegen. Sie kümmert sich gemeinsam mit ihrer herbeigeeilten Mutter um den völlig panisch und verängstigt wirkenden Gast und versucht die damals 22-Jährige zu beruhigen. Diese nennt ihr den Namen ihres Peinigers. Daraufhin reagiert die heute 28 Jahre alte Tochter trotz der alptraumhaften Szene völlig richtig, ruft sofort die Polizei an und schildert den Vorfall. Die Fahndung nach dem mutmaßlichen Täter läuft an.

Morgens um 4.30 Uhr klingelt es an der Haustür

So schilderten die beiden hilfsbereiten Kirchhainerinnen gestern im Zeugenstand die Ereignisse jener Nacht - und leisteten damit einen wesentlichen Beitrag zur Verurteilung des Angeklagten wegen versuchter Nötigung in einem besonders schweren Fall und Körperverletzung.

Das unter Vorsitz von Thomas Rohner tagende Jugendschöffengericht hatte eine schwierige Aufgabe zu lösen, war es doch für die Wahrheitsfindung in Ermangelung von Tatsachenbeweisen allein auf die Zeugenaussagen angewiesen. Da zeugenschaftliche Beweise in der Gerichtsbarkeit als die schwächsten Beweise gelten, hatte Thomas Rohner die Zeugen eindringlich gebeten, nur wahrheitsgemäß auszusagen, was sie tatsächlich mitbekommen haben und auch noch wissen.

Letztlich hatte das Gericht die Glaubwürdigkeit der Zeugen zu bewerten. Und es erkannte die Glaubwürdigkeit bei dem Opfer, auch befördert durch die Aussagen der beiden hilfreichen Kirchhainerinnen: „Die Geschädigte hatte überhaupt keine Veranlassung, grundlos mitten in der Nacht an einer fremden Haustür zu klingeln“, stellte Thomas Rohner in der Urteilsbegründung fest.

Nach der gemeinsamen Überzeugung des Gerichts und der Staatsanwältin Annemarie Wied hat sich das Geschehen so zugetragen, wie von dem heute 23 Jahre alten Opfer beschrieben. Die junge Kirchhainerin interessierte sich für einen jungen Bekannten. Den heute 20-Jährigen rief sie in der Tatnacht an und verabredete mit ihm ein Treffen am Bahnhof. Dort war gerade das Public-Viewing zu einem EM-Spiel der deutschen Mannschaft in Auflösung begriffen. Zu ihrer Enttäuschung traf die Kirchhainerin ihren Favoriten nicht allein, sondern in Begleitung zweier Freunde an. Unter diesen befand sich der Angeklagte, ein mehrfach vorbestrafter Straftäter, der wegen einer Drogentherapie für vier Monate aus der JVA Wiesbaden entlassen worden war. Das Quartett suchte daraufhin den Annapark auf, um zu Chillen und ein paar Bier zu trinken.

Angeklagter wird im Annapark zudringlic h

Dort wurde der Straftäter, möglicherweise ermutigt durch einen einige Monate zurück liegenden flüchtigen sexuellen Kontakt zu der Frau, zudringlich. Er forderte diese zum Oralsex und zum Geschlechtsverkehr auf und bekam als Antwort ein klares „Nein“. Der Angeklagte ließ aber nicht von ihr ab, bis es der Frau zu viel wurde, und sie sich von der Gruppe entfernte. Ihr ungebetener Verehrer folgte ihr aber Richtung Festplatz und schließlich auch die beiden anderen. Unterwegs wiederholte der Angeklagte noch einmal sein eindeutiges Ansinnen und bekam erneut eine Abfuhr.

Die späten Zecher machten es sich auf dem Festplatz-Asphalt vor der Feuerwehrwache „bequem“, unterbrochen durch eine Einlage des Angeklagten, der sein Geschlechtsteil auf ein Auto legte.

Das eigentliche Tatgeschehen entwickelte sich, als der Angeklagte der Frau das Handy aus deren Jackentasche zog. Er entfernte sich mit dem Handy zum Drosselweg und forderte für die Rückgabe des Telefons den Vollzug des Oralverkehrs.

Die junge Frau folgte dem Mann und ging im Gerangel um das Telefon zu Boden. Das nutzte der Angeklagte, um ihr in die Hose zu fassen und an ihrer Scheide zu manipulieren. Wichtig für die strafrechtliche Würdigung des Falles: Die Frau konnte nicht erklären, wie sie zu Boden kam und berichtete auch nichts, was hier auf Gewaltanwendung hindeuten könnte. Deshalb kam eine Verurteilung wegen eines Vergewaltigung nicht in Betracht.

Die Frau wehrte sich und kam wieder auf die Beine. Daraufhin wurde sie von hinten gewürgt. Nach ihrer Aussage war das für sie das schlimmste an dem ganzen Vorfall. Sie habe Todesangst ausgestanden. „Willst Du mich umbringen?“, habe sie den zur Tatzeit 20 Jahre und 11 Monate alte Mann gefragt. Der habe geantwortet: „Ich will Dir nicht weh tun.“ Der Frau gelang es, sich loszureißen und zu besagten Haus zu flüchten.

Der Angeklagte hatten den Vorfall anders geschildert. Er räumte seine eindeutigen Anfragen ein, sagte aber, dass er seine Bekannte mit Ausnahme eines Klapses auf den Po nicht sexuell belästigt habe. Das Handy aber er ihr nicht abgenommen. Sie habe es ihm gereicht, damit er ihr ein Video zeigen könne. Die Rangelei um das Handy sei nur ein freundschaftliches Foppen gewesen. Mehr sei nicht passiert.Das Gericht wertete diese Aussage als lebensfern und bezeichnete auch die Aussagen der beiden Freunde des Angeklagten, die nichts von den Annäherungsversuchen mitbekommen haben wollten, als nicht hilfreich.

„Ein Geschehensablauf,der sich ineinanderfügt“

„Sie ist glaubhaft, weil sie nicht auf das Sexualdelikt abhebt, sondern auf das Würgen“, würdigte Annemarie Wied die einzige Belastungszeugin. Die Staatsanwältin bescheinigte ihr, einen Geschehensablauf beschrieben zu haben, der sich ineinanderfügt. Da die Jugendgerichtshilfe dem Angeklagten wegen dessen Drogensucht Reifungsdefizite bescheinigte, beantragte die Anklage eine Verurteilung nach Jugendrecht. Annemarie Wied sah eine Jugendstrafe von einem Jahr ohne Bewährung als schuld- und tatangemessen.

Die Verteidigung erklärte, dass der Angeklagte sich höchstens einer Körperverletzung schuldig gemacht habe. Der Verteidiger bezweifelte die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin. Diese habe sich nicht vor einer etwaigen Tat seines Mandanten gefürchtet, sondern vor dessen Ruf als Verbrecher.

von Matthias Mayer

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