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"Handlanger" muss fünf Jahre hinter Gitter

Raubüberfall "Handlanger" muss fünf Jahre hinter Gitter

Sechseinhalb Jahre nach dem brutalen Überfall auf ein Juweliergeschäft in Stadtallendorf wandert auch der Letzte des Räuber-Trios hinter Gitter. Ihm droht in einigen Jahren die Abschiebung.

Stadtallendorf. Fünf Jahre Freiheitsstrafe wegen gemeinschaftlichen, besonders schweren Raubes in Tateinheit mit gemeinschaftlicher, gefährlicher Körperverletzung - so lautet das Urteil der Strafkammer gegen einen 35 Jahre alten Mann.

Dieser hatte sich im November 2011 an einem Überfall beteiligt, der von einer „besonders brutalen Vorgehensweise und massiver Gewalteinwirkung“ geprägt war, begründete der Vorsitzende Richter, Dr. Frank Oehm, die besondere Schwere der Tat. Der Beschuldigte habe sich zwar nicht an dem Gewaltexzess seiner Komplizen gegen den Juwelier beteiligt, aber dennoch „wesentliche Tatbeiträge“ geleistet. Es sei ein „Musterfall eines besonders schweren Raubs“, betonte Staatsanwalt Johannes Stochel. Für das Gericht stand am zweiten Verhandlungstag fest, dass der Täter eingeweiht war und auch vom Elektroschocker des Komplizen wusste.

Mehrfach hatte der Beschuldigte erklärt, er habe nichts von der Waffe gewusst, sei mit dem brutalen Vorgehen der Mittäter nicht einverstanden gewesen. Das nahm ihm die Kammer so nicht ab. Wie auf den Überwachungsbändern deutlich wurde, hatte er „ganz genau hingeschaut“, als der Mittäter den Schocker benutzte. Dennoch blieb der Angeklagte „ganz cool und überlegt“, räumte fachmännisch die Vitrinen aus und steckte die Beute ein. Und das, „während auf der anderen Seite des Tresens ein Mensch ganz furchtbar misshandelt wurde“, so der Richter.

Wie der Geschädigte zuvor mitgeteilt hatte, gingen die Männer unnötig vehement vor. „Ich habe gedacht, ich sterbe. Seitdem komme ich nicht mehr vorwärts, ich wurde psychisch krank“, berichtete der heute 54-Jährige. Auch von dem hohen wirtschaftlichen Verlust, den der Raub für sein Geschäft bedeutete, habe er sich bis heute nicht erholen können.

Laut des Zeugen verursachten die Räuber einen Schaden von mindestens 115000 Euro, nur knapp die Hälfte wurde von der Versicherung ersetzt. „Ich kann nicht mehr. Ohne den Überfall wäre es nie so weit gekommen“, berichtete der Geschädigte unter Tränen vor Gericht.

Haftzeit in Litauen soll „pervers“ gewesen sein

Nach dessen Aussage richtete der Angeklagte einige Worte an das Opfer. „Ich möchte ich mich von Herzen entschuldigen, ich bitte Sie um Verzeihung“, sagte der Mann feierlich, im Stehen und mit gefalteten Händen. Die Entschuldigung nahm der Geschädigte an. „Jeder macht zwar mal Fehler, aber dieser Fehler hat mein Leben zerstört. Ich verzeihe Ihnen“, so der Juwelier.

Die Entschuldigung wertete das Gericht zugunsten des Angeklagten. Ebenso wie „eine gewisse wirtschaftliche Zwangslage“ und die eher „untergeordnete Rolle“ des Mannes, der anscheinend auf Geheiß einer bundesweit agierenden Bande gehandelt hatte. Während des Prozesses erhärtete sich der Verdacht, dass hinter dem Überfall in Stadtallendorf eine „litauische Tätergruppe“ stand, auf deren Konto zahlreiche weitere Raubzüge in der Bundesrepublik gehen. Während die tonangebenden Hintermänner wohl aus Litauen heraus die Überfälle organisieren, traten Täter wie der Angeklagte vor Ort „als Handlanger“ auf, „die Befehle empfangen“, schlussfolgerte der Richter.

Auf eine Rolle als Mitläufer und ein „Abhängigkeitsverhältnis“ seines Mandanten gegenüber den dominanten Komplizen hatte zuvor bereits Verteidiger Gérald Eswein-Bielauskas hingewiesen.

Das Urteil vernahm der Mann äußerlich ruhig, mit unbewegter Miene und einem langsamen Nicken. Seine Haftstrafe wird er in einer deutschen Justizvollzugsanstalt absitzen. Dieser Umstand, der anscheinend durchaus als Glück im Unglück verbucht werden kann, löste schon fast Erleichterung auf der Anklagebank aus. Denn: Wie im Verlauf des Prozesses festgestellt wurde, fand die dreimonatige Auslieferungshaft in Litauen für den Täter anscheinend „unter katastrophalen Bedingungen“ statt, wie es der Verteidiger ausdrückte. In dem litauischen Gefängnis herrsche ein Kastensystem vor, im Rahmen von „Verhältnissen, die noch aus der Sowjetunion stammen - es ist pervers, das kann man sich nicht vorstellen“, erklärte der Anwalt. Sein Mandant gehörte dort zur untersten Ebene, sei malträtiert, vergewaltigt und gebrochen worden. Angesichts dessen sprach sich die Verteidigung für einen Härteausgleich aus.

Dem stimmte die Kammer zu. Die Haftdauer in Litauen bezog das Gericht im Verhältnis zwei zu eins in das Urteil mit ein. Es blieb am untersten Strafrahmen von fünf Jahren. Etwa nach der Hälfte der verbüßten Strafe muss der Beschuldigte damit rechnen, abgeschoben zu werden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Eine Warnung gab Dr. Oehm dem Verurteilten und möglichen weiteren Tätern der potenziellen Bande nach der langen Zeit noch mit auf den Weg: „Die Mühlen der deutschen Justiz mahlen zuweilen sehr langsam, aber sie mahlen stetig. Letztendlich kriegen wir sie alle“, kommentierte der Richter den krönenden Abschluss eines aufwendigen Ermittlungsverfahrens, das nach fast sechs Jahren nun beendet wurde.

von Ina Tannert

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