Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Gutachter findet Belege für „echten“ Gedächtnisschwund

Kinderpornos Gutachter findet Belege für „echten“ Gedächtnisschwund

Ein Stadtallendorfer Frührentner lud 10 000 Dateien mit kinderporno­grafischem Material aus dem Internet herunter.

Voriger Artikel
Freibad-Förderverein vor der Gründung
Nächster Artikel
„Das Trennende muss nicht negativ sein“

Stadtallendorf. Der an Amnesie leidende Angeklagte gab an, von den Dateien rein gar nichts zu wissen. Die Polizei fand die Daten bei einer Hausdurchsuchung auf mehreren Laptops, CDs und DVDs. Richter Thomas Rohner blickte verwundert drein. „Sie wollen mir sagen, dass Sie gar nichts dazu sagen können?“, fragte er den Angeklagten. Dieser erklärte während des Strafprozesses am Amtsgericht Marburg nämlich, dass er an den Tatbestand und auch an die Hausdurchsuchung, die die Polizei bei ihm vorgenommen hatte, überhaupt keine Erinnerungen mehr habe.

Der 55-jährige Stadtallendorfer soll sich mithilfe eines Computerprogramms, das den Austausch von Dateien mit anderen Internetnutzern ermöglicht, an mindestens zwei Tagen im August 2015 in den Besitz von kinderpornografischem Material gebracht haben. Schriften, Bilder und Videos – vom Posieren bis hin zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen. Insgesamt mehr als 10 000 Dateien. „Man muss feststellen, dass sich diese große Anzahl in den oberen zehn Prozent der mir bekannten Gerichtsfälle bewegt“, stellte Staatsanwalt Jonathan Poppe fest. Ein strafverschärfender Umstand.

„Ich kann mich nicht einmal mehr an gestern erinnern“, beteuerte der 55-jährige Frührentner, Ehemann und Vater einer Tochter. Sowohl Richter Rohner als auch Staatsanwalt Jonathan Poppe fiel es schwer, dem Delinquenten dessen angeblich massive Gedächtnislücken abzukaufen. Schon alleine, weil der Angeklagte während der Hausdurchsuchung versuchte, das auf CDs, DVDs und Laptops gespeicherte Material vor der Polizei zu verstecken.
Weil seine Frau und seine Tochter derartige Dateien „sicher nicht“ konsumieren, schlussfolgerte der Angeklagte, dass nur er das belastende Material heruntergeladen haben konnte. Und er übernahm Verantwortung: „Wenn ich Mist gebaut habe, muss ich dafür bestraft werden.“

Die Gedächtnislücken hielt Dr. Rolf Speier, Sachverständiger und Direktor der Vitos-Klinik Haina, für glaubwürdig. Er hatte ein psychologisches Gutachten des Angeklagten erstellt und erklärte Gericht, Staatsanwalt und Verteidigung seine Befunde: Aufgrund des regelmäßigen Konsums von Opiaten und Alkohol stellte Dr. Speier eine kognitive Störung beziehungsweise ein „amnestisches Syndrom“. so der Fachbegriff, fest. „Seit unserem letzten Treffen ist sein Gedächtnis deutlich schlechter geworden“, erklärte der Psychiater.

Der Delinquent konnte sich weder an das Treffen mit seinem Verteidiger, Thomas Strecker, noch an seine polizeiliche Vernehmung erinnern. Pädophil sei der 55-Jährige laut Dr. Speier definitiv nicht. Er nannte den Tatbestand eine „pädophile ­Gelegenheitshandlung“.

Auch aufgrund dieser Einschätzung, und weil es das erste Vergehen des 55-Jährigen war, verurteilte Richter Rohner den Mann zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten,  die jedoch zur Bewährung ausgesetzt wurde.

von Benjamin Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr